allerdings hatte die Sozialdemokratie in der Kanalffage eine ebenso eindeutige wie
klar alternativ zur Politik der Landesregierung positionierte Linie gefunden, als sie
das Projekt der Als-ob-Tarife kategorisch ablehnte. Zudem spielte die auf Bundesebene
die Dynamik hemmende Strategiediskussion über das Verhältnis zur Regierung
eine geringere Rolle. Der gegen Willy Brandt erhobene Vorwurf, einen zu sanften
Oppositionsstil zu pflegen, konnte gegenüber der Saar-SPD zumindest in den letzten
I 8 Monaten vor der Landtagswahl 1965 kaum formuliert werden.1’1
Das Wahlergebnis zeigt jedoch, daß die Zusammenhänge zwischen politischer
Diskussion und Wählerverhalten im Saarland offenbar deutlich komplizierter waren.
Zwar hat die SPD ihr Wahlergebnis bei der Landtagswahl gegenüber dem Wahlgang
von 1960 deutlich ausbauen können und mit über 40% der gültigen Stimmen ihr
Ergebnis der Kommunalwahl von 1964 nochmals verbessert; allerdings konnte auch
die CDU deutliche Zuwächse verbuchen und rangierte mit 42,7% nun wieder vor
allen Konkurrenten. Gegenüber der Kommunalwahl von 1964 wies sie damit sogar
einen deutlich höheren Zugewinn auf als die SPD. Relativ einheitlich entwickelte
sich eigentlich nur der Wahlerfolg der DPS - und zwar negativ. Auch deren „Absturz“,
der sie 1964 im Landesschnitt unter die 10%-Marke geführt hatte, war aber
zumindest gebremst. Noch deutlicher treten diese Trends hervor, wenn man die
Ergebnisse der Bundestagswahl von 1965 einbezieht. Bei zur Mitte des Jahrzehnts
stagnierenden Werten der DPS weisen die Kurven für SPD wie CDU nach oben,
wobei die Stellung der CDU als stärkster Partei dem Anschein nach kaum in Gefahr
geriet.
Komplizierter wird dieser Befund, wenn man die Veränderung der Wahlbeteiligung
regional differenziert in Betracht zieht. Sowohl bei der Kommunalwahl des Jahres
1964 als auch bei der folgenden Landtagswahl betrug sie knapp über 80%, bei der
Bundestagswahl jedoch über 90% im Landesschnitt. Auffällig sind dabei besonders
die niedrigen Beteiligungsquoten in der Stadt Saarbrücken, die ungefähr zehn Prozentpunkte
unter dem Landesschnitt lagen, wobei die Abweichung bei der Bundestagswahl
geringer war als bei anderen Wahlen. In der Landeshauptstadt erreichten
die Sozialdemokraten dabei zwar sehr gute Resultate, die Zahl der für sie abgegebenen
Stimmen variierte jedoch nur sehr schwach mit den Verschiebungen in der
Wahlbeteiligung: zwischen 25.000 und 27.000 Stimmen, mehr schien für die SPD in
Saarbrücken nicht erreichbar.1’2 Dieses ungünstige Ergebnis kann teilweise durch
Berücksichtigung der besonderen Geschichte der Saar-SPD erklärt werden: Karl
Rohe hat bei seiner Analyse der vor dem Hintergrund der sozio-ökonomischen
Struktur des Ruhrgebiets bis in die späten 60er Jahre eigentlich enttäuschenden
Wahlergebnisse der SPD auf Landesebene die Formel von der „verspäteten Region“
131 Bouvier. SPD, S. 228ff.
,3; Zu den Rückwirkungen der enttäuschenden Ergebnisse der SPD bei Wahlen in Bundesländern zur Mitte
der 60er Jahre in der Wahrnehmung der Bundespartei vgl. Kurt Klotzbach, Der Weg zur Staatspartei.
Programmatik, praktische Politik und Organisation der deutschen Sozialdemokratie 1945 bis 1965, Berlin
u. Bonn 1982, S. 593ff.
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