Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

auf  den  aktuellen  Anlaß  des  Bergarbeiterstreiks,  betrachtete  den  Kanal  aber  ausdrücklich
  als  Lösung  für  die  Standortprob  lerne  des  Landes:  „Es  muß  der  Saarwirtschaft
darauf  ankommen,  vor  allem  einen  anderen,  möglichst  kürzeren  Weg  nach  Süddeutschland
  zu  finden.“40  Mit  dieser  Begründung  wurde  die  Kanalforderung  nun
erstmals  zu  einem  politischen  Symbol  lür  die  Bewältigung  des  Strukturwandels  in  der
Saarwirtschaft  als  Ganzes  umgedeutet.  Von  den  mit  dieser  Forderung  verbundenen
inneren  Widersprüchen  -  z.B.  demjenigen,  daß  ein  solcher  Kanal  dem  Erhalt  der
Arbeitsplätze  gerade  im  Bergbau  nicht  unbedingt  förderlich  gewesen  wäre  wurde
weitgehend  abstrahiert.  Genauso  blendete  die  Opposition  in  ihrem  Antrag  das  problematische
  Verhältnis  zwischen  Saarvertretern  und  der  Deutschen  Bundesbahn  aus.  Der
Hinweis  auf  die  von  dieser  Seite  vorgetragene  Kritik  an  der  Finanzierung  des  Kanalprojektes
  beschrieb  nur  einen  Ausschnitt  der  Politik  der  Bahn.  Diese  hatte  zum  einen
bereits  im  Zuge  der  Übernahme  der  saarländischen  Eisenbahnen  kostspielige  Zugeständnisse
  hinsichtlich  der  Tarife  für  bestimmte  im  Saarland  wichtige  Produkte
gemacht  und  sah  zum  anderen  der  Etablierung  eines  konkurrierenden  Verkehrsträgers
in  der  Großregion  zusätzlich  zu  der  bereits  beschlossenen  Moselkanalisierung  schon
aus  Gründen  der  Rentabilität  ihrer  gerade  erst  elektrifizierten  Eisenbahnlinien  mit
durchaus  gemischten  Gefühlen  entgegen.'11
Die  von  Werner  Scherer  an  gleicher  Stelle  für  die  CDU  beantragte  Verweisung  des
Antrags  in  den  Ausschuß  -  und  mithin  in  das  Umfeld  nichtöffentlicher  Beratung  -  war
kaum  mehr  als  eine  „Notlösung“;  detaillierte  sachliche  Argumente  gegen  den
SPD-Antrag  konnten  oder  sollten  offenbar  nicht  genannt  werden.  Sichtbar  wird  darin
der  Versuch,  das  delikate  Thema  soweit  wie  möglich  aus  den  parlamentarischen
Beratungen  herauszuhalten.  Zwar  bewegte  sich  die  Regierungspolitik  in  den  darauf
folgenden  Monaten  zögerlich  in  die  von  der  SPD  geforderte  Richtung,90 92  die  anderen
Fraktionen  hatten  aber  offenbar  den  politischen  Wert  des  neuen  Symbols  schnell

90  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  22.  Sitzung  v.  15.5.62,  S.  834ff.
91  Umfassend  zu  der  unternehmenspolitischen  Problemstellung  der  Bundesbahn  durch  ihren  gemeinwirtschaftlichen
  Auftrag:  Günther  Schulz,  Die  Deutsche  Bundesbahn  1949-1989,  in:  Lothar  Gail  u.  Manfred
Pohl  (Hgg.),  Die  Eisenbahn  in  Deutschland.  Von  den  Anfängen  bis  zur  Gegenwart,  München  1999,
S.  317-376.  Danach  wickelte  die  Bundesbahn  zu  Ende  der  50er  Jahre  bereits  „mehr  als  die  Hälfte  ihres
Transportvolumens“  über  Ausnahmetarife  ab;  Schulz  interpretiert  dies  als  „Abwehrkampf  eines  Monopolisten“
  gegen  die  Konkurrenz  des  Straßenverkehrs,  ebd.,  S.  334.  Klenke  dagegen  betont,  daß  auch  die
Binnenschiffahrt  zu  den  Ausnahmetarifen  ein  durchaus  ambivalentes  Verhältnis  hatte,  da  diese  auch  ihre
Rentabilität  gefährdeten.  Die  Konkurrenzfähigkeit  der  Wasserstraßen  fuhrt  er  dabei  auch  auf  die  gezielte
Förderung  der  kleinen  und  mittelständischen  Schiffahrtsbetriebe  durch  die  Bundesregierung  zurück,  vgl.
Dietmar  Klenke,  Bundesdeutsche  Verkehrspolitik  und  Motorisierung.  Konfliktträchtige  Weichenstellungen
  in  den  Jahren  des  Wiederaufstiegs,  Stuttgart  1993  (=  Zeitschrift  für  Unternehmensgeschichte,
Beiheft  79),  bes.  S.  45ff.  Den  Zusammenhang  zur  Förderung  des  Straßenverkehrs  stellt  Dietmar  Klenke
her,  „Freier  Stau  für  freie  Bürger“.  Die  Geschichte  der  bundesdeutschen  Verkehrspolitik  1949-1994,
Dannstadt  1995.
92  Z.B.  wurden  im  Haushalt  für  1963  immerhin  50.000  DM  für  Planungsarbeiten  am  Saar-Pfalz-Kanal
eingestellt.  Werner  Scherer  begrüßte  dies  ausdrücklich,  weil  so  die  Planungsarbeiten  für  dieses  Projekt,  das
„seit  einem  Jahr“  in  der  Diskussion  stehe,  beginnen  könnten.  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  27.  Sitzung  v.  7.11.62,
S.1022.

241
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.