Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Perspektive  auf  ihren  Untersuchungsgegenstand.  Neben  dem  Versuch  der  Identifizierung
  von  Kulturräumen  in  Deutschland  durch  die  Beschreibung  und  Analyse  regionalspezifischer
  Verhaltensweisen1  7  steht  die  Erarbeitung  von  konkreten  Modellen,
anhand  derer  sich  Bedeutung  und  Stellenwert  von  „Region“  im  Prozeß  der  Entwicklung
  der  modernen  Gesellschaften  erklären  lassen,  im  Vordergrund.  Eür  die  Nachkriegszeit
  sind  dabei  besonders  diejenigen  Arbeiten  interessant,  die  die  regionale
Bewältigung  des  Strukturwandels  in  Zusammenhang  mit  der  Frage  der  Nationsbildung
  bzw.  mit  politischem  Regionalismus  allgemein  stellen.* 176 178  So  gelangt  Karl
Rohe  zwar  zu  der  Auflassung,  daß  die  Herausbildung  des  Ruhrgebiets  als  Region  mit
eigener  politischer  Kultur  in  der  Bundesrepublik  Deutschland  in  engem  Zusammenhang
  mit  der  Tradition  älterer  Geschichts-  und  Kulturräume  steht,  betont  aber  gleichzeitig
  die  Bedeutung  des  „vergleichsweise  geschlossenen“  Territoriums,  das  eine
„vergleichsweise  nach  außen  abgeschottete  Subkultur“  entstehen  ließ.1
Der  Hinweis  auf  die  „Gemachtheit“  von  Regionen  bildet  einen  weiteren  Anknüpfungspunkt
  zeithistorischer  Forschung  an  Regionalgeschichte.  Mit  Detlef  Briesens
plakativem  „Fahndungsaufruf‘  nach  dem  Urheber  der  Region  „Siegerland“  wurde
klar,  daß  „regionale  Identifikation  auch  in  geschichtswissenschaftlichen  Untersuchungen
  als  Kognitives  Kartieren  analysiert  werden  kann“.17*  Demnach  kann  Erinnern
  als  sozialer  Prozeß  in  den  Kontext  der  Bildung  einer  „assoziativen  Handschungspraxis

  bezogen:  Kurt  Mühler,  Aspekte  der  Konzeption  einer  interdisziplinären  Untersuchung
regionsbezogener  Identifikationsprozesse,  in:  Heinz-Werner  Wollersheim,  Sabine  Tzschasche!  u.  Matthias
Middel  (Hgg.),  Region  und  Identifikation,  Leipzig  1998  (=  Leipziger  Studien  zur  Erforschung  regionenbezogener
  Identifikationsprozesse  1),  S.  205-220.
175 Sehr  optimistisch  gegenüber  diesem  Ansatz:  Arthur  E.  Imhof,  Die  Ermittlung  regionaler  Verhaltensweisen
  als  Aufgabe  der  Geschichte  kollektiver  Mentalitäten,  in:  H.  L.  Cox  u.  Günter  Wiegelmann  (Hgg.),
Volkskundliche  Kulturraumforschung  heute,  Münster  1984,  S.  85-112.
175  Vgl.  hierzu  mit  umfangreichen  Literaturangaben:  Rüdiger  Gans,  Bedingungen  und  Zusammenhänge
regionaler  und  nationaler  Identifikation  in  der  Provinz  im  19.  Jahrhundert  am  Beispiel  des  Siegerlandes,
in:  Detlef  Briesen,  ders.  u.  Armin  Flender,  Regionalbewußtsein  in  Montanregionen  im  19.  und  20.
Jahrhundert.  Saarland  -  Siegerland  -  Ruhrgebiet,  Bochum  1994  (=  Mobilität  und  Normenwandel  -  Changing
  Norms  and  Mobility  10),  S.  49-106.
17  Karl  Rohe,  Regionalkultur,  regionale  Identität  und  Regionalismus  im  Ruhrgebiet.  Empirische  Sachverhalte
  und  theoretische  Überlegungen,  in:  Lipp  (Hg.),  Industriegesellschaft,  S.  123-153,  hier:  S.  135.  Mit
dem  Hinweis  auf  die  Bedeutung  der  „Abschottung“  wird  zudem  die  Definition  der  Region-Begriffe  von
der  dominierenden  Rolle  unveränderlicher,  primordialer  Faktoren  gelöst  und  statt  dessen  neben  der
Forschungsperspektive  vor  allem  die  Bedeutung  der  Perzeptionsebene  in  Form  von  Fremd-  und  Selbstwahmehmung
  betont.  Damit  rückt  die  Rolle  der  Medien  als  eine  der  wichtigsten  Vermittlungsinstanzen
von  Fremd-  und  Selbstbildern  in  den  Vordergrund.  Ein  besonders  interessantes  „Projektdesign“  hierzu
verwendet  Gerald  Wood,  Regionalbewußtsein  im  Ruhrgebiet  in  der  Berichterstattung  regionaler  Tageszeitungen,
  in:  Berichte  zur  deutschen  Landeskunde  63  (1989),  S.  537-562.  Zum  theoretischen  Hintergrund
vgl.  Beatrice  Ploch  u.  Heinz  Schilling,  Region  als  Handlungslandschaft.  Überlokale  Orientierung  als
Diapositiv  und  kulturelle  Praxis:  Hessen  als  Beispiel,  in:  Rolf  Lindner  (Hg.),  Die  Wiederkehr  des  Regionalen.
  Über  neue  Formen  kultureller  Identität,  Frankfurt  a.M.  1994,  S.  122-157.
178 Detlef  Briesen  u.  Rüdiger  Gans,  Regionale  Identifikation  als  „Inventing  of  Tradition“.  Wer  hat  und
warum  wurde  eigentlich  im  19,  Jahrhundert  das  Siegerland  erfunden?,  in:  Berichte  zur  deutschen  Landeskunde
  66  (1992),  S.  61-73,  hier:  S.  65.

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