Ansatz eine hohe Aktualität,l<lS hat aber auch in einer Reihe von historischen Arbeiten
zur Geschichte der alten Bundesländer eine gewisse Rolle gespielt.164 Das in der
Industrieregionenforschung erarbeitete Postulat einer scharfen Abgrenzung der dabei
zugrundegelegten Regionen nach einem ökonomischen Homogenitätskriterium bietet
aber Anlaß zur methodischen Kritik: Da schon die Industrialisierung „nicht nur ein
technischer, organisatorischer und ökonomischer Umwälzungsprozess“ war, sondern
besonders dessen Rückwirkungen auf Gesellschaft und Politik im Vordergrund des
Interesses stehen, kann der regionale Strukturwandel kaum in scharf nach einem
Homogenitätskriterium abgegrenzten Industrie- oder Montanregionen untersucht
werden.1 (l
Auch die Unternehmensgeschichte kennt Ansätze, die die Bedeutung der Regionen,
ihrer Akteure und deren Verflechtung tür den Modernisierungsprozeß untersuchen
wollen.1 1 Dies verweist auf das ältere Konzept der Kulturregion, das - in methodisch
abgewandelter und erweiterter Form - ebenfalls in der auf das 19. Jahrhundert und die
Industrialisierung bezogenen Regionalgeschichte breit rezipiert worden ist.1 2 Einen
wichtigen Bestandteil der methodischen Erneuerung bildete dabei die Einführung von
mentalitätsgeschichtlichen und verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen.1 ' Gemeinsam
ist diesen Arbeiten, die teilweise auf hochkomplexe theoretische Modelle von Raum
und sozialer Kommunikation zurückgreifen,1 4 eine funktionale, wenn nicht gar finale
168 Vgl. hierzu insbesondere das umfangreiche Projekt der Leipziger Studien zur Erforschung von regionenbezogenen
identitlkationsprozessen, dessen Ergebnisse in einer gleichnamigen Reihe publiziert
werden. Vor dem Hintergrund von Erkers dezidierter Haltung zu Periodisierungsfragen in der Zeitgeschichte
ist interessant zu erwähnen, daß, unter der Modemisierungsfragestellung betrachtet, die
regionalgeschichtlichen Ansätze Korrekturen an dem traditionell stark nationalgeschichtlich orientierten
Bild von der Bedeutung bestimmter Zäsuren in der Geschichte erlauben, vgl. Ulrich Heß, Leipziger
Regionalforschung im 20. Jahrhundert, in: Dillmann (Hg.), Prisma, S. 47-65, hier: S. 59.
169 Einen Forschungsüberblick gibt Göttmann, Raum. Vgl. auch Fried Esterbauer, Regionalismus -
ideologische Wurzel, Begriffsfeld, Funktionen, in: Informationen zur Raumentwicklung H. 5 (1980), S.
255-272, sowie die Projekt Vorstellung bei Thomas Schlemmer, Gesellschaft und Politik in Bayern
1949-1973. Ein neues Projekt des Instituts für Zeitgeschichte, in: Lanzinner u. Henker (Hgg.), Landesgeschichte
und Zeitgeschichte, S. 103-109, bes. S. 104. In langfristiger Perspektive: Helmut Berding,
Staatliche Identität, nationale Integration und politischer Regionalismus, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte
121 (1985), S. 371-393, bes. S. 374f.
170 Hubert Kiesewetter, Region und Industrie in Europa 1815-1995, Stuttgart 2000 (= Grundzüge der
modernen Wirtschaftsgeschichte 2), S. 185ff.
171 Auch hierbei eröffnet die seit der Wiedervereinigung gegebene Chance des interregionalen Vergleichs
neue Möglichkeiten, vgl. Ulrich Heß, Michael Schäfer, Werner Bramke u. Petra Listewnik (Hgg.),
Unternehmer in Sachsen. Aufstieg - Krise - Untergang - Neubeginn, Leipzig 1998 (= Leipziger Studien zur
Erforschung regionenbezogener Identifikationsprozesse 4).
1 2 Einen guten Überblick gewährt der Sammelband: Stefan Brakensiek u.a. (Hgg.), Kultur und Staat in der
Provinz. Perspektiven und Erträge der Regionalgeschichte, Bielefeld 1992.
173 Volker Ackermann, Aspekte der Mentalitätsgeschichte. Fragestellungen und Interpretationsmethoden
für die Regionalgeschichte, in: Geschichte im Westen 5 (1990), S. 142-150. Volker Sellin, Mentalität und
Mentalitätsgeschichte, in: Historische Zeitschrift 241 (1985), S. 555-598. Wolfgang Lipp, Soziale Räume,
regionale Kultur: Industriegesellschaft im Wandel, in: ders. (Hg.), Industriegesellschaft und Regionalkultur.
Untersuchungen für Europa, Köln u.a. 1984, S. 1-56.
174 Vgl. Helmut Klüter, Raum als Element sozialer Kommunikation, Gießen 1986; stärker auf die For-257