Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

erkannt,  so  daß  Erwin  Müller  den  Kanal  bald  schon  als  „wirtschaftspolitische  Notwendigkeit“9'
  bezeichnen  konnte.
Einer  der  Gründe  für  die  Zurückhaltung  der  Regierung  kann  darin  gesehen  werden,
daß  auch  die  Saarwirtschaft  eher  zögerlich  auf  das  Kanalprojekt  reagierte.  Zwar  hatte
die  GW-Saar  in  einer  aufwendig  gestalteten  Werbebroschüre  versucht,  den  Kanal  als
die  geeignete  Lösung  für  die  Strukturprobleme  der  Saarwirtschaft  als  Ganzes  darzustellen,93
 94 95  zur  Gründung  des  Saar-Pfälz-Kanal-Vereins  kam  es  jedoch  erst  am  18.
Januar  1963.9>  Offensichtlich  erforderte  die  Koordination  der  unterschiedlichen
Interessen  der  Saarwirtschaft  einen  nennenswerten  Zeitraum,  bis  z.B.  auch  der
Vorstandsvorsitzende  der  Saarbergwerke  auf  die  von  Ernst  Röchling  bereits  196196
nachdrücklich  erhobene  Forderung  nach  Bau  des  Kanals  einschwenkte.  Außerdem
stieß  die  Landesregierung  mit  diesem  Projekt  in  Bonn  auf  harsche  Ablehnung,  wie
ein  Dossier  des  Wirtschaftsministeriums  über  eine  Grundsatzbesprechung  am  19.  August
  1962  zwischen  Landespolitikern,  Wirtschaftsvertretern  und  Mitgliedern  der
Bundesregierung  zeigt.  Die  Bundesregierung  war  unter  Hinweis  auf  die  erfolgreich
verlaufene  Eingliederung  nicht  einmal  ansatzweise  bereit,  auf  die  saarländische
Forderung  nach  weiteren  Investitionen  in  die  Infrastruktur  einzugehen.9  Zwar  konnte
in  der  parlamentarischen  Debatte  über  die  Besprechung  dieser  Eindruck  einigermaßen
  verwischt  werden;  allerdings  sah  sich  die  Landesregierung  nun  mit  dem
Vorwurf  konfrontiert,  sich  nicht  ausreichend  für  diese  Forderung  engagiert  zu  haben.
Von  Seiten  der  SPD-Opposition  wurde  die  Alternative  von  Als-ob-Tarifen  jetzt  sogar
als  reines  Verhinderungsinstrument  gegenüber  dem  Kanalbau  abgelehnt.9*

93  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  27.  Sitzung  v.  7.1  1.62,  S.  1033.
94  GW-Saar  (Hg.),  Weshalb  Saar-Pfalz-Kanal,  Saarbrücken  1962.  In  dieser  Broschüre  werden  übrigens
auch  in  einer  bemerkenswert  langen  Reihung  Danksagungen  an  praktisch  alle  führenden  Vertreter  der
Wirtschaftselite  aller  Branchen  im  Saarland  ausgesprochen.
95  Vgl.  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  (Hg.),  Wirtschaft,  S.  233.  Der  Verein  nahm  seine
Tätigkeit  dann  jedoch  sehr  schnell  auf,  was  sich  auch  in  der  Herausgabe  eines  Mitteilungsblattes  niederschlug;
  das  Gros  seiner  Veröffentlichungen  und  seiner  Lobby-Tätigkeit  liegt  jedoch  eindeutig  im  Zeitraum
nach  der  Kohlekrise  1966,  worauf  an  anderer  Stelle  noch  einzugehen  sein  wird.  Diese  Gründung  stellt  eine
bemerkenswerte  Parallele  zur  Gründung  der  „Arbeitsgemeinschaft  Autobahn  Dortmund-Hagen-Siegen-Gießen“
  dar,  vgl.  Petzina,  Industrieregion,  S.  122.
96  Rolshoven,  Wirtschaftsgrundlagen;  Ernst  Röchling,  Industrie,  S.  24.
97  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  2.11.62.  ln  der
endgültigen  Fassung  der  Stellungnahme  der  Regierung  wurde  die  Passage  zur  erfolgreichen  Eingliederung
drastisch  entschärft:  Ein  ursprünglich  vorgesehener  Hinweis  auf  die  positiven  Auswirkungen  auf  den
saarländischen  Lebensstandard  („ich  verweise  auf  den  Eigen  Wohnungsbau,  den  Schulbau,  den  Straßenbau,
die  ungewöhnlich  schnelle  Zunahme  von  privaten  Kraftfahrzeugen,  Fernsehapparaten,  Haushaltsgeräten
aller  Art,  den  ständig  steigenden  Verbrauch  an  Nahrungs-  und  Genußmitteln  höherwertiger  Art,  die
Steigerung  des  privaten  Reiseverkehrs  usw.  bei  gleichzeitig  starkem  Anwachsen  des  Sparkapitals“)  wurde
gestrichen;  aber  auch  im  Schlußsatz  „Die  Regierung  ...  ist  überzeugt,  daß  das  Gespräch  bei  dem  Herrn
Bundeskanzler  entscheidend  dazu  beitragen  wird  ..."  wurde  das  Wort  „entscheidend“  gestrichen.  Zur
Wirkung  der  Eingliederung  auf  die  Versorgung  der  Bevölkerung  mit  langlebigen  Gebrauchsgütern  vgl.
Paul  Thomes,  „Gebb  Gas,  Theo!“  Autoailtag  -  Autobiographien  -  Autoerfahrungen,  in:  Dillmann  u.  van
Dülmen  (Hgg.),  Lebenserfahrungen,  S.  166-207.
4>i  Vgl.  hierzu  die  Debatte  in  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  28.  Sitzung  v.  5.12.62,  S.  1060ff.

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