Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Zum  Teil  sind  diese  Probleme  bei  der  Interpretation  auch  darauf  zurückzuführen,  daß
schon  ganz  allgemein  der  Zusammenhang  zwischen  Landespolitik  und  regionalem
Strukturwandel  in  der  Bundesrepublik  nicht  geklärt  ist.  Einen  Versuch  zur  Klärung
unternahm  zuletzt  Stephan  Deutinger  mit  seiner  Arbeit  über  die  Förderpolitik  Bayerns
  im  Bereich  Forschung  und  Entwicklung  und  deren  Zusammenhang  mit  der
Modernisierung  des  Landes.  Enttäuschend  ist  dieser  Versuch  insofern,  als  sogar  für
den  Autor  selber  der  Bezug  zwischen  Strukturpolitik  auf  Länderebene  und%  Strukturwandel
  unklar  blieb.  Nicht  einmal  eine  Aussage  darüber,  ob  die  Ansiedlung  von
neuen  Industrien  Auslöser  oder  Folge  der  Modernisierung  war,  erscheint  Deutinger
am  Ende  seiner  Arbeit  möglich.  Um  die  Frage  zu  klären,  ob  dieser  Zusammenhang
sich  wirklich  dem  „Methodeninstrumentarium  des  Historikers“146  entzieht,  sollen  im
folgenden  regional  orientierte  Disziplinen,  insbesondere  die  Landes-  und  Regionalgeschichte,
  daraufhin  untersucht  werden,  inwieweit  sie  methodische  Ansätze  für
regional  ausgerichtete  zeithistorische  Forschung  bieten.
2.2 Der  regionale  Strukturwandel  als  methodisches  Problem  der  Zeitgeschichte
2.2.1 Anknüpfungspunkte  in  Landes-  und  Regionalgeschichte
Die  Einrichtung  des  Lehrstuhls  für  Landes-  und  Siedlungsgeschichte  in  Leipzig  im
Jahr  1906  stellte  eine  entscheidende  Zäsur  auf  dem  Weg  der  Institutionalisierung  der
Landesgeschichte  als  wissenschaftlicher  Disziplin  dar.14  In  methodischer  Hinsicht
wurde  daraus  der  Ansatz  entwickelt,  „in  Grenzen  unbegrenzt“  mit  einer  „relativ  klar
umrissenen  Methodik  [nämlich  des]  erklärenden  Vergleichs  ...  überschaubare  Raumtypen
  mittlerer  Größe“  zu  bearbeiten.148  Das  Forschungsinteresse  konzentrierte  sich
bald  auf  weiter  zurückliegende  Epochen,149  wobei  in  der  interdisziplinären  Zusamerklärt,

  in  welche  die  Christdemokraten  geraten  waren,  nachdem  ihre  Landesregierung  kein  regionales
Konzept  zur  Überwindung  der  Kohlekrise  vorlegen  konnte  -  bzw.  wollte.  Allerdings  weist  das  saarländische
  Beispiel  einer  dem  Bundestrend  zuwiderlaufenden  Entwicklung  daraufhin,  daß  der  Eigenwert  der
politischen  Ebene  des  Bundeslands  keinesfalls  unterschätzt  werden  darf.
1+6  Stephan  Deutinger,  Vom  Agrarland  zum  High-Tech-Staat.  Zur  Geschichte  des  Forschungsstandorts
Bayern  1945-1980,  München  2001,  hier:  S.  233.
14 Ulrike  Albrecht,  Zum  Stellenwert  der  historischen  Regionalforschung  heute,  in:  Hans-Jürgen  Gerhard
(Hg.),  Struktur,  Bd.  2  S.  597-608,  hier:  S.  601.  Vgl.  auch  den  wissenschaftshistorischen  Überblick  von
Luise  Schorn-Lütte,  Territorialgeschichte  -  Provinzialgeschichte  -  Landesgeschichte  -  Regionalgeschichte.
Ein  Beitrag  zur  Wissenschaftsgeschichte  der  Landesgeschichtsschreibung,  in:  Helmut  Jäger,  Franz  Petri
u.  Heinz  Quirin  (Hgg.),  Civitatum  communitas.  Studien  zum  europäischen  Städtewesen.  Festschrift  Heinz
Stoob  zum  65.  Geburtstag,  Köln  1984,  Bd.  1  S.  390-416  (=  Städteforschung.  Veröffentlichungen  des
Instituts  für  vergleichende  Städtegeschichte  in  Münster,  Reihe  A,  Band  21,1),  hier:  S.  400ff.
148  Ludwig  Petry,  In  Grenzen  unbegrenzt.  Möglichkeiten  und  Wege  der  Geschichtlichen  Landeskunde,
Mainz  1961.  Franz  Irsigler,  Landesgeschichte  als  regional  bestimmte  multidisziplinäre  Wissenschaft,  in:
Lieselotte  Enders  u.  Klaus  Neitmann  (Hgg.),  Brandenburgische  Landesgeschichte  heute,  Potsdam  1999
(=  Brandenburgische  Historische  Studien  4),  S.  9-22,  hier:  S.  14.
1411  Einen  gerafften  Überblick  und  die  unterschiedlichen  Schwerpunkte  in  DDR  und  Bundesrepublik  liefert
Peter  Steinbach,  Territorial-  oder  Regionalgeschichte:  Wege  der  modernen  Landesgeschichte.  Ein
Vergleich  der  „Blätter  für  deutsche  Landesgeschichte“  und  des  „Jahrbuchs  für  Regionalgeschichte“,  in:
Geschichte  und  Gesellschaft  11(1985),  S.  528-540.

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