Funktion von Landesparteien als Garanten der „Responsivität“ des politischen
Systems141 weniger stark an Erfolg oder Mißerfolg einzelner „Regulierungsleistungei'Tgebunden
ist.142 Nachdem noch bis zu den unmittelbar vorhergehenden Kommunalwahlen
auf saarländischer Ebene ein hoher Anteil an Stimmen abweichend von
der für die Bundesrepublik dieser Jahre typischen Verteilung auf CDU, FDP und SPD
abgegeben wurde, trat bei der Landtagswahl 1965 erstmals eine deutliche Veränderung
ein: Die DPS schrumpfte auf einen für die Liberalen kaum noch besonders
günstigen Wert, die SVP erreichte nur mühsam die 5%-Marke, und der Anteil der
„Sonstigen“ war viel zu gering, als daß irgendwo ein „Auffängbecken“ fiir die bei
Kommunalwahlen immer noch sehr erfolgreichen Freien Listen gesucht werden
könnte. Vermutlich hat die CDU von diesen neu in das Drei-Parteien-System stoßenden
Wählerstimmen maßgeblich profitiert.143 Dieser Erfolg kann darauf zurückgeführt
werden, daß die CDU als langjährige Regierungspartei eben auch für die Durchsetzung
der Einstellung stand, daß die konkret zu bewältigenden Probleme grundsätzlich
im föderalen System als lösbar einzuschätzen waren -144 * unabhängig von der Durchsetzung
bestimmter Einzelmaßnahmen. Dies würde z.B. dem ursprünglich wohl
machterhaltend gemeinten Eingreifen Röders im Zusammenhang mit dem Bergarbeiterstreik
1962 auch systemstabilisierende Funktion zuweisen. Letztlich wäre
jedenfalls der relative Erfolg der Christdemokraten zur Mitte des Jahrzehnts damit zu
erklären, daß die von ihnen repräsentierte Form - nicht unbedingt der Inhalt - der
föderalen Problemverarbeitung den Menschen angemessen erschien.14"
141 Vgl. hierzu die Definition von Hermann Schmitt, Neue Politik in alten Parteien. Zum Verhältnis von
Gesellschaft und Parteien in der Bundesrepublik, Opladen 1987, S. 48: „Wir wollen im folgenden unter
parteilicher Responsivität verstehen das Ausmaß der Wahrnehmung und politikrelevanten Verarbeitung
von Veränderungen des gesellschaftlichen Problemhaushaltes durch (in Mehrparteiensystemen: mindestens
eine) politische Partei)en) mit dem Ziel der dauerhaften Stabilisierung/Verbreiterung ihrer Wählerbasis.“
Zu methodischen Aspekten bei der Untersuchung von regionalen Parteiensystemen: Werner J. Patzelt, Die
vergleichende Untersuchung von Landesparteien. Kommentar zum Beitrag von Everhard Holtmann, in:
Arthur Benz u. Holtmann (Hgg.), Gestaltung, S. 77-88, bes. S. 83 ff.
142 Einen völlig anderen Ansatz zur Erklärung des Wegs der CDU zur Volkspartei wählt Dorothee
Buchhaas, Die Volkspartei. Programmatische Entwicklung der CDU 1950-1973, Düsseldorf 1981 (=Beiträge
zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien 68), die hauptsächlich den
Zusammenhang von Programmatik und ideologischen Grundlagen der Partei und den allgemein beobachtbaren
gesellschaftlichen Veränderungen problematisiert. Die Reichweite derartiger Ansätze scheint recht
begrenzt, da gerade die hier diskutierten Strukturwandelvorgänge in unterschiedlichen Ländern völlig
unterschiedliche Anforderungen an Politik stellten.
143 Falter, Wahlentscheidung, S. 92f.
144 Holtmann unterscheidet verschiedene Raumfunktionen auf Länderebene (z.B. „Problemräume“ vs.
„Optionsräume“), denen die einzelnen Parteifunktionen („Partei im Parlament“, „Partei in der Regierung“)
in ihren Vermittlungsleistungen zuzuw'eisen sind; Holtmann, Regionale Parteien, S. 73.
145 Die prägnante Formulierung des Ministerpräsidenten, der die Landtagswahlen von 1960 als „Rosinenwahlen“
bezeichnete, weil seiner Meinung nach zwischenzeitlich eine gewisse Enttäuschung über die
CDU eingetreten sei, nachdem die jeweils besten Ideen aus deutschem und früherem saarländischem
System entgegen den Erwartungen nicht hatten nahtlos zusammengebacken werden können, spricht für
diese These: Immerhin steigerte die CDU ihren Stimmenanteil trotz dieser Enttäuschung um ca. 7 Prozentpunkte.
Ganz ähnlich interpretiert dies auch Nonn, Ruhrbergbaukrise, S. 291, der den im Unterschied zum
Saarland in Nordrhein-Westfalen eingetretenen Mehrheitsverlust der CDU mit einer „Vertrauenskrise“
252