Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Phänomen  einer  Kommunikation  bzw.  eines  Diskurses  zu  einem  räumlichen  Etwas
gemacht,  was  letztlich  nicht  viel  mehr  zutage  bringe  als  Regionalfolklorismus.226
Im  Verlauf  der  sieh  an  dieser  Kritik  entzündenden  Debatte  konnten  einige  Aspekte
der  Verwendbarkeit  des  Konzepts  Raumbewußtsein  in  der  Forschung  geklärt  werden.
Bereits  Blotevogel,  Heinritz  und  Popp  selber  präzisierten  ihr  Modell,  indem  sie  drei
verschiedene  Ausprägungen  unterschieden.22  Wichtiger  aber  erscheint  die  Präzisierung
  und  Erweiterung  durch  Peter  Weichhart.  Basierend  auf  einem  leicht  abgewandelten
  Konzept  von  Raumbew'ußtsein  stellt  er  fest:  „Auch  auf  der  Ebene  sozialer
Systeme  läßt  sich  der  Sinn  raumbezogener  Identität  als  funktionale  Leistung  darstellen,
  die  der  Systemerhaltung  und  dem  Ablauf  systemstabilisierender  Prozesse
dient.“  Diese  sei  aber  nun  weder  zu  kartieren  noch  zu  beschreiben,  sondern  gemäß
der  Leitfragestellung:  „Weiche  Voraussetzungen  und  Prozesse  bewirken  denn,  daß
der  Konsument  des  produzierten  Regionalbewußtseins  dieses  dann  internalisiert,  sich
zu  eigen  macht?“  zu  untersuchen.22*
Bei  der  regionalwissenschaftlichen  Grundlegung  der  Bundeslandgeschichte  ist  daher
in  Betracht  zu  ziehen,  daß  es  offenbar  eine  universelle  Eigenschaft  menschlicher
sozialer  Systeme  zu  sein  scheint,  Probleme  oder  ihre  Lösungen  räumlich  bzw.  mit
Raumbezügen  zu  verarbeiten  oder  zu  vermitteln.229 231  In  regionalgeschichtlicher  Perspektive
  sollen  daher  nicht  die  jeweiligen  Räume  (bzw.  Raumabstraktionen)  untersucht
  werden,  sondern  es  gilt  die  Frage  zu  verfolgen,  welche  Probleme  mit  Hilfe
räumlicher  Bezüge  gesellschaftlich  verarbeitet  wurden.2'0  Die  Bundeslandgeschichte
sollte  daher  davon  ausgehen,  daß  die  Bundesländer  eine  Art  räumlichen  Code  darstellen,
  durch  den  Wahrnehmung  und  Verarbeitung  von  Problemen  in  sozialer  Interaktion
  erfolgen.2’1  Damit  wird  also  Raum  zur  Region,  indem  er  als  soziale  Repräsen¬226

  Dcrs.,  Das  Regionalbewußtsein  im  Spiegel  der  regionalistischen  Utopie,  in:  Informationen  zur  Raumentwicklung
  H.  7  (1987),  S.  419-440,  hier:  S.  423ff.  Ähnliche  Argumente,  insbesondere  den  Vorwurf  des
„Anachronismus“,  vgl.  auch  bei  Gerhard  Bahrenberg,  Unsinn  und  Sinn  des  Regionalismus  in  der  Geographie,
  in:  Geographische  Zeitschrift  75  (1987),  S.  149-160.  Vgl.  hierzu  auch  Ulf  Hahne,  Das  Regionstypische
  als  Entwicklungschance?  Zur  ldentifizierbarkeit  und  Vermarktung  regionaler  Produkte,  in:
Informationen  zur  Raumentwicklung  H.  7/8  (1987),  S.  465-473.
227  Nämlich  „räumliche  Identität“,  „individuelle  räumliche  Identifikation“  und  „soziale  räumliche  Identifikation“,
  vgl.  Hans  H.  Blotevogel,  Günter  Heinritz  u.  Herbert  Popp,  Regionalbewußtsein.  Zum  Stand  der
Diskussion  um  einen  Stein  des  Anstosses,  in:  Geographische  Zeitschrift  77  (1989),  S.  65-88,  hier:  S.  72ff.
228  Peter  Weichhart,  Raumbezogene  Identität.  Bausteine  zu  einer  Theorie  räumlich-sozialer  Kognition  und
Identifikation,  Stuttgart  1990,  hier:  S.  32.
22S  Vgl.  hierzu  die  sehr  instruktive  Luhmann-Kritik  bei  Jürgen  Habermas,  Können  komplexe  Gesellschaften
  eine  vernünftige  Identität  ausbilden?,  in:  ders.,  Zur  Rekonstruktion  des  Historischen  Materialismus,
  Frankfurt  a.M.  1976,  S.  92-126,  bes.  S.  1  13ff.
230  Franz  Steinbach,  Zur  Diskussion  über  den  Begriff  der  Region  -  eine  Grundsatzfrage  neuerer  Landesgeschichte,
  in:  Hessisches  Jahrbuch  für  Landesgeschichte  31  (1981),  S.  185-210,  hier:  S.  208,  definiert
diesen  Gedanken  als  wichtigste  Interpretationslinie  der  Regionalgeschichte.
231  An  dieser  Stelle  sollte  der  bislang  vielleicht  weitestgehende  Ansatz  von  Detlef  Briesen,  Warum
Bundeslandgeschichte?  Reflexionen  am  Beispiel  einer  „Wirtschafts-  und  Gesellschaftsgeschichte  des
Rheinlandes  und  Westfalens  1955-1995“,  in:  Comparativ  5  (1995),  S.  102-111,  modifiziert  werden.
Briesen  spricht  zwar  zu  Recht  davon,  daß  durch  Untersuchung  der  Bundesländer  die  komplexen  Beziehun-268


            
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