einer Verlagerung des Forschungsinteresses auf Fragen regionaler Wirtschaftsgeschichte162
trat - möglicherweise aus tagesaktuellen politischen Gründen - eine
gewisse Beruhigung im Streit zwischen Landes- und Regionalgeschichte ein, deren
Bezeichnungen zwischenzeitlich ohnehin eine Tendenz zur „Synonymität“ zu eigen
war.16’ Währenddessen war jedoch auch die Institutionalisierung der Regionalgeschichte
so weit fortgeschritten, daß sie als „neue Subdisziplin“ im Kanon der historischen
Wissenschaft bezeichnet werden konnte.164
Allerdings stellt die Geschichte Deutschlands in der Nachkriegszeit für die Landesbzw.
Regionalgeschichte einen besonders sperrigen Untersuchungsgegenstand dar.165
Die Frage ist also, welche methodischen Anknüpfungspunkte die landes- oder regionalgeschichtliche
Erforschung früherer Epochen hierfür bietet. Besonders plausibel
hierbei ist der Zusammenhang von Industrialisierungsgeschichte und Modernisierungstheorie.
Das damit markierte Spannungsfeld bildete in der Regionalgeschichte
bei Arbeiten zum 19. Jahrhundert bereits einen methodischen Schwerpunkt166 und
wird als Desiderat der zeithistorischen Forschung zur frühen Bundesrepublik bezeichnet.16
Vor allem im Kontext der manchmal als „De-lndustrialisierung“ verstandenen
Strukturwandelvorgänge in Regionen der DDR nach der „Wende“ gewann dieser
„Paradigmenwechsel“.
162 ln der westlichen Wissenschaftsgeschichte wird diese Entwicklung nicht selten auf die Arbeit von
Sidney Pollard (Hg.), Region und Industrialisierung. Studien zur Rolle der Region in der Wirtschaftsgeschichte
der letzten zwei Jahrzehnte, Göttingen 1980 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft
42), zurückgeführt. Werner Buchholz, Vergleichende Landesgeschichte und Konzepte der Regionalgeschichte
von Karl Lamprecht bis zur Wiedervereinigung im Jahre 1990, in: ders. (Hg.), Landesgeschichte,
S. 11-60, hier: S. 36, weist jedoch auf das bereits 1967 erfolgte Plädoyer Erich Maschkes zugunsten
einer Untersuchung der Industrialisierung hin, vgl. Erich Maschke, Industrialisierungsgeschichte und
Landesgeschichte, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 102 (1967), S. 71-84. Zur Einordnung in die
Wissenschaftspolitik der DDR: Karlheinz Blaschke, Die Landesgeschichte in der DDR - ein Rückblick, in:
Blätter fur deutsche Landesgeschichte 126 (1990), S. 243-261; Emst Hinrichs, Landes- und Regionalgeschichte,
in: Hans-Jürgen Goertz (Hg.), Geschichte. Ein Grundkurs, Hamburg 1998, S. 539-556, hier:
S. 539.
163 Gerhard Stiens, Zur Wiederkunft des Regionalismus in den Wissenschaften, in: Informationen zur
Raumentwicklung H. 5 (1980), S. 315-333, hier: S. 317. Buchholz, Vergleichende Landesgeschichte,
S. 52.
Ih4 Reulecke, Landesgeschichte, S. 202.
165 „Denn es ist doch befremdend, daß eine ihrer ehrwürdigsten Zweige, die Landesgeschichtsforschung,
über Jahrzehnte hinweg die Bundesländer als würdiges Untersuchungsfeld so gut wie gar nicht wahrgenommen
hat.“, Mohr, Landesgeschichtsschreibung, S. 223. Ähnlich auch Jürgen Osterhammel, Die
Wiederkehr des Raumes: Geopolitik, Geohistorie und historische Geographie, in: Neue Politische Literatur
43 (1998), S. 374-397, hier: S. 374, der von der „Weigerung deutscher Neuzeithistoriker“ spricht, „Geschichte
im Raum zu sehen“. „Geographische Konkretion bleibt der Landesgeschichte überlassen, einer
respektablen, aber sicher nicht das intellektuelle Klima im Fach bestimmenden Unterabteilung der
Geschichtswissenschaft.“ Einen Überblick über die strukturelle und institutioneile Situation der Landesgeschichte
in der Nachkriegszeit bietet Wilhelm Janssen, Landesgeschichte im Nachkriegsdeutschland, in:
Ulrich Reuling u. Winfried Speitkamp (Hgg.): 50 Jahre Landesgeschichtsforschung in Hessen, Marburg
2000 (= Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 50), S. 403-421.
Ihfl Applegate, Reflections, S. 1063ff.
16 Erker, Zeitgeschichte, S. 231 ff.
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