Methodische Ansätze hierfür brachte die in der Geographie über Jahre hinweg
geführte „BHP-Kontroverse“, die in der zeithistorischen Forschung bislang kaum
rezipiert wurde, obwohl methodische Einflüsse aus dieser Disziplin die Landesgeschichte
schon seit ihrer Institutionalisierung maßgeblich geprägt hatten.222 Ihren
Ausgangspunkt fand sie im Jahr 1987 in einem Aufsatz in den „Informationen zur
Raumentwicklung“.22' Hans H. Blotevogel, Günter Heinritz und Herbert Popp schlugen
vor, das Bewußtsein von Menschen über ihre Zugehörigkeit zu einem Raum,
größer als die lokale, aber kleiner als die nationale Ebene, zu untersuchen. Unter dem
Leitbegriif des Regionalbewußtseins sollte Aufschluß über Entstehung, Wandlung
und Verdrängung von Raumideen gewonnen werden können. Dies sollte einen
Beitrag zur Lösung aktueller politischer Probleme darstellen, insofern die politisch
gebotene Regionalisierung von Regionalpolitik durch eine kulturgeographische
Gliederung des Raumes und eine rationale Rekonstruktion des Bewußtseins aus der
Insider-Perspektive unterstützt werden sollte.
Prinzipiell kann dieser Ansatz weder als neu noch als einzigartig bezeichnet
werden.224 225 Trotzdem rief der Vorstoß unmittelbar nach seiner Veröffentlichung
heftige Kritik hervor. Nach der Auffassung von Gerhard Hard waren die Autoren des
Forschungsprojektes in die „Falle“ der sogenannten „semantischen Substitution“
getappt. Letztlich, so Hard, gehe es bei dem vorgeschlagenen Projekt um Gefühle,
Empfindungen und Ideen; man wähle also einen räumlichen Code, um Emotionen zu
beschreiben. Diese Herangehensweise müsse jedoch in funktional differenzierten
Gesellschaften versagen, möglich sei allenfalls, die räumliche Distribution von
Raumabstraktionen in der Gesellschaft zu beschreiben.22" Außerdem, so der Vorwurf,
handele es sich letztlich bei dem Projekt um die Übernahme politischer Vorgaben der
regionalisierten Regionalpolitik in die Geographie - bei Beibehaltung einer veralteten
Herangehensweise, nämlich der Abbildung von Regionsvorstellungen (-bewußtsein)
und Regionsnamen auf einen realen Raum. Dadurch werde das nicht-regionale
222 Pauschalisierend hierzu Osterhammel, Wiederkehr, S. 375: „In der gesamten Theoriediskussion der
letzten drei Jahrzehnte fehlte das neben Ökonomie, Soziologie und Ethnologie/Anthropologie vierte
wichtige Nachbarfach der Geschichtswissenschaft, das ihr in der alteuropäischen Fächersystematik sogar
nächste: die Geographie.“
223 Hans H. Blotevogel, Günter Heinritz u. Herbert Popp, Regionalbewußtsein - Überlegungen zu einer
geographisch-landeskundlichen Forschungsinitiative, in: Informationen zur Raumentwicklung H. 7 (1987),
S. 409-418.
224 Zur Wissenschaftsgeschichte von Raum als Forschungskonzept vgl. Ute Wardenga u. Judith Miggelbrink,
Zwischen Realismus und Konstruktivismus: Regionsbegrifife in der Geographie und anderen
Humanwissenschaften, in: Wollersheim, Tzschaschel u. Middel (Hgg.), Region, S. 33-46. Klüter, Raum,
hatte praktisch zeitgleich mit „BHP“ in seiner hochtheoretischen Arbeit versucht, geographische
Raum-Begriffe mit sozialwissenschaftlicher Theorie, hier v.a. die Gesellschaftstheorie Luhmanns, zu
verknüpfen und dabei durchaus vergleichbare Ansätze gewählt. Ein ähnliches Forschungsprojekt wie
„BHP“ mit ebenfalls ausgeprägter Methodik legten vor: Hans-Peter Meier-Dallach, Susanne Hohermuth
u. Rolf Nef, Regionalbewußtsein, soziale Schichtung und politische Kultur. Forschungsergebnisse und
methodologische Aspekte, in: Informationen zur Raumentwicklung H. 7 (1987), S. 377-394.
225 Gerhard Hard, „Bewußtseinsräume“. Interpretationen zu geographischen Versuchen, regionales
Bewußtsein zu erforschen, in: Geographische Zeitschrift 75 (1987), S. 127-148, hier: S. 130ff. u. S. 145.
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