Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

land-pfälzisches  Regionalbewußtsein  geben  könne,  weil  sich  ältere  Teil-Identitäten
als  resistent  erwiesen  hätten  und  regionale  Argumentationsweisen  in  der  Nachkriegszeit
  allenfalls  auf  Landkreisebene  eine  gewisse  politische  Funktion  hätten.204  Bei
diesem  Urteil  zeigt  sich  Heil  inspiriert  von  Celia  Applegates  Arbeiten  zum  Heimatbegriflf
  und  seiner  Bedeutung  für  die  deutsche  Nachkriegsgeschichte.  Auch  Applegate
kommt  zu  dem  Ergebnis,  daß  „Germany,  in  short,  was  rebuilt  from  the  regions
outward  and  upward“,  daß  diese  Regionen  aber  eindeutig  unter  Rückbezug  auf  das
Konzept  von  „Heimat“  konstruiert  worden  seien;205  die  Bundesländer  spielen  in  ihrer
Arbeit  dagegen  praktisch  keine  Rolle.206
2.2.2 Grenzen  und  Möglichkeiten  der  Bundeslandgeschichte
Muß  angesichts  dieser  weitreichenden  methodisch-forschungspraktischen  Kritik  das
Postulat  vom  vierfaehen  „Nur  am  Ort“,  das  noch  für  Jürgen  Reulecke  die  allgemeine
Grundlegung  der  modernen  Regionalgeschichte  gebildet  hatte,20  in  Perspektive  auf
die  deutschen  Bundesländer  abgelehnt  werden?  Obwohl  die  Systemqualität  der
Bundesländer  a  priori  keineswegs  feststeht20X  und  gut  erforschte  säkulare  Trends  der
land-Pfalz  1945-1957,  Mainz  1997  (=  Veröffentlichungen  der  Kommission  des  Landtages  für  die  Geschichte
  des  Landes  Rheinland-Pfalz  21).  In  seiner  „Gründungsgeschichte“  des  Landes  Rheinland-Pfalz
fuhrt  Heil  das  Konzept  des  „organischen  Föderalismus“  ein.  Dabei  handelt  es  sich  um  das  aus  Heils  Sicht
dominierende  Gesellschaftskonzept,  das  als  komplexes  System  von  Weltanschauungen  angesichts  der
Probleme  des  Wiederaufbaus  die  Rückführung  gesellschaftlicher  Ordnungen  auf  „überschaubare  Verhältnisse“
  -  in  den  Gemeinden  als  Heimat  -  angemessen  erscheinen  ließ.  Demgegenüber  stellten  die  Länder
einen  Strukturbruch  dar,  der  sich  jedoch  durch  die  „Konsolidierung  der  Gesellschaft“  und  die  „Stabilisierung
  der  staatlichen  Verhältnisse“  zur  Mitte  der  50er  Jahre  durchsetzte,  vgl.  ebd„  S.  13ff.  Ähnlich  hohe
Bedeutung  weisen  der  kommunalen  Ebene  zu:  Gisela  Schwarze,  Eine  Region  im  demokratischen  Aufbau.
Der  Regierungsbezirk  Münster  1945/46,  Düsseldorf  1984  (=  Düsseldorfer  Schriften  zur  Neueren  Landesgeschichte
  und  zur  Geschichte  Nordrhein-Westfalens  11),  und  Everhard  Holtmann,  Politik  und  Nichtpolitik.
  Lokale  Erscheinungsformen  politischer  Kultur  im  frühen  Nachkriegsdeutschland.  Das  Beispiel
Unna  und  Kamen,  Wiesbaden  1989,  wobei  letzterer  die  Ebene  des  Bundeslandes  nicht  einmal  streift.
2114  Ders.,  Warum  es  keine  Rheinland-Pfälzer  gibt.  Über  die  Beständigkeit  und  Wirkung  älterer  Regionalidentitäten
  in  einem  neuen  Land,  in:  Michael  Matheus  (Hg.),  Regionen  und  Föderalismus.  50  Jahre
Rheinland-Pfalz,  Stuttgart  1997,  S.  49-64.
205  Celia  Applegate,  A  nation  of  provincials.  The  German  Idea  of  Heimat,  Berkeley  1990,  hier:  S.  229ff.
2116  Einen  ähnlichen,  zeitlich  und  methodisch  aber  breiteren  Ansatz  bietet  der  Sammelband  von  Konrad
Köstlin  u.  Hermann  Bausinger  (Hgg.),  Heimat  und  Identität.  Probleme  regionaler  Kultur,  Neumünster
1980.  An  alternativen  Regionalkonzepten  herrscht  im  übrigen  kein  Mangel;  selbst  für  wirtschaftsgeschichtliche
  Fragestellungen  können  derartige  Konzeptionen  verwendet  werden,  wie  z.B.  die  Arbeit  von
Wolfgang  Köllmann,  Die  Strukturelle  Entwicklung  des  südwestfaelischen  Wirtschaftsraumes  1945-1967,
Hagen  1969,  zeigt,  der  explizit  einen  regionalen  Ansatz  für  den  Bezirk  eines  IHK-Sprengels  wählt.
207  Wolfgang  Köllmann,  Zur  Bedeutung  der  Regionalgeschichte  im  Rahmen  Struktur-  und  sozialgeschichtlicher
  Konzeptionen,  in:  Archiv  für  Sozialgeschichte  15  (1975),  S.  43-50,  hier:  S.  4511'.;  Reulecke,
Landesgeschichte,  S.  202.
2"x  Vgl.  zum  methodischen  Problem  der  Zusammenhänge  von  Systemforschung  und  politischer  Kultur
Jakob  Schissler,  Einleitung,  in:  ders.  (Hg.),  Hessen,  S.  7-41,  hier  v.a.  S.  7-10.  Falls  Untersuchungsgegenstände,
  denen  die  Systemqualität  fehlt,  mit  systemischen  Methoden  untersucht  werden,  führt  dies  nicht
selten  zu  schwerwiegenden  Fehldeutungen.  Auf  solche  Fehldeutungen  im  synchronen  Vergleich  bezog
sich  Otto  Dann,  als  er  im  Zusammenhang  mit  der  beginnenden  „modernen“  Regionalgeschichte  bemängelte,
  daß  hier  nicht  selten  nur  lokal  interessante  Details  durch  die  Verwendung  des  Begriffs  „Region“  rein
rhetorisch  aufgewertet  würden.  Dann,  Region,  S.  656.  Insbesondere  aber  im  diachronen  Vergleich  kann  ein

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