Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

sichtbar  werdenden  politischen  und  adminstrativen  Probleme  bei  der  Verwendung  der
Gelder.  Diese  Diskussion  gewann  eine  neue  Qualität,  als  im  Zuge  der  Stagnationskrise
  der  frühen  60er  Jahre  die  strukturellen  Defizite  der  Saarwirtschaft  zusätzliche
Finanzierungsprobleme  auslösten.  Das  hochindustrialisierte  und  ökonomisch  besonders
  aktive  Wirtschaftsgebiet  wurde  dadurch  zum  Empfängerland  im  föderalen
Finanzausgleich,  die  Einnahmen  des  Landes  reichten  aber  trotzdem  bei  weitem  nicht
zur  Deckung  der  notwendigen  Ausgaben.44  Darin  ist  am  deutlichsten  die  Qualität  der
Eingliederung  des  Saarlandes  als  Herausforderung  des  bundesdeutschen  Föderalismus
  zu  erkennen;  in  vollem  Umfang  sichtbar  wurde  diese  Herausforderung,  als  gegen
Ende  des  Jahrzehnts  in  der  Reform  der  Regionalpolitik  nicht  nur  die  Frage  der  Verteilung
  staatlicher  Ressourcen,  sondern  ganz  allgemein  auch  die  Koordination  staatlicher
  Aktivitäten  im  Zuge  einer  Neudefinition  staatlicher  Wirtschaftspolitik  vorgenommen
  wurde.4"
Eine  Herausforderung  stellte  die  Eingliederung  aber  auch  für  das  politische  System
des  Saarlandes  dar.  Zunächst  trat  diese  Herausforderung  als  Problem  der  Aufarbeitung
  der  besonders  belasteten  Vergangenheit  saarländischer  politischer  Akteure  in
Erscheinung.46 48  Seit  den  ersten  Landtagswahlen  nach  dem  Referendum  waren  die
Gegner  des  Statuts  durch  die  spiegelbildlich  zur  weltanschaulichen  Gliederung  des
bundesdeutschen  -  und  saarländischen  -  Parteiensystems  organisierten,  im  Heimatbund
  lose  zusammengeschlossenen  Parteien  erstmals  auch  im  Parlament  vertreten.4
Daß  nach  dem  leidenschaftlich  geführten  Abstimmungskampf  eine  sachliche  Kooperation
  der  durch  ihre  Haltung  zur  Referendumsfrage  getrennten  politischen  Kräfte
überhaupt  möglich  werden  würde,  war  nicht  von  vornherein  klar.4*  Auch  wählten  die

44  Vgl.  die  detaillierte  Überblicksdarstellung  von  Wolfgang  Renzsch,  Finanzverfassung  und  Finanzausgleich.
  Die  Auseinandersetzungen  um  ihre  politische  Gestaltung  in  der  Bundesrepublik  Deutschland
zwischen  Währungsreform  und  deutscher  Vereinigung  (1948  bis  1990),  Bonn  1991.
45  Gabriele  Metzler,  Einheit  und  Konkurrenz  im  Bundesstaat.  Föderalismus  in  der  Bundesrepublik,
1949-2000,  in:  Thomas  Kühne  u.  Cornelia  Rau-Kühne  (Hgg.),  Raum  und  Geschichte.  Regionale  Traditionen
  und  föderative  Ordnungen  von  der  Frühen  Neuzeit  bis  zur  Gegenwart,  Leinfelden-Echterdingen  2001
(=  Schriften  zur  südwestdeutschen  Landeskunde  40),  S.  232-256.
46  Sehr  deutlich  wird  diese  Belastung  in  den  Memoiren  der  beiden  Protagonisten  Fleinrich  Schneider,  Das
Wunder  an  der  Saar.  Ein  Erfolg  politischer  Gemeinsamkeit,  Stuttgart  1974  und  Johannes  Hoffmann,  Das
Ziel  war  Europa.  Der  Weg  der  Saar  1945-1955,  München  1963.  Im  Kontext  der  Vorgeschichte  des
Referendums  in  der  Zwischenkriegszeit:  Armin  Flender,  Öffentliche  Erinnerungskultur  im  Saarland  nach
dem  Zweiten  Weltkrieg.  Untersuchungen  über  den  Zusammenhang  von  Geschichte  und  Identität,  Baden-Baden
  1998  (=  Schriftenreihe  des  Instituts  für  Europäische  Regionalforschungen  2).
47  Wilfried  Loth,  Der  saarländische  Sonderweg  im  Licht  der  neueren  Forschung,  in:  Hudemann,  Jellonnek
u.  Rauls  (Hgg.),  Grenz-Fall,  S.  81-95,  hier:  S.  95,  spricht  dagegen  von  einem  „doppelten  Elitenwechsel“:
„Die  Unterlegenen  von  1935  waren  die  Sieger  von  1945,  und  die  Unterlegenen  von  1945  gehörten  zu  den
Siegern  von  1955.“
48  Schon  seit  spätestens  1952  hatten  sich  parallel  zu  dem  weltanschaulich  getrennten  Parteiensystem  des
Saarlandes  (Christliche  Volkspartei,  CVP,  Sozialdemokratische  Partei  des  Saarlandes,  SPS,  und  demokratische
  Vereinigung  bzw.  dann  Demokratische  Partei  des  Saarlandes,  DPS)  prodeutsche  „Spiegelstrich-Parteien“
  gebildet  (CDU,  Deutsche  Sozialdemokratische  Partei,  DSP  bzw.  dann  SPD),  die  sich  im
Abstimmungskampf  gemeinsam  mit  der  DPS  zum  sogenannten  Heimatbund  zusammenschlossen.  Einen
Überblick  hierzu  bieten  die  einschlägigen  Artikel  in  Richard  Stöss  (Hg.),  Parteien-Handbuch.  Die  Parteien

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