Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

als  mittlerweile  für  viele  Bundesländer  Überblicksdarstellungen  in  Form  von  Monographien
  oder  Sammelbänden  vorliegen.21'  Zugespitzt  kann  als  Ergebnis  dieses
Ansatzes  formuliert  werden,  daß  erst  die  föderale  Verfassung  die  Bundesrepublik
angesichts  der  umfangreichen  Modernisierungskonflikte  und  Strukturwandelvorgänge
  überhaupt  „regierbar“  gemacht  habe.* 214
Insbesondere  Detlef  Briesens  Reiheninterviews  mit  Zeitzeugen  des  Strukturwandels
im  Ruhrgebiet  verweisen  weiterhin  darauf,  daß  eine  regionale  Verarbeitung  kollektiver
  Krisenerfahrungen  offenbar  eine  gewisse  „Notwendigkeit“  besitzt  und  in  Form
von  „Alltagswissen“  Regionalbewußtsein  mit  Bezug  auf  das  Bundesland  prägt.2"  Für
Briesen  entsteht  das  Bundesland  als  Region  durch  die  gemeinsame  Krisenerfahrung
seiner  Bewohner  und  ihre  historische  Erinnerung  daran.  Briesens  Ansatz  ist  dabei  in
engem  Zusammenhang  mit  der  theoretischen  Grundlage  des  Projektes  von  Jürgen
Aring,  Bernhard  Butzin,  Rainer  Danielzyk  und  Ilse  Helbrecht  zu  verstehen.  Diese
sprechen  in  ihrem  Versuch  der  Beschreibung  der  „sozialen  Konstruktion  von  Wirklichkeit“
  den  Regionen  die  Funktion  „sozialer  Deutungsmuster“  zu,  das  in  einer  Art
„Spurensuche“  entschlüsselt  werden  kann.216

zu  erklären.
213  Sogar  auf  die  Wirtschaftsgeschichte  der  DDR  finden  die  Bundesländer  als  Untersuchungsansatz
mittlerweile  Verwendung,  vgl.  Rainer  Karlsch,  Rekonstruktion  und  Strukturwandel  in  der  sächsischen
Industrie  von  1945  bis  Anfang  der  sechziger  Jahre,  in:  Werner  Bramke  u.  Ulrich  Heß  (Hgg.),  Wirtschaft
und  Gesellschaft  in  Sachsen  im  20.  Jahrhundert,  Leipzig  1998  (=  Leipziger  Studien  zur  Erforschung  von
regionenbezogenen  Identifikationsprozessen  2),  S.  89-132,  der  die  Strukturprobleme  des  Landes  Sachsen
in  direkte  Kontinuität  zum  regionalen  Strukturwandel  der  jüngeren  Vergangenheit  stellt.  Die  methodische
Absicherung  dieses  Ansatzes  liefern  die  Herausgeber  dieses  Sammelbandes  in  der  Einleitung:  Ihr  ausdrücklicher
  Rückbezug  auf  die  „zweihundertjährige  industrielle  Entwicklung  Sachsens“  (S.  14)  verweist
dabei  wieder  auf  die  älteren  Ansätze  von  Industrieregionenforschung  und  führt  von  der  Föderalismus-Leitidee
  weg.  Unter  Verwendung  dieses  Ansatzes  kommt  übrigens  Christian  Kurzweg,  Unternehmeridentität
  und  regionale  Selbstthematisierung.  Auseinandersetzungen  um  die  maschinelle  Herstellung  von
Zigarren  im  sächsischen  Döbeln,  in:  Comparativ  5  (1995),  S.  127-145,  bei  der  Frage  nach  dem  Einfluß  des
DDR-Regimes  auf  die  Industrielandschaftskultur  zu  von  Karlsch  abweichenden  Ergebnissen.  Scharf  gegen
diese  methodische  Übertragung  argumentiert  Rainer  S.  Elkar,  Option  Regionalgeschichte  -  Über  Unmöglichkeiten
  und  Möglichkeiten  einer  sachsen-anhaltinischen  Landesgeschichte,  in:  Jahrbuch  für
Regionalgeschichte  und  Landeskunde  21  (1997/1998),  S.  131-142
214  Konrad  Schacht,  Politische  Kultur  und  Bürgerbewußtsein  in  Hessen,  in:  Schissler  (Hg.),  Hessen,
S.  183-204,  hier:  S.  199.  Eine  interessante  Variation  zu  dieser  Frage  der  „Regierbarkeit“  als  regionalen
Besonderheiten  angemessene  Selbststeuerung  administrativer  Vorgänge  liefern:  Andreas  Eisen  u.  Wolfgang
  Seibel,  Kooperative  Verwaltungspolitik  und  die  Steuerungsfahigkeit  des  Staates.  Der  Aufbau  der
Umweltverwaltungen  in  Sachsen  und  Brandenburg  zwischen  Technokratismus  und  Dilettantismus,  in:
Voigt  (Hg.),  Krisenbewältigung,  S.  235-256.
215  Detlev  Briesen,  „Triviales“  Geschichtsbewußtsein  oder  historische  Elemente  regionaler  Identität?  Über
den  notwendigen  Dialog  zwischen  Geschichts-  und  Sozialwissenschaften  zur  Erforschung  von  Regionalbewußtsein,
  in:  Informationen  zur  Raumentwicklung  H.  11  (1993),  S.  769-778,  hier  bes.  S.  772f.
216  Aring,  Butzin,  Danielzyk  u.  Helbrecht,  Krisenregion,  hier:  S.  25  und  S.  358.  Vgl.  auch  dies.,  „...  daß  die
Wahrnehmung  wichtiger  ist  als  die  Realität“?  Zur  Krisenbewältigung  und  Regionalentwicklung  im
Ruhrgebiet,  in:  Berichte  zur  deutschen  Landeskunde  63  (1989),  S.  513-536,  und  Rainer  Danielzyk  u.
Claus-Christian  Wiegandt,  Regionales  Alltagsbewußtsein  als  Faktor  der  Regionalentwicklung.  Untersuchungen
  im  Emsland,  in:  Informationen  zur  Raumentwicklung  H.  7/8  (1987),  S.  441-449.

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