Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Abgesehen  von  der  Frage,  wie  ein  derartiges  Regionalkonzept  mit  Bundesländern
umgeht,  die  zu  bestimmten  Zeiten  keine  durch  ökonomischen  Strukturwandel  bedingte
  Krise  kennen,  und  von  der  daraus  bereits  abzuleitenden  Verengung  des  Regionalbegriffs
  auf  den  Kontext  von  deindustrialisierten  Krisenräumen,  stellt  sich  darüber
hinaus  die  Frage,  welchen  Stellenwert  in  diesen  Konzepten  die  Bundesländer  einnehmen.
  Letztlich  leugnen  diese  Ansätze  die  Bedeutung  der  Bundesländer  für  regionalgeschichtliche
  Arbeiten,  sind  sie  doch  allenfalls  dann  relevant,  wenn  sie  -  zufällig?
  -  mit  den  Grenzen  einer  Krisenregion  übereinstimmend1  Zu  kritisieren  bleibt
also  der  den  Arbeiten  zur  Geschichte  der  Bundesländer  nicht  selten  zugrunde  liegende
  administrativ-institutionelle  Zugang  bei  der  Definition  ihrer  Untersuchungsgegenstände.2ls
  Hinterfragt  wird  eine  Sichtweise,  die  den  Bundesländern  ohne  weitere
Begründung  eine  Systemqualität  zuweist,  wie  dies  ansonsten  allenfalls  bei  Nationalstaaten
  für  akzeptabel  gehalten  wird.  Eine  Erforschung  der  Bundesländer  ist  daher  -
das  haben  die  strukturgeschichtlichen  Arbeiten  gezeigt  -  unbestritten  „notwendig“,
darfjedoch  keinesfalls  als  „Nationalgeschichte  in  kleinem  Maßstab“2|g  mißverstanden
werden,  sondern  muß  eine  ausreichende  methodische  Grundlegung  des  Ansatzes
erfahren.  Mit  anderen  Worten  ist  der  Anspruch,  daß  im  Rahmen  der  auf  Bundeslandgeschichte
  ausgerichteten  Forschung  den  deutschen  Ländern  eine  Qualität  „sui
generis“* 220  zuzuweisen  sei,  die  im  einzelnen  durch  konkrete  Forschungsarbeit  noch  zu
definieren  wäre,221  noch  nicht  eingelöst.

:r  Vgl.  hierzu  z.B.  die  frühe  Arbeit  von  Helmuth  Croon  u.  Karl  Utermann,  Zeche  und  Gemeinde.  Untersuchungen
  über  den  Strukturwandel  einer  Zechengemeinde  im  nördlichen  Ruhrgebiet,  Tübingen  1958  (=Soziale
  Forschung  und  Praxis  19),  welche  die  Bewältigung  des  durch  den  Ausbau  des  Steinkohlenbergbaus
  und  den  Zuzug  von  Arbeitskräften  bedingten  Strukturwandels  nach  1945  auf  regionaler  Ebene
erklären,  ohne  auf  das  Bundesland  zu  rekurrieren.  Ähnliche  Ansätze  verwenden  Hartmut  Esser,  Lokale
Identifikation  im  Ruhrgebiet.  Zur  allgemeinen  Erklärung  einer  speziellen  Angelegenheit,  in:  Informationen
zur  Raumentwicklung  H.  3  (1987),  S.  109-119,  und  Ferdinand  Böltken,  Ortsgebundenheit  und  Ortsverbundenheit.
  Empirische  Befunde  im  Zeit-  und  Regionalvergleich,  in:  Informationen  zur  Raumentwicklung
  H.  12  (1987),  S.  147-156,  die  ähnlich  wie  bereits  Erich  Reigrotzki,  Soziale  Verflechtungen  in  der
Bundesrepublik.  Elemente  der  sozialen  Teilnahme  in  Kirche,  Politik,  Organisationen  und  Freizeit,
Tübingen  1956,  auf  Umfrageergebnisse  zurückgreifen.
218  Vgl.  hierzu  die  harsche  Kritik  von  Kiesewetter,  Region  und  Industrie,  S.  189-193.
214  Hans-Joachim  Behr,  Zeitgeschichte  in  Land  und  Region.  Anmerkungen  und  Hinweise,  in:  Geschichte
im  Westen  4  (1989),  S.  181-197.  „Bundeslandgeschichte  [ist]...  wenn  nicht  wissenschaftlich  zwingend,  so
doch  politisch  dringend  geworden“,  Ernst  Hinrichs,  Bundeslandgeschichte  zwischen  Regionalgeschichte
und  „Staaten“geschichte.  Eine  Betrachtung  anläßlich  des  Jubiläums  des  Landes  Niedersachsen,  in:
Hans-Jürgen  Gerhard  (Hg.),  Struktur,  Bd.  2  S.  487-497,  hier:  S.  492.  Dagegen  interpretiert  das  umfangreiche
  Projekt  von  Etienne  François  u.  Hagen  Schulze  (Hgg.),  Deutsche  Erinnerungsorte,  4  Bde.  München
2001,  die  deutsche  Geschichte  in  langfristiger  Perspektive  anhand  eines  Großteils  der  hier  beschriebenen
Forschungsansätze,  glaubt  aber  auf  den  Rückgriff  auf  regionalgeschichtliche  Methoden  weitgehend
verzichten  zu  können.  Vgl.  hierzu  auch  die  methodischen  Vorüberlegungen  in:  Etienne  François  (Hg.),
Lieux  de  mémoire,  Erinnerungsorte.  D'un  modèle  français  à  un  projet  allemand,  Strasbourg  1996  (=  Cahier
du  Centre  Marc  Bloch  6),  sowie  Etienne  François,  Hannes  Siegrist  u.  Jakob  Vogel  (Hgg.),  Nation  und
Emotion.  Deutschland  und  Frankreich  im  Vergleich.  19.  und  20.  Jahrhundert,  Göttingen  1995.
220  Düwell,  Föderalismus,  S.  43.  Vgl.  hierzu  auch  die  Einleitung  des  Herausgebers  in  dem  Sammelband
Boldt  (Hg.),  Nordrhein-Westfalen,  S.  13.
221  Reulecke,  Landesgeschichte,  S.  206.

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