Full text: Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Nachkriegszeit auch ganz allgemein gegen die These einer regionalen Gliederung der 
Gesellschaft sprechen,* 209 210 fanden die Bundesländer als Teil strukturgeschichtlicher 
Forschung in der Zeitgeschichte unter der Perspektive des Föderalismus Aufmerk¬ 
samkeit, da, unter diesem Blickwinkel betrachtet, ihre Systemqualität per Definition 
bestimmt werden kann.2111 Ausgehend auch von der Feststellung, daß die meisten 
Länder der Bundesrepublik verfassungshistorisch älter als der Bund sind,211 ent¬ 
wickelte ein Teil der Forschung eine pragmatische Herangehensweise an die Länder 
als Untersuchungsgegenstand.212 Diese Herangehensweise war insofern erfolgreich, 
derartiges Vorgehen geradezu groteske Züge annehmen, wenn z.B. die Landesgeschichte Nord¬ 
rhein-Westfalens bereits in prähistorischer Zeit beginnt, vgl. Jörg Engelbrecht, Landesgeschichte Nord¬ 
rhein-Westfalens, Stuttgart 1994. 
204 Die steigende soziale und räumliche Mobilität mit ihrer Aufhebung von sozialer Kontrolle und räumli¬ 
cher Bindung, der Trend der Verwestlichung mit einer völlig neuer Konsumkultur sowie die Durchsetzung 
der Massenmedien mit gleichzeitigem Bedeutungsverlust des identitätsstiftenden Bürgertums sprechen 
eher für die Auflösung regionaler Bindungen. Besonders für das Land Nordrhein-Westfalen wird diese 
These von der „Auflösung der Region“, die allenfalls in eine „beliebige Ballungsraumkultur“ führt, heftig 
diskutiert, vgl. Hans H. Blotevogel, Bernhard Butzin u. Rainer Danielzyk, Historische Entwicklung und 
Regionalbewußtsein im Ruhrgebiet, in: Geographische Rundschau 7-8 (1988), S. 8-13, hier: S. 12, und 
Rohe, Regionalkultur, S. 144fT. 
210 Udo Wengst, Staatsaufbau und Regierungspraxis 1948-1953. Zur Geschichte der Verfassungsorgane 
der Bundesrepublik Deutschland, Düsseldorf 1984 (= Beiträge zur Geschichte des Parlamentarismus und 
der politischen Parteien 74). Besonders optimistisch hinsichtlich dieses Erklärungsansatzes ist Nipperdey, 
Föderalismus, bes. S. 99. Föderalismus ist dabei übrigens nicht nur in Deutschland ein sehr geschätzter 
Anknüpfungspunkt für regionale Zeitgeschichte, vgl. Ernst Hanisch, Regionale Zeitgeschichte. Einige 
theoretische und methodologische Überlegungen, in: Zeitgeschichte 7 (1979/80), S. 39-60. Einen Über¬ 
blick über die Bedeutung des Föderalismuskonzepts in der historischen Deutschland-Forschung liefern die 
Sammelbände: Dieter Langewiesche u. Georg Schmidt (Hgg.), Föderative Nation. Deutschlandkonzepte 
von der Reformation bis zum Ersten Weltkrieg, München 2000, und Maiken Umbach (Hg.), German 
Federalism. Past, Present, Future, Basingstoke 2002. Zum Forschungsstand der Föderalismus-Forschung 
vgl. Arthur Benz, Der deutsche Föderalismus, in: Ellwein u. Holtmann (Hgg.), 50 Jahre Bundesrepublik, 
S. 135-153. 
211 „Das Grundgesetz ist durch den Filter der Länderverfassungen gegangen.“, Birke, Bundesrepublik 
Deutschland, S. 3ff. Diese Aussage bezieht Birke übrigens explizit auch auf das Saarland, dessen Verfas¬ 
sung er als weitgehend mit den Prinzipien der Verfassungsgebung der Bundesrepublik übereinstimmend 
ansieht, ebd„ S. 4. Vgl. hierzu auch Erhard H. M. Lange, Die Länder und die Entstehung des Grundge¬ 
setzes, in: Geschichte im Westen 4 (1989), S. 145-159, und 5 (1990), S. 55-68. Gerade die Wahlforschung 
bedient sich darüber hinaus der Möglichkeit, durch die Beobachtung einzelner Wahlkreise langfristige 
Zeitreihen über das Wählerverhalten zu treffen und so Thesen zur Politik in den Bundesländern zu 
entwickeln; vgl. hierzu den Sammelband von Dieter Oberndorfer u. Karl Schmitt (Hgg.), Parteien und 
regionale politische Traditionen in der Bundesrepublik Deutschland, Berlin 1991 (= Ordo Politicus 28). 
212 Sehr deutlich wird dieses Selbstbewußtsein insbesondere bei Arbeiten zu Ländern, die sich auf eine 
historische Tradition berufen konnten, vgl. Peter Jakob Kock, Bayern und Deutschland. Föderalismus als 
Anspruch und Wirklichkeit, in: Wolfgang Benz (Hg.), Bayern, S. 183-203. Der Benz’sche Sammelband 
kann dabei übrigens stellvertretend für denjenigen Ansatz zur Erforschung der Geschichte der Bundeslän¬ 
der stehen, der quasi in einer Art „Gründungsgeschichte“ den Zusammenhang zwischen Besatzungspolitik 
und der Entstehung der Bundesländer untersucht. Da diesen Arbeiten jedoch nur selten ein regional¬ 
geschichtlicher Aspekt zu eigen ist, sollen sie hier nicht weiter diskutiert werden. Dagegen argumentiert 
Werner Reh, Rahmenbedingungen nordrhein-westfalischer Politik 1: Die Bundesländer im föderativen 
System der Bundesrepublik und der Europäischen Gemeinschaft, in: Boldt (Hg.), Nordrhein-Westfalen, 
S. 60-77, hier: S. 62, ausdrücklich mit dem Umstand, daß das Land Nordrhein-Westfalen eine „Voll- 
verfassung“ - also inkl. einer Grundrechtegarantie - besitzt, um die „Föderalisierung“ der Bundesrepublik 
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