Phänomen einer Kommunikation bzw. eines Diskurses zu einem räumlichen Etwas
gemacht, was letztlich nicht viel mehr zutage bringe als Regionalfolklorismus.226
Im Verlauf der sieh an dieser Kritik entzündenden Debatte konnten einige Aspekte
der Verwendbarkeit des Konzepts Raumbewußtsein in der Forschung geklärt werden.
Bereits Blotevogel, Heinritz und Popp selber präzisierten ihr Modell, indem sie drei
verschiedene Ausprägungen unterschieden.22 Wichtiger aber erscheint die Präzisierung
und Erweiterung durch Peter Weichhart. Basierend auf einem leicht abgewandelten
Konzept von Raumbew'ußtsein stellt er fest: „Auch auf der Ebene sozialer
Systeme läßt sich der Sinn raumbezogener Identität als funktionale Leistung darstellen,
die der Systemerhaltung und dem Ablauf systemstabilisierender Prozesse
dient.“ Diese sei aber nun weder zu kartieren noch zu beschreiben, sondern gemäß
der Leitfragestellung: „Weiche Voraussetzungen und Prozesse bewirken denn, daß
der Konsument des produzierten Regionalbewußtseins dieses dann internalisiert, sich
zu eigen macht?“ zu untersuchen.22*
Bei der regionalwissenschaftlichen Grundlegung der Bundeslandgeschichte ist daher
in Betracht zu ziehen, daß es offenbar eine universelle Eigenschaft menschlicher
sozialer Systeme zu sein scheint, Probleme oder ihre Lösungen räumlich bzw. mit
Raumbezügen zu verarbeiten oder zu vermitteln.229 231 In regionalgeschichtlicher Perspektive
sollen daher nicht die jeweiligen Räume (bzw. Raumabstraktionen) untersucht
werden, sondern es gilt die Frage zu verfolgen, welche Probleme mit Hilfe
räumlicher Bezüge gesellschaftlich verarbeitet wurden.2'0 Die Bundeslandgeschichte
sollte daher davon ausgehen, daß die Bundesländer eine Art räumlichen Code darstellen,
durch den Wahrnehmung und Verarbeitung von Problemen in sozialer Interaktion
erfolgen.2’1 Damit wird also Raum zur Region, indem er als soziale Repräsen¬226
Dcrs., Das Regionalbewußtsein im Spiegel der regionalistischen Utopie, in: Informationen zur Raumentwicklung
H. 7 (1987), S. 419-440, hier: S. 423ff. Ähnliche Argumente, insbesondere den Vorwurf des
„Anachronismus“, vgl. auch bei Gerhard Bahrenberg, Unsinn und Sinn des Regionalismus in der Geographie,
in: Geographische Zeitschrift 75 (1987), S. 149-160. Vgl. hierzu auch Ulf Hahne, Das Regionstypische
als Entwicklungschance? Zur ldentifizierbarkeit und Vermarktung regionaler Produkte, in:
Informationen zur Raumentwicklung H. 7/8 (1987), S. 465-473.
227 Nämlich „räumliche Identität“, „individuelle räumliche Identifikation“ und „soziale räumliche Identifikation“,
vgl. Hans H. Blotevogel, Günter Heinritz u. Herbert Popp, Regionalbewußtsein. Zum Stand der
Diskussion um einen Stein des Anstosses, in: Geographische Zeitschrift 77 (1989), S. 65-88, hier: S. 72ff.
228 Peter Weichhart, Raumbezogene Identität. Bausteine zu einer Theorie räumlich-sozialer Kognition und
Identifikation, Stuttgart 1990, hier: S. 32.
22S Vgl. hierzu die sehr instruktive Luhmann-Kritik bei Jürgen Habermas, Können komplexe Gesellschaften
eine vernünftige Identität ausbilden?, in: ders., Zur Rekonstruktion des Historischen Materialismus,
Frankfurt a.M. 1976, S. 92-126, bes. S. 1 13ff.
230 Franz Steinbach, Zur Diskussion über den Begriff der Region - eine Grundsatzfrage neuerer Landesgeschichte,
in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 31 (1981), S. 185-210, hier: S. 208, definiert
diesen Gedanken als wichtigste Interpretationslinie der Regionalgeschichte.
231 An dieser Stelle sollte der bislang vielleicht weitestgehende Ansatz von Detlef Briesen, Warum
Bundeslandgeschichte? Reflexionen am Beispiel einer „Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte des
Rheinlandes und Westfalens 1955-1995“, in: Comparativ 5 (1995), S. 102-111, modifiziert werden.
Briesen spricht zwar zu Recht davon, daß durch Untersuchung der Bundesländer die komplexen Beziehun-268