Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Parteien  sehr  unterschiedliche  Wege  zu  diesem  Ziel:  Während  die  Sozialdemokraten
ihre  verfeindete  saarländische  Schwesterpartei  organisatorisch  frühzeitig  integrierten,
benötigten  die  Christdemokraten  hierzu  viel  länger.44 50  Im  Zuge  des  Vereinigungsprozesses
  kam  es  sogar  zu  einer  weiteren  Fragmentierung  des  Parteiensystems,  als
mit  der  Gründung  der  Saarländischen  Volkspartei  (SVP)  und  der  Christlich-Nationalen
  Gemeinschaft  (CNG)  publikumswirksame  Akteure  ihre  Unzufriedenheit  mit  dem
offiziellen  Parteikurs  ausdrückten.  Zu  der  Demokratischen  Partei  des  Saarlandes
(DPS),  die  nach  weiten  Teilen  ihrer  Programmatik  und  ihrer  Parteigeschichte  kaum
anders  denn  als  regionale  Sonderpartei  zu  bezeichnen  ist,  traten  damit  weitere
saar-spezifische  Regionalparteien,  deren  Fortbestehen  bis  zur  Mitte  der  60er  Jahre  mit
dem  bundesdeutschen  Parteien-Modell  kaum  zu  vereinbaren  warf11
Weder  mit  dieser  speziellen  Situation  noch  mit  den  Besonderheiten  der  Wirtschaftsstruktur
  und  der  ökonomischen  Entwicklung  im  Saarland  ist  die  seit  der  Nachkriegszeit
  (und  dann  bis  in  die  80er  Jahre  hinein)  scheinbar  ungebrochene  Dominanz  der
Christdemokraten  als  Mehrheits-  und  Regierungspartei  zu  erklären."’1  Diese  Dominanz
  kann  in  den  Zusammenhang  gestellt  werden  mit  bestimmten  soziologischen
Besonderheiten  des  Saarlandes  -  wie  z.B.  dem  hohen  Katholikenanteil  und  der  ungewöhnlich
  engen  Kirchenbindung  weiter  Teile  der  Bevölkerung  -,  sie  kann  aber  auch
vor  dem  Hintergrund  der  im  bundesdeutschen  Föderalismus  wie  in  der  Persönlichkeit
Franz  Josef  Röders  gleichermaßen  angelegten  besonderen  Stellung  von  Ministerpräsidenten
  als  „Landesvater“  verstanden  werden.52  In  Verbindung  mit  dem  über  lange
Jahre  hinweg  immer  wieder  erwarteten,  letztlich  aber  doch  ausgebliebenen  Aufstieg
der  Sozialdemokraten  aus  ihrer  prekären  Situation  als  Oppositionspartei  bzw.  ständig
von  Majorisierung  bedrohtem  Koalitionspartner  verweist  diese  Dominanz  aber  auch
auf  die  Frage  nach  den  Mechanismen,  die  in  einer  Phase  ständiger  Herausforderung

der  Bundesrepublik  Deutschland  1945-1980,  Opladen  1980,  sowie  Winfried  Becker,  Die  Entwicklung  der
Parteien  im  Saarland  1945  bis  1955  nach  französischen  Quellen,  in:  Hudemann  u.  Poidevin  (Hgg.),  Saar,
S.  253-296.
4t|  Einen  Überblick  über  die  Arbeiten  zur  Christdemokratie  bietet  Markus  Gestier  u.  Armin  Herrmann,  Die
Christliche  Einigung  an  der  Saar.  CVP  und  CDU  1955-1959,  in:  Zeitschrift  für  die  Geschichte  der
Saargegend  48  (2000),  S.  276-307;  zur  Forschungslage  zu  den  sozialdemokratischen  Parteien  vgl.
Jean-Paul  Cahn,  Von  der  sozialistischen  Einheit  zum  Bruch  der  Heimatbundregierung.  Sozialdemokratie
an  der  Saar  und  ihr  Verhältnis  zum  Parteivorstand  der  SPD  von  der  Volksabstimmung  bis  zum  Ende  der
Heimatbundregierung  (1955-1957),  in:  Jahrbuch  für  westdeutsche  Landesgeschichte  25  (1999),
S.  603-624.
50  Jürgen  W.  Falter,  Faktoren  der  Wahlentscheidung.  Eine  wahlsoziologische  Analyse  am  Beispiel  der
saarländischen  Landtagswahl  1970,  Köln,  Berlin  u.a.  1972.
51  Walter  Kappmeier,  Konfession  und  Wahlverhalten.  Untersucht  am  Beispiel  der  Bundestagswahl  1976
und  der  Landtagswahl  1975  im  Saarland,  Frankfurt  a.M.  1984.
52  Herbert  Schneider,  Ministerpräsidenten.  Profil  eines  politischen  Amtes  im  deutschen  Föderalismus,
Opladen  2001;  Winfried  Steffani,  Die  Republik  der  Landesfursten,  in:  Gerhard  A.  Ritter  (Hg.),  Regierung,
Bürokratie  und  Parlament  in  Preussen  und  Deutschland  von  1848  bis  zur  Gegenwart,  Düsseldorf  1983,  S.
181-213.

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