Zum Teil sind diese Probleme bei der Interpretation auch darauf zurückzuführen, daß
schon ganz allgemein der Zusammenhang zwischen Landespolitik und regionalem
Strukturwandel in der Bundesrepublik nicht geklärt ist. Einen Versuch zur Klärung
unternahm zuletzt Stephan Deutinger mit seiner Arbeit über die Förderpolitik Bayerns
im Bereich Forschung und Entwicklung und deren Zusammenhang mit der
Modernisierung des Landes. Enttäuschend ist dieser Versuch insofern, als sogar für
den Autor selber der Bezug zwischen Strukturpolitik auf Länderebene und% Strukturwandel
unklar blieb. Nicht einmal eine Aussage darüber, ob die Ansiedlung von
neuen Industrien Auslöser oder Folge der Modernisierung war, erscheint Deutinger
am Ende seiner Arbeit möglich. Um die Frage zu klären, ob dieser Zusammenhang
sich wirklich dem „Methodeninstrumentarium des Historikers“146 entzieht, sollen im
folgenden regional orientierte Disziplinen, insbesondere die Landes- und Regionalgeschichte,
daraufhin untersucht werden, inwieweit sie methodische Ansätze für
regional ausgerichtete zeithistorische Forschung bieten.
2.2 Der regionale Strukturwandel als methodisches Problem der Zeitgeschichte
2.2.1 Anknüpfungspunkte in Landes- und Regionalgeschichte
Die Einrichtung des Lehrstuhls für Landes- und Siedlungsgeschichte in Leipzig im
Jahr 1906 stellte eine entscheidende Zäsur auf dem Weg der Institutionalisierung der
Landesgeschichte als wissenschaftlicher Disziplin dar.14 In methodischer Hinsicht
wurde daraus der Ansatz entwickelt, „in Grenzen unbegrenzt“ mit einer „relativ klar
umrissenen Methodik [nämlich des] erklärenden Vergleichs ... überschaubare Raumtypen
mittlerer Größe“ zu bearbeiten.148 Das Forschungsinteresse konzentrierte sich
bald auf weiter zurückliegende Epochen,149 wobei in der interdisziplinären Zusamerklärt,
in welche die Christdemokraten geraten waren, nachdem ihre Landesregierung kein regionales
Konzept zur Überwindung der Kohlekrise vorlegen konnte - bzw. wollte. Allerdings weist das saarländische
Beispiel einer dem Bundestrend zuwiderlaufenden Entwicklung daraufhin, daß der Eigenwert der
politischen Ebene des Bundeslands keinesfalls unterschätzt werden darf.
1+6 Stephan Deutinger, Vom Agrarland zum High-Tech-Staat. Zur Geschichte des Forschungsstandorts
Bayern 1945-1980, München 2001, hier: S. 233.
14 Ulrike Albrecht, Zum Stellenwert der historischen Regionalforschung heute, in: Hans-Jürgen Gerhard
(Hg.), Struktur, Bd. 2 S. 597-608, hier: S. 601. Vgl. auch den wissenschaftshistorischen Überblick von
Luise Schorn-Lütte, Territorialgeschichte - Provinzialgeschichte - Landesgeschichte - Regionalgeschichte.
Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der Landesgeschichtsschreibung, in: Helmut Jäger, Franz Petri
u. Heinz Quirin (Hgg.), Civitatum communitas. Studien zum europäischen Städtewesen. Festschrift Heinz
Stoob zum 65. Geburtstag, Köln 1984, Bd. 1 S. 390-416 (= Städteforschung. Veröffentlichungen des
Instituts für vergleichende Städtegeschichte in Münster, Reihe A, Band 21,1), hier: S. 400ff.
148 Ludwig Petry, In Grenzen unbegrenzt. Möglichkeiten und Wege der Geschichtlichen Landeskunde,
Mainz 1961. Franz Irsigler, Landesgeschichte als regional bestimmte multidisziplinäre Wissenschaft, in:
Lieselotte Enders u. Klaus Neitmann (Hgg.), Brandenburgische Landesgeschichte heute, Potsdam 1999
(= Brandenburgische Historische Studien 4), S. 9-22, hier: S. 14.
1411 Einen gerafften Überblick und die unterschiedlichen Schwerpunkte in DDR und Bundesrepublik liefert
Peter Steinbach, Territorial- oder Regionalgeschichte: Wege der modernen Landesgeschichte. Ein
Vergleich der „Blätter für deutsche Landesgeschichte“ und des „Jahrbuchs für Regionalgeschichte“, in:
Geschichte und Gesellschaft 11(1985), S. 528-540.
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