Perspektive auf ihren Untersuchungsgegenstand. Neben dem Versuch der Identifizierung
von Kulturräumen in Deutschland durch die Beschreibung und Analyse regionalspezifischer
Verhaltensweisen1 7 steht die Erarbeitung von konkreten Modellen,
anhand derer sich Bedeutung und Stellenwert von „Region“ im Prozeß der Entwicklung
der modernen Gesellschaften erklären lassen, im Vordergrund. Eür die Nachkriegszeit
sind dabei besonders diejenigen Arbeiten interessant, die die regionale
Bewältigung des Strukturwandels in Zusammenhang mit der Frage der Nationsbildung
bzw. mit politischem Regionalismus allgemein stellen.* 176 178 So gelangt Karl
Rohe zwar zu der Auflassung, daß die Herausbildung des Ruhrgebiets als Region mit
eigener politischer Kultur in der Bundesrepublik Deutschland in engem Zusammenhang
mit der Tradition älterer Geschichts- und Kulturräume steht, betont aber gleichzeitig
die Bedeutung des „vergleichsweise geschlossenen“ Territoriums, das eine
„vergleichsweise nach außen abgeschottete Subkultur“ entstehen ließ.1
Der Hinweis auf die „Gemachtheit“ von Regionen bildet einen weiteren Anknüpfungspunkt
zeithistorischer Forschung an Regionalgeschichte. Mit Detlef Briesens
plakativem „Fahndungsaufruf‘ nach dem Urheber der Region „Siegerland“ wurde
klar, daß „regionale Identifikation auch in geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen
als Kognitives Kartieren analysiert werden kann“.17* Demnach kann Erinnern
als sozialer Prozeß in den Kontext der Bildung einer „assoziativen Handschungspraxis
bezogen: Kurt Mühler, Aspekte der Konzeption einer interdisziplinären Untersuchung
regionsbezogener Identifikationsprozesse, in: Heinz-Werner Wollersheim, Sabine Tzschasche! u. Matthias
Middel (Hgg.), Region und Identifikation, Leipzig 1998 (= Leipziger Studien zur Erforschung regionenbezogener
Identifikationsprozesse 1), S. 205-220.
175 Sehr optimistisch gegenüber diesem Ansatz: Arthur E. Imhof, Die Ermittlung regionaler Verhaltensweisen
als Aufgabe der Geschichte kollektiver Mentalitäten, in: H. L. Cox u. Günter Wiegelmann (Hgg.),
Volkskundliche Kulturraumforschung heute, Münster 1984, S. 85-112.
175 Vgl. hierzu mit umfangreichen Literaturangaben: Rüdiger Gans, Bedingungen und Zusammenhänge
regionaler und nationaler Identifikation in der Provinz im 19. Jahrhundert am Beispiel des Siegerlandes,
in: Detlef Briesen, ders. u. Armin Flender, Regionalbewußtsein in Montanregionen im 19. und 20.
Jahrhundert. Saarland - Siegerland - Ruhrgebiet, Bochum 1994 (= Mobilität und Normenwandel - Changing
Norms and Mobility 10), S. 49-106.
17 Karl Rohe, Regionalkultur, regionale Identität und Regionalismus im Ruhrgebiet. Empirische Sachverhalte
und theoretische Überlegungen, in: Lipp (Hg.), Industriegesellschaft, S. 123-153, hier: S. 135. Mit
dem Hinweis auf die Bedeutung der „Abschottung“ wird zudem die Definition der Region-Begriffe von
der dominierenden Rolle unveränderlicher, primordialer Faktoren gelöst und statt dessen neben der
Forschungsperspektive vor allem die Bedeutung der Perzeptionsebene in Form von Fremd- und Selbstwahmehmung
betont. Damit rückt die Rolle der Medien als eine der wichtigsten Vermittlungsinstanzen
von Fremd- und Selbstbildern in den Vordergrund. Ein besonders interessantes „Projektdesign“ hierzu
verwendet Gerald Wood, Regionalbewußtsein im Ruhrgebiet in der Berichterstattung regionaler Tageszeitungen,
in: Berichte zur deutschen Landeskunde 63 (1989), S. 537-562. Zum theoretischen Hintergrund
vgl. Beatrice Ploch u. Heinz Schilling, Region als Handlungslandschaft. Überlokale Orientierung als
Diapositiv und kulturelle Praxis: Hessen als Beispiel, in: Rolf Lindner (Hg.), Die Wiederkehr des Regionalen.
Über neue Formen kultureller Identität, Frankfurt a.M. 1994, S. 122-157.
178 Detlef Briesen u. Rüdiger Gans, Regionale Identifikation als „Inventing of Tradition“. Wer hat und
warum wurde eigentlich im 19, Jahrhundert das Siegerland erfunden?, in: Berichte zur deutschen Landeskunde
66 (1992), S. 61-73, hier: S. 65.
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