Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Gegen  diesen  Ansatz  kann  die  Kritik  angebracht  werden,  daß  hier  die  Reichweite
föderalistischer  Traditionen  in  der  deutschen  Geschichte  allgemein  überschätzt  werde
und  daß  insbesondere  die  Verankerung  der  Bundesländer  in  dieser  Tradition  allenfalls
  als  sehr  schwach  anzusehen  sei.1'4  Dieser  Einwand  ist  in  engem  Zusammenhang
mit  der  sich  ab  Ende  der  60er  Jahre  rasch  entwickelnden  Föderalismuskritik  unter
dem  Schlagwort  der  „Politikverflechtung“  zu  verstehen,19"  die  über  ihre  Kritik  an  der
unzureichenden  Rolle  der  Länder  indirekt  der  Kritik  an  deren  historisch-wissenschaftlichen
  Untersuchung  Nahrung  gab.196  Denn  wenn  die  Bundesländer  schon  keine
besondere  historische  Tradition  besitzen  und  zudem  über  die  normative  Ebene  der
Verfassungstexte  hinaus  in  der  Verfassungs-  und  Lebenswirklichkeit  keine  nennenswerte
  Rolle  spielen,  muß  zwangsläufig  ihre  Regionalqualität  bestritten  werden.19
Bundeslandgeschichte  sei  dann,  so  der  Gedankengang,  ein  Ansatz,  der  allenfalls  „auf
die  Chronologie  verweist  und  zu  Konzepten  der  Aneinanderreihung  von  politischer

Industrieregionen,  S.  275-290.  Zu  anderen  Bundesländern  vgl.  die  bereits  erwähnten  Forschungsüberblicke
sowie  besonders  die  methodisch  interessanten  Artikel  von  Hüser,  Wahlen,  und  Schacht,  Hessen.
194  An  dieser  Stelle  mag  der  Hinweis  auf  die  Debatte  um  die  identitätsstiftende  Rolle  der  föderalen
Verfassung  der  Bundesrepublik  genügen,  in  deren  Zusammenhang  Arno  Mohr  prägnant  feststellt:  „Hier
wird  die  Stellung  des  Landtags  in  der  Landespolitik  unverhältnismäßig  überschätzt.  Außerdem  wird  nicht
beachtet,  daß  die  Ubiquität  des  Parlamentarismus  in  der  Bundesrepublik  und  darüber  hinaus  in  weiten
Teilen  Westeuropas  es  diesem  per  se  verwehrt,  eine  auf  einen  typischen  Raum  bezogene  identitätsbildende
Funktion  auszuüben.“,  Mohr,  Landesgeschichtsschreibung,  S.  247.
195  Sehr  früh  formulierte  bereits  Werner  Thieme  seinen  Föderalismus-Pessimismus  nicht  nur  sachlich-rational,
  sondern  auch  in  bezug  auf  Mentalitätsfragen:  „Diese  Frage  [über  die  Zukunft  des  Föderalismus]
  kann  nur  beantwortet  werden,  wenn  man  weiß,  woher  der  Föderalismus  seine  innere  Kraft  nimmt,  um
weiterzubestehen.  Dabei  ist  es  offenbar,  daß  sich  bei  den  heutigen  Ländern  eine  eigene  Staatsidee  kaum
ausgebildet  hat.  Bayern  mag  insofern  eine  Ausnahme  darstellen.“,  Thieme,  Föderalismus,  S.  148.  Grundlegend
  zur  Föderalismuskritik:  Fritz  W.  Scharpf,  Reissert  u.  Schnabel,  Politikverflechtung,  sowie  Fritz  W.
Scharpf,  Die  Politikverflechtungs-Falle.  Europäische  Integration  und  deutscher  Föderalismus  im  Vergleich,
  in:  Politische  Vierteljahresschrift  26  (1985),  S.  323-356.
196  Den  extremen  Gegen-Standpunkt  nimmt  Josef  Schmid,  Die  CDU.  Organisationsstrukturen,  Politiken
und  Funktionsweisen  einer  Partei  im  Föderalismus,  Opladen  1990,  S.  22,  ein,  der  die  „Republik  der
Landesfürsten“  zitiert.  Den  Bundesländern  kommt  nach  seiner  Ansicht  sogar  ein  je  eigenes  „Regierungssystem“
  zu,  vgl.  ebd.,  S.  32.
197  Insbesondere  in  bezug  auf  die  „Bindestrich-Bundesländer“  wurde  diese  Sichtweise  breit  rezipiert.  Zu
Nordrhein-Westfalen  als  prominentestem  Beispiel  hierfür  seien  genannt:  Wolfram  Köhler,  Landesbewußtsein
  als  Sehnsucht,  in:  Hüttenberger  (Hg.),  Vierzig  Jahre,  S.  171-185,  hier:  S.  171,  konstatiert  beispielsweise
  eine  Art  „Staats-Minderwertigkeitskomplex“,  der  darin  begründet  sei,  daß  das  Land  keine  Vorläufer
gehabt  habe,  ja  bei  leicht  abweichenden  Entscheidungen  „in  London“  möglicherweise  gar  nicht  gegründet
worden  wäre,  Wolfram  Köhler,  Nordrhein-Westfalen  -  ein  Land  der  Bundesrepublik  Deutschland,  in:
Boldt  (Hg.),  Nordrhein-Westfalen,  S.  23-39.  Mit  der  Feststellung:  „Den  Nordrheinwestfalen  wird  es  so
schnell  nicht  geben“  raubte  sodann  Hansgeorg  Molitor,  Land  und  Staat.  Der  geschichtliche  Raum  Nordrhein-Westfalen,
  in:  Hüttenberger  (Hg.),  Vierzig  Jahre,  S.  13-30,  hier:  S.  28,  sozusagen  dem  Land  auch
noch  seine  Bürger,  weil  auch  seine  Suche  nach  historischen  Vorläufern  ergebnislos  blieb.  Völlig  anders
dagegen  Guido  Thiemeyer,  Kriegsende  und  Neubeginn  in  Europa:  nationale  und  regionale  Erfahrungen,
in:  Neue  Politische  Literatur  44  (1999),  S.  426-445,  hier:  S.  427,  der  bei  den  Deutschen  ein  „intensives
Bedürfnis  nach  historischer  Legitimation  und  kultureller  Identität“  ausmacht,  das  sich  besonders  auf  die
Bundesländer  bezieht.

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