erkannt, so daß Erwin Müller den Kanal bald schon als „wirtschaftspolitische Notwendigkeit“9'
bezeichnen konnte.
Einer der Gründe für die Zurückhaltung der Regierung kann darin gesehen werden,
daß auch die Saarwirtschaft eher zögerlich auf das Kanalprojekt reagierte. Zwar hatte
die GW-Saar in einer aufwendig gestalteten Werbebroschüre versucht, den Kanal als
die geeignete Lösung für die Strukturprobleme der Saarwirtschaft als Ganzes darzustellen,93
94 95 zur Gründung des Saar-Pfälz-Kanal-Vereins kam es jedoch erst am 18.
Januar 1963.9> Offensichtlich erforderte die Koordination der unterschiedlichen
Interessen der Saarwirtschaft einen nennenswerten Zeitraum, bis z.B. auch der
Vorstandsvorsitzende der Saarbergwerke auf die von Ernst Röchling bereits 196196
nachdrücklich erhobene Forderung nach Bau des Kanals einschwenkte. Außerdem
stieß die Landesregierung mit diesem Projekt in Bonn auf harsche Ablehnung, wie
ein Dossier des Wirtschaftsministeriums über eine Grundsatzbesprechung am 19. August
1962 zwischen Landespolitikern, Wirtschaftsvertretern und Mitgliedern der
Bundesregierung zeigt. Die Bundesregierung war unter Hinweis auf die erfolgreich
verlaufene Eingliederung nicht einmal ansatzweise bereit, auf die saarländische
Forderung nach weiteren Investitionen in die Infrastruktur einzugehen.9 Zwar konnte
in der parlamentarischen Debatte über die Besprechung dieser Eindruck einigermaßen
verwischt werden; allerdings sah sich die Landesregierung nun mit dem
Vorwurf konfrontiert, sich nicht ausreichend für diese Forderung engagiert zu haben.
Von Seiten der SPD-Opposition wurde die Alternative von Als-ob-Tarifen jetzt sogar
als reines Verhinderungsinstrument gegenüber dem Kanalbau abgelehnt.9*
93 LTDS, 4. WP, Abt. I, 27. Sitzung v. 7.1 1.62, S. 1033.
94 GW-Saar (Hg.), Weshalb Saar-Pfalz-Kanal, Saarbrücken 1962. In dieser Broschüre werden übrigens
auch in einer bemerkenswert langen Reihung Danksagungen an praktisch alle führenden Vertreter der
Wirtschaftselite aller Branchen im Saarland ausgesprochen.
95 Vgl. Industrie- und Handelskammer des Saarlandes (Hg.), Wirtschaft, S. 233. Der Verein nahm seine
Tätigkeit dann jedoch sehr schnell auf, was sich auch in der Herausgabe eines Mitteilungsblattes niederschlug;
das Gros seiner Veröffentlichungen und seiner Lobby-Tätigkeit liegt jedoch eindeutig im Zeitraum
nach der Kohlekrise 1966, worauf an anderer Stelle noch einzugehen sein wird. Diese Gründung stellt eine
bemerkenswerte Parallele zur Gründung der „Arbeitsgemeinschaft Autobahn Dortmund-Hagen-Siegen-Gießen“
dar, vgl. Petzina, Industrieregion, S. 122.
96 Rolshoven, Wirtschaftsgrundlagen; Ernst Röchling, Industrie, S. 24.
97 LASB StK Kabinettsregistratur, Anlage MW, Kabinettsvorlage Wirtschaftsministerium v. 2.11.62. ln der
endgültigen Fassung der Stellungnahme der Regierung wurde die Passage zur erfolgreichen Eingliederung
drastisch entschärft: Ein ursprünglich vorgesehener Hinweis auf die positiven Auswirkungen auf den
saarländischen Lebensstandard („ich verweise auf den Eigen Wohnungsbau, den Schulbau, den Straßenbau,
die ungewöhnlich schnelle Zunahme von privaten Kraftfahrzeugen, Fernsehapparaten, Haushaltsgeräten
aller Art, den ständig steigenden Verbrauch an Nahrungs- und Genußmitteln höherwertiger Art, die
Steigerung des privaten Reiseverkehrs usw. bei gleichzeitig starkem Anwachsen des Sparkapitals“) wurde
gestrichen; aber auch im Schlußsatz „Die Regierung ... ist überzeugt, daß das Gespräch bei dem Herrn
Bundeskanzler entscheidend dazu beitragen wird ..." wurde das Wort „entscheidend“ gestrichen. Zur
Wirkung der Eingliederung auf die Versorgung der Bevölkerung mit langlebigen Gebrauchsgütern vgl.
Paul Thomes, „Gebb Gas, Theo!“ Autoailtag - Autobiographien - Autoerfahrungen, in: Dillmann u. van
Dülmen (Hgg.), Lebenserfahrungen, S. 166-207.
4>i Vgl. hierzu die Debatte in LTDS, 4. WP, Abt. I, 28. Sitzung v. 5.12.62, S. 1060ff.
242