Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

schichte  eskalierte  binnen  eines  Jahrzehnts  zu  einer  leidenschaftlich  geführten  Auseinandersetzung
  zwischen  den  Vertretern  der  „älteren“  Landesgeschichte  und  der
auch  in  außeruniversitären  Initiativen  wie  z.B.  Geschichtswerkstätten  verankerten
„modernen  Regionalgeschichte“.* 156 158  Gerade  die  Vielfalt  der  dabei  eingeführten
„modernen“  Fragestellungen  schien  zunächst  die  Tauglichkeit  des  regionalen  Ansatzes
  als  solchen  in  Frage  zu  stellen.1'  Zudem  zeigte  sich  immer  deutlicher  ein
gewisses  Unbehagen  angesichts  der  Dominanz  quantitativer  Methoden  in  der  Regionalgeschichte."5
  Anstelle  des  Versuchs  der  definitorischen  Unterscheidung  zwischen
Landes-  und  Regionalgeschichte1'9  führten  aber  besonders  die  inhaltlichen  Fortschritte160
  recht  bald  zu  einem  „bemerkenswerten  Konsens“  über  die  Notwendigkeit
räumlicher  Ansätze  im  allgemeinen  und  der  Entwicklung  regionalwissenschaftlich
grundgelegter  Methoden  der  Neueren  und  der  Zeitgeschichte  im  besonderen.161  Mit

Jahrbuch  für  Regionalgeschichte  und  Landeskunde  21  (1997/1998),  S,  121-130,  hier:  S.  123:  „Eine  Region
ist  eine  sich  wandelnde  sozialräumliche  Einheit,  die  modellhaft  ähnliches  Handeln  und  Wirken  einer
menschlichen  Gesellschaft  abbildet.  Allerdings  entstehen  je  nach  Erkenntnisinteressen,  Fragestellungen,
Methoden,  Arbeitstechniken,  Matenalaufbereitung  und  Darstellungsweise  der  Forschenden  unterschiedliche
  historische  Raumzuordnungen.“
156  Sehr  kritisch  und  mit  umfangreichen  Literaturangaben  zu  dieser  Phase  der  Auseinandersetzung:  Peter
Steinbaeh,  Neue  Wege  der  regionalhistorisch  orientierten  Alltagsgeschichte,  in:  Hessisches  Jahrbuch  für
Landesgeschichte  30  (1980),  S.  312-336.  Einen  ausführlichen  Überblick  über  die  differenziert  geführte
Debatte  bietet  -  mit  ausführlicher  Bibliographie  -  der  Themenband:  Detlef  Briesen  u.  Jürgen  Reulecke,
Regionalgeschichte.  Ein  Ansatz  zur  Erforschung  regionaler  Identität  (=  Informationen  zur  Raumentwicklung
  11  (1993),  bes.  S.  735fT,  und  Reinhard  Stäuber,  Regionalgeschichte  versus  Landesgeschichte?
Entwicklung  und  Bewertung  von  Konzepten  der  Erforschung  von  „Geschichte  in  kleinen  Räumen“,  in:
Geschichte  und  Region  /  Storia  e  regione  3  (1994),  S.  227-260.
157  Zum  Vorwurf  der  Beliebigkeit  der  verwendeten  Regionalbegrifie:  Otto  Dann,  Die  Region  als  Gegenstand
  der  Geschichtswissenschaft,  in:  Archiv  für  Sozialgeschichte  23  (1983),  S.  652-661,  hier:  S.  656.
158  Emst  Hinrichs,  Regionale  Soziaigeschichte  als  Methode  der  modernen  Geschichtswissenschaft,  in:  ders.
u.  Wilhelm  Norden  (Hgg.),  Regionalgeschichte.  Probleme  und  Beispiele,  Hildesheim  1980  (=  Veröffentlichungen
  der  Historischen  Kommission  für  Niedersachsen  und  Bremen  24),  S.  1-20,  hier:  S.  5.  Zur
Antikritik  Hans-Ulrich  Wehlers  an  der  „theoriefemen“  Alltagsgeschichte  vgl.  Jürgen  Reulecke,  Von  der
Landesgeschichte  zur  Regionalgeschichte,  in:  Geschichte  im  Westen  6  (1991),  S.  202-208,  hier:  S.  204.
1,9  Erwähnenswert  erscheint  v.a.  der  prägnante  Definitionsversuch  bei  Albreeht,  Stellenwert,  S.  602:
„Während  Landesgeschichte  sowohl  Gegenstand  einer  ganzheitlichen  historischen  Betrachtung  eines
Territoriums  als  auch  Mittel  zur  Erforschung  genereller  Fragen  an  die  Geschichte  sein  kann,  bezeichnet
Regionalgeschichte  eine  Richtung  der  Geschichtswissenschaft,  die  sich  mit  veränderlichen  Teilgebieten
befaßt.  Als  Region  im  ökonomisch-sozialen  Sinne  betrachtet  man  im  allgemeinen  eine  Gruppe  geographisch
  benachbarter  Gebiete,  die  bestimmte  gemeinsame  oder  sich  ergänzende  Merkmale  besitzen  oder  die
durch  sich  aufeinander  erstreckende  Aktivitäten  oder  wechselseitigen  Austausch  der  Gebiete  untereinander
verbunden  sind.“  Interessant  ist  dieser  Definitionsversuch,  weil  er  die  dabei  auftretenden  Schwierigkeiten
deutlich  zeigt:  Einerseits  ist  zwar  von  der  Veränderlichkeit  der  räumlichen  Grenzen  von  Regionen  im
Sinne  der  Regionalgeschichte  die  Rede,  andererseits  wird  doch  noch  der  Versuch  unternommen,  Regionen
„von  der  Mitte  her“  über  eine  Struktur  primordialer  Faktoren  zu  definieren  -  möglicherweise,  weil  die
Problematik  rein  aus  Forschungsperspektive  definierter  Räume  definitorisch  nicht  zu  lösen  ist.
160  Vgl,  hierzu  z.B.  Düwells  grundlegenden  Aufsatz  zur  Bedeutung  regionaler  Ansätze  bei  der  Erforschung
des  Nationalsozialismus:  Kurt  Düwell,  Die  regionale  Geschichte  des  NS-Staates  zwischen  Mikro-  und
Makroanalyse.  Forschungsaufgaben  zur  „Praxis  im  kleinen  Bereich“,  in:  Jahrbuch  für  westdeutsche
Landesgeschichte  9  (1983),  S.  285-344.
161  Hinrichs,  Stand.  S.  1.  Albreeht,  Stellenwert,  S.  599,  bezeichnet  diese  Entwicklung  gar  als  einen

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