Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

allerdings  hatte  die  Sozialdemokratie  in  der  Kanalffage  eine  ebenso  eindeutige  wie
klar  alternativ  zur  Politik  der  Landesregierung  positionierte  Linie  gefunden,  als  sie
das  Projekt  der  Als-ob-Tarife  kategorisch  ablehnte.  Zudem  spielte  die  auf  Bundesebene
  die  Dynamik  hemmende  Strategiediskussion  über  das  Verhältnis  zur  Regierung
eine  geringere  Rolle.  Der  gegen  Willy  Brandt  erhobene  Vorwurf,  einen  zu  sanften
Oppositionsstil  zu  pflegen,  konnte  gegenüber  der  Saar-SPD  zumindest  in  den  letzten
I  8  Monaten  vor  der  Landtagswahl  1965  kaum  formuliert  werden.1’1
Das  Wahlergebnis  zeigt  jedoch,  daß  die  Zusammenhänge  zwischen  politischer
Diskussion  und  Wählerverhalten  im  Saarland  offenbar  deutlich  komplizierter  waren.
Zwar  hat  die  SPD  ihr  Wahlergebnis  bei  der  Landtagswahl  gegenüber  dem  Wahlgang
von  1960  deutlich  ausbauen  können  und  mit  über  40%  der  gültigen  Stimmen  ihr
Ergebnis  der  Kommunalwahl  von  1964  nochmals  verbessert;  allerdings  konnte  auch
die  CDU  deutliche  Zuwächse  verbuchen  und  rangierte  mit  42,7%  nun  wieder  vor
allen  Konkurrenten.  Gegenüber  der  Kommunalwahl  von  1964  wies  sie  damit  sogar
einen  deutlich  höheren  Zugewinn  auf  als  die  SPD.  Relativ  einheitlich  entwickelte
sich  eigentlich  nur  der  Wahlerfolg  der  DPS  -  und  zwar  negativ.  Auch  deren  „Absturz“,
  der  sie  1964  im  Landesschnitt  unter  die  10%-Marke  geführt  hatte,  war  aber
zumindest  gebremst.  Noch  deutlicher  treten  diese  Trends  hervor,  wenn  man  die
Ergebnisse  der  Bundestagswahl  von  1965  einbezieht.  Bei  zur  Mitte  des  Jahrzehnts
stagnierenden  Werten  der  DPS  weisen  die  Kurven  für  SPD  wie  CDU  nach  oben,
wobei  die  Stellung  der  CDU  als  stärkster  Partei  dem  Anschein  nach  kaum  in  Gefahr
geriet.
Komplizierter  wird  dieser  Befund,  wenn  man  die  Veränderung  der  Wahlbeteiligung
regional  differenziert  in  Betracht  zieht.  Sowohl  bei  der  Kommunalwahl  des  Jahres
1964  als  auch  bei  der  folgenden  Landtagswahl  betrug  sie  knapp  über  80%,  bei  der
Bundestagswahl  jedoch  über  90%  im  Landesschnitt.  Auffällig  sind  dabei  besonders
die  niedrigen  Beteiligungsquoten  in  der  Stadt  Saarbrücken,  die  ungefähr  zehn  Prozentpunkte
  unter  dem  Landesschnitt  lagen,  wobei  die  Abweichung  bei  der  Bundestagswahl
  geringer  war  als  bei  anderen  Wahlen.  In  der  Landeshauptstadt  erreichten
die  Sozialdemokraten  dabei  zwar  sehr  gute  Resultate,  die  Zahl  der  für  sie  abgegebenen
  Stimmen  variierte  jedoch  nur  sehr  schwach  mit  den  Verschiebungen  in  der
Wahlbeteiligung:  zwischen  25.000  und  27.000  Stimmen,  mehr  schien  für  die  SPD  in
Saarbrücken  nicht  erreichbar.1’2  Dieses  ungünstige  Ergebnis  kann  teilweise  durch
Berücksichtigung  der  besonderen  Geschichte  der  Saar-SPD  erklärt  werden:  Karl
Rohe  hat  bei  seiner  Analyse  der  vor  dem  Hintergrund  der  sozio-ökonomischen
Struktur  des  Ruhrgebiets  bis  in  die  späten  60er  Jahre  eigentlich  enttäuschenden
Wahlergebnisse  der  SPD  auf  Landesebene  die  Formel  von  der  „verspäteten  Region“

131 Bouvier.  SPD,  S.  228ff.
,3;  Zu  den  Rückwirkungen  der  enttäuschenden  Ergebnisse  der  SPD  bei  Wahlen  in  Bundesländern  zur  Mitte
der  60er  Jahre  in  der  Wahrnehmung  der  Bundespartei  vgl.  Kurt  Klotzbach,  Der  Weg  zur  Staatspartei.
Programmatik,  praktische  Politik  und  Organisation  der  deutschen  Sozialdemokratie  1945  bis  1965,  Berlin
u.  Bonn  1982,  S.  593ff.

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