Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

menarbeit,  die  von  Beginn  an  den  landesgeschichtlichen  Ansatzes  prägte,  ein  „Stand
der  Technik“  der  Methodenlehre  erreicht  werden  konnte.150 155  Gemeinsam  mit  der
geographischen  Forschung  wurde  besonders  die  Frage  nach  Raummodellen  und
Raumtypologien  intensiv  untersucht.1'1  Begriffe  wie  „Kulturlandschaft“,  „Industrielandschaft“
  oder  „Siedlungslandschaft“,  die  den  „anti-etatistischen“1-'2  Grundzug  der
Landesgeschichte  geprägt  hatten,  erhielten  angesichts  der  Erfahrung  der  sich  stark
beschleunigenden  Veränderungen  politisch-administrativer  Grenzen  in  Mitteleuropa
hohe  Bedeutung.1"  Wissenschaftshistorisch  stand  die  Entwicklung  der  deutschen
Landesgeschichte  als  Disziplin  nach  dem  Ersten  Weltkrieg  im  Kontext  der  „Geschichtlichen
  Landeskunde“,  deren  komplexe  Beziehung  zum  Nationalsozialismus
die  Kontinuitätsprobleme  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  teilweise  erklärt.1'4
Die  „Erfindung“  der  in  den  60er  Jahren  entstehenden  Regionalgeschichte  beruhte
primär  auf  der  Einführung  sozialwissenschaftlicher  Fragestellungen.  Dabei  wurde  die
historische  Raumtypologie  insofern  weiterentwickelt,  als  „Region“  als  durch  die
Forschungspraxis  bestimmtes  Feld  für  den  Test  sozialgeschichtlicher  Theorien
verstanden  wurde.1"  Die  Debatte  um  den  innovativen  Anspruch  der  Regionalge¬150

  Wichtige  Querschnitte  des  Forschungsstands  liefern:  Heinz  Gollwitzer,  Die  politische  Landschaft  in  der
deutschen  Geschichte  des  19./20.  Jahrhunderts.  Eine  Skizze  zum  deutschen  Regionalismus,  in:  Zeitschrift
ftir  Bayerische  Landesgeschichte  27  (1  964),  S.  523-552;  Franz  Petri,  Probleme  und  Aufgaben  der  Landesgeschichte
  in  Nordwestdeutschland  und  in  den  westlichen  Nachbarländern,  in:  Rheinische  Vierteljahresblätter
  34  (1970),  S.  57-87,  sowie  die  Sammlung  älterer  Aufsätze:  Pankraz  Fried  (Hg.),  Probleme  und
Methoden  der  Landesgeschichte,  Darmstadt  1978.
151  Klaus  Fehn,  Zentrale  Aufgaben  der  Landesgeschichte  aus  der  Sicht  des  Nachbarfaches  „Historische
Geographie“  und  des  interdisziplinären  Arbeitsfeldes  „Genetische  Siedlungsforschung“,  in:  Buchholz
(Hg.),  S.  61-74.
152  Friedrich  Prinz,  Regionalgeschichte  -  Landesgeschichte,  in:  Gerhard  A.  Ritter  u.  Rudolf  Vierhaus
(Hgg.),  Aspekte  der  historischen  Forschung  in  Frankreich  und  Deutschland.  Schwerpunkte  und  Methoden,
Göttingen  1981,  S.  202-215,  hier:  S.  204.  Applegate  betont  besonders  das  konfliktuelle  Verhältnis  zu
nationalgeschichtlichen  Ansätzen:  „The  devaluation  of  regions  and  their  pasts  in  the  nineteenth  Century
thus  emerged  naturally  alongside  the  triunrph  of  the  national  historiographies.“,  Applegate,  Reflections,
S.  I  160.
153  Vgl.  zu  diesem  Modell  die  zusammenfassenden  Aufsätze  von  Franz  Irsigler,  Raumkonzepte  in  der
historischen  Forschung,  in:  Alfred  Heit  (Hg.),  Zwischen  Gallia  und  Germania,  Frankreich  und  Deutschland.
  Konstanz  und  Wandel  raumbestimmender  Kräfte.  Vorträge  auf  dem  36.  Deutschen  Historikertag
Trier,  Trier  1987  (=  Trierer  Historische  Forschungen  12),  S.  11-27,  sowie  ders.,  Landesgeschichte.  Eine
anschauliche  graphische  Darstellung  der  verschiedenen  Konzepte  liefert:  Ernst  Hinrichs,  Zum  gegenwärtigen
  Stand  der  Landesgeschichte,  in:  Niedersächsisches  Jahrbuch  für  Landesgeschichte  57  (1985),  S.  1-18,
hier:  S.  5.
154  Sehr  kritisch  zum  innovativen  Anspruch  der  Kulturraumforschung  im  Zusammenhang  mit  der  Westraumforschung:
  Hans  Derks,  Deutsche  Westforschung.  Ideologie  und  Praxis  im  20.  Jahrhundert,  Leipzig
2001  (=  Geschichtswissenschaft  und  Geschichtskultur  im  20.  Jahrhundert  4).  Zur  problematischen  Rolle
der  landesgeschichtlichen  Forschung  in  der  Auseinandersetzung  um  das  Saargebiet  in  der  Zwischenkriegszeit
  vgl.  Freund,  Volk,  Reich  und  Westgrenze,  S.  43ff,
155  Ein  entscheidender  Unterschied  zwischen  Landes-  und  Regionalgeschichte  ist  also  darin  zu  sehen,  daß
„Region“  als  ein  durch  eine  bestimmte  Forschungsperspektive  bestimmter  Raum  zu  definieren  ist.  Vgl.
hierzu  den  ausgezeichneten  Überblick  von  Göttmann,  Raum,  hier:  S.  43ff.  Zuletzt  definierte  Carl-Hans
Hauptmeyer,  Zu  Theorien  und  Anwendungen  der  Regionalgeschichte.  Warum  sind  Überlegungen  zur
Theorie  der  Regionalgeschichte  sinnvoll?  Auf  welche  Weise  läßt  sich  Regionalgeschichte  anwenden?,  in:

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