Ein gewichtiger Grund für diese höchst problematische Selbstpositionierung der
Regierung dürfte darin zu sehen sein, daß der Kanalfrage neben ihrer symbolisch-politischen
Bedeutung als Teil der Frage nach der Standortqualität des Saarlandes
hohe Bedeutung für Grundlinien der Wirtschaftspolitik des Landes zukam.10
Es kann zwar allgemein festgestellt werden, daß im „magischen Dreieck“ der regionalen
Strukturfaktoren Arbeitskräftepotential, Transportkosten und Agglomerationsvorteile
die Bedeutung der Transportkosten durch die technische Entwicklung und
durch Produktinnovationen immer stärker an Bedeutung verlor; um so mehr wirkte
sich aber der überdurchschnittliche Besatz mit transportkostenintensiven Industrien
in bestimmten Regionen, so auch im Saarland, negativ auf deren Wachstumsmöglichkeiten
aus.0 108 111 Im Umkehrschluß war durch die ungünstige Standortlage auch der
Erfolg von Maßnahmen zur Ansiedlung neuer, möglicherweise weniger transportkostenreagibler
Industrien gefährdet. Für die aus regionalpolitischer Sicht wegen
ihrer geringeren Konjunktursensibilität besonders begrüßenswerten Ansiedlungen in
Form von Betriebsverlagerungen oder neu errichteten Werken mit Stufenbetrieben
hatten Agglomerationsvorteile hohe Anziehungskraft. Da das Saarland über derartige
Vorteile - nicht zuletzt aus politisch-historischen Gründen - nicht in gleichem Umfang
verfügte wie die industriellen Zentren Deutschlands, hätten allenfalls deutliche
Standortvorteile, wie z.B. eine günstigere Verkehrsanbindung, die Region für ansiedlungswillige
Unternehmen attraktiv gemacht.100 Dies gilt um so mehr für diejenigen
Branchen der weiterverarbeitenden Industrie, die in enger Zusammenarbeit mit der
bestehenden Schwerindustrie die Struktur des Industriegebietes hätten „aullockern“
sollen. Vor allem aber für die Eisen- und Stahlindustrie hatte die Standortfrage hohe
Bedeutung. Diese ist nicht nur in der akuten Kostenbelastung zu sehen,"" die selbst
durch andere Faktoren, wie z.B. niedrigere Arbeitskosten, nicht auszugleichen war,1"
sondern auch in Einschränkungen bei der Planung der Unternehmenspolitik. Die
aufgrund des Kostendrucks eigentlich gebotene Entscheidung zugunsten einer Diversifizierung
und Spezialisierung der Unternehmen erforderte hohe Investitionen,
deren Rentabilität am Standort Saarland aufgrund der Transportkostenbelastung aber
nicht gesichert war. Nach den bereits im Umfeld der Einführung des deutschen
Eisenbahntarifsystems gemachten negativen Erfahrungen war die neuerliche Unsil<)7
Einen ausführlichen Überblick über diesen Aspekt bietet CAPEM, Infrastructures, S. 1-26.
I0S Vgl. zu diesem Gedankengang Petzina, Standortverschiebungen, S. 120ff.
IOT Vgl. hierzu die auf breiter Datengrundlage erarbeiteten Ergebnisse bei Wittenberg, Industriebetriebe,
S. 82.
110 Die hohe Belastung der Saarhütten durch Transportkosten - und die damit verbundene geringere
Konkurrenzfähigkeit bzw. niedrigere Rentabilität der saarländischen Unternehmen - ergab sich zum einen
durch den in dieser Branche allgemein hohen Anteil der Transportkosten, aber auch aus der besonderen
Absatzlage der saarländischen Stahlindustrie: Während z.B. im Ruhrgebiet 60% des Absatzes revierintern
erfolgte, betrug der Wert für das Saarland nur ea. ein Drittel, vgl. Wettig, Studie, S. 68 und S. 24, mit
ausführlichen Zahlenangaben.
111 Krehbiel, Standortfrage, S. 56, beziffert den Anteil der Arbeitskosten an den Gesamtkosten der
Roheisenphase auf ca. 2,3%.
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