Abgesehen von der Frage, wie ein derartiges Regionalkonzept mit Bundesländern
umgeht, die zu bestimmten Zeiten keine durch ökonomischen Strukturwandel bedingte
Krise kennen, und von der daraus bereits abzuleitenden Verengung des Regionalbegriffs
auf den Kontext von deindustrialisierten Krisenräumen, stellt sich darüber
hinaus die Frage, welchen Stellenwert in diesen Konzepten die Bundesländer einnehmen.
Letztlich leugnen diese Ansätze die Bedeutung der Bundesländer für regionalgeschichtliche
Arbeiten, sind sie doch allenfalls dann relevant, wenn sie - zufällig?
- mit den Grenzen einer Krisenregion übereinstimmend1 Zu kritisieren bleibt
also der den Arbeiten zur Geschichte der Bundesländer nicht selten zugrunde liegende
administrativ-institutionelle Zugang bei der Definition ihrer Untersuchungsgegenstände.2ls
Hinterfragt wird eine Sichtweise, die den Bundesländern ohne weitere
Begründung eine Systemqualität zuweist, wie dies ansonsten allenfalls bei Nationalstaaten
für akzeptabel gehalten wird. Eine Erforschung der Bundesländer ist daher -
das haben die strukturgeschichtlichen Arbeiten gezeigt - unbestritten „notwendig“,
darfjedoch keinesfalls als „Nationalgeschichte in kleinem Maßstab“2|g mißverstanden
werden, sondern muß eine ausreichende methodische Grundlegung des Ansatzes
erfahren. Mit anderen Worten ist der Anspruch, daß im Rahmen der auf Bundeslandgeschichte
ausgerichteten Forschung den deutschen Ländern eine Qualität „sui
generis“* 220 zuzuweisen sei, die im einzelnen durch konkrete Forschungsarbeit noch zu
definieren wäre,221 noch nicht eingelöst.
:r Vgl. hierzu z.B. die frühe Arbeit von Helmuth Croon u. Karl Utermann, Zeche und Gemeinde. Untersuchungen
über den Strukturwandel einer Zechengemeinde im nördlichen Ruhrgebiet, Tübingen 1958 (=Soziale
Forschung und Praxis 19), welche die Bewältigung des durch den Ausbau des Steinkohlenbergbaus
und den Zuzug von Arbeitskräften bedingten Strukturwandels nach 1945 auf regionaler Ebene
erklären, ohne auf das Bundesland zu rekurrieren. Ähnliche Ansätze verwenden Hartmut Esser, Lokale
Identifikation im Ruhrgebiet. Zur allgemeinen Erklärung einer speziellen Angelegenheit, in: Informationen
zur Raumentwicklung H. 3 (1987), S. 109-119, und Ferdinand Böltken, Ortsgebundenheit und Ortsverbundenheit.
Empirische Befunde im Zeit- und Regionalvergleich, in: Informationen zur Raumentwicklung
H. 12 (1987), S. 147-156, die ähnlich wie bereits Erich Reigrotzki, Soziale Verflechtungen in der
Bundesrepublik. Elemente der sozialen Teilnahme in Kirche, Politik, Organisationen und Freizeit,
Tübingen 1956, auf Umfrageergebnisse zurückgreifen.
218 Vgl. hierzu die harsche Kritik von Kiesewetter, Region und Industrie, S. 189-193.
214 Hans-Joachim Behr, Zeitgeschichte in Land und Region. Anmerkungen und Hinweise, in: Geschichte
im Westen 4 (1989), S. 181-197. „Bundeslandgeschichte [ist]... wenn nicht wissenschaftlich zwingend, so
doch politisch dringend geworden“, Ernst Hinrichs, Bundeslandgeschichte zwischen Regionalgeschichte
und „Staaten“geschichte. Eine Betrachtung anläßlich des Jubiläums des Landes Niedersachsen, in:
Hans-Jürgen Gerhard (Hg.), Struktur, Bd. 2 S. 487-497, hier: S. 492. Dagegen interpretiert das umfangreiche
Projekt von Etienne François u. Hagen Schulze (Hgg.), Deutsche Erinnerungsorte, 4 Bde. München
2001, die deutsche Geschichte in langfristiger Perspektive anhand eines Großteils der hier beschriebenen
Forschungsansätze, glaubt aber auf den Rückgriff auf regionalgeschichtliche Methoden weitgehend
verzichten zu können. Vgl. hierzu auch die methodischen Vorüberlegungen in: Etienne François (Hg.),
Lieux de mémoire, Erinnerungsorte. D'un modèle français à un projet allemand, Strasbourg 1996 (= Cahier
du Centre Marc Bloch 6), sowie Etienne François, Hannes Siegrist u. Jakob Vogel (Hgg.), Nation und
Emotion. Deutschland und Frankreich im Vergleich. 19. und 20. Jahrhundert, Göttingen 1995.
220 Düwell, Föderalismus, S. 43. Vgl. hierzu auch die Einleitung des Herausgebers in dem Sammelband
Boldt (Hg.), Nordrhein-Westfalen, S. 13.
221 Reulecke, Landesgeschichte, S. 206.
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