Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Methodische  Ansätze  hierfür  brachte  die  in  der  Geographie  über  Jahre  hinweg
geführte  „BHP-Kontroverse“,  die  in  der  zeithistorischen  Forschung  bislang  kaum
rezipiert  wurde,  obwohl  methodische  Einflüsse  aus  dieser  Disziplin  die  Landesgeschichte
  schon  seit  ihrer  Institutionalisierung  maßgeblich  geprägt  hatten.222  Ihren
Ausgangspunkt  fand  sie  im  Jahr  1987  in  einem  Aufsatz  in  den  „Informationen  zur
Raumentwicklung“.22'  Hans  H.  Blotevogel,  Günter  Heinritz  und  Herbert  Popp  schlugen
  vor,  das  Bewußtsein  von  Menschen  über  ihre  Zugehörigkeit  zu  einem  Raum,
größer  als  die  lokale,  aber  kleiner  als  die  nationale  Ebene,  zu  untersuchen.  Unter  dem
Leitbegriif  des  Regionalbewußtseins  sollte  Aufschluß  über  Entstehung,  Wandlung
und  Verdrängung  von  Raumideen  gewonnen  werden  können.  Dies  sollte  einen
Beitrag  zur  Lösung  aktueller  politischer  Probleme  darstellen,  insofern  die  politisch
gebotene  Regionalisierung  von  Regionalpolitik  durch  eine  kulturgeographische
Gliederung  des  Raumes  und  eine  rationale  Rekonstruktion  des  Bewußtseins  aus  der
Insider-Perspektive  unterstützt  werden  sollte.
Prinzipiell  kann  dieser  Ansatz  weder  als  neu  noch  als  einzigartig  bezeichnet
werden.224 225  Trotzdem  rief  der  Vorstoß  unmittelbar  nach  seiner  Veröffentlichung
heftige  Kritik  hervor.  Nach  der  Auffassung  von  Gerhard  Hard  waren  die  Autoren  des
Forschungsprojektes  in  die  „Falle“  der  sogenannten  „semantischen  Substitution“
getappt.  Letztlich,  so  Hard,  gehe  es  bei  dem  vorgeschlagenen  Projekt  um  Gefühle,
Empfindungen  und  Ideen;  man  wähle  also  einen  räumlichen  Code,  um  Emotionen  zu
beschreiben.  Diese  Herangehensweise  müsse  jedoch  in  funktional  differenzierten
Gesellschaften  versagen,  möglich  sei  allenfalls,  die  räumliche  Distribution  von
Raumabstraktionen  in  der  Gesellschaft  zu  beschreiben.22"  Außerdem,  so  der  Vorwurf,
handele  es  sich  letztlich  bei  dem  Projekt  um  die  Übernahme  politischer  Vorgaben  der
regionalisierten  Regionalpolitik  in  die  Geographie  -  bei  Beibehaltung  einer  veralteten
Herangehensweise,  nämlich  der  Abbildung  von  Regionsvorstellungen  (-bewußtsein)
und  Regionsnamen  auf  einen  realen  Raum.  Dadurch  werde  das  nicht-regionale

222  Pauschalisierend  hierzu  Osterhammel,  Wiederkehr,  S.  375:  „In  der  gesamten  Theoriediskussion  der
letzten  drei  Jahrzehnte  fehlte  das  neben  Ökonomie,  Soziologie  und  Ethnologie/Anthropologie  vierte
wichtige  Nachbarfach  der  Geschichtswissenschaft,  das  ihr  in  der  alteuropäischen  Fächersystematik  sogar
nächste:  die  Geographie.“
223  Hans  H.  Blotevogel,  Günter  Heinritz  u.  Herbert  Popp,  Regionalbewußtsein  -  Überlegungen  zu  einer
geographisch-landeskundlichen  Forschungsinitiative,  in:  Informationen  zur  Raumentwicklung  H.  7  (1987),
S.  409-418.
224  Zur  Wissenschaftsgeschichte  von  Raum  als  Forschungskonzept  vgl.  Ute  Wardenga  u.  Judith  Miggelbrink,
  Zwischen  Realismus  und  Konstruktivismus:  Regionsbegrifife  in  der  Geographie  und  anderen
Humanwissenschaften,  in:  Wollersheim,  Tzschaschel  u.  Middel  (Hgg.),  Region,  S.  33-46.  Klüter,  Raum,
hatte  praktisch  zeitgleich  mit  „BHP“  in  seiner  hochtheoretischen  Arbeit  versucht,  geographische
Raum-Begriffe  mit  sozialwissenschaftlicher  Theorie,  hier  v.a.  die  Gesellschaftstheorie  Luhmanns,  zu
verknüpfen  und  dabei  durchaus  vergleichbare  Ansätze  gewählt.  Ein  ähnliches  Forschungsprojekt  wie
„BHP“  mit  ebenfalls  ausgeprägter  Methodik  legten  vor:  Hans-Peter  Meier-Dallach,  Susanne  Hohermuth
u.  Rolf  Nef,  Regionalbewußtsein,  soziale  Schichtung  und  politische  Kultur.  Forschungsergebnisse  und
methodologische  Aspekte,  in:  Informationen  zur  Raumentwicklung  H.  7  (1987),  S.  377-394.
225  Gerhard  Hard,  „Bewußtseinsräume“.  Interpretationen  zu  geographischen  Versuchen,  regionales
Bewußtsein  zu  erforschen,  in:  Geographische  Zeitschrift  75  (1987),  S.  127-148,  hier:  S.  130ff.  u.  S.  145.

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