Wirtschaftsministerium im Kontext der heftigen öffentlichen Reaktionen auf die
Aufwertung der DM ein 10-Punkte-Programm vorlegte, das die Handlungsfähigkeit
der Landesregierung gegenüber den zu erwartenden negativen Auswirkungen dieser
Maßnahme darstellen sollte. Die Forderung wurde dabei aus einer integrierten Sichtweise
auf Kohle- und Stahlpolitik entwickelt: „Beide Industriezweige an der Saar
sind aus historischen und geographischen Gründen auf Gedeih und Verderb aufeinander
angewiesen.“78 * Allerdings legte sich die Regierung auch in diesem Text nicht
auf ein bestimmtes Kanalprojekt fest. 4
Dies kann auch darauf zurückgefuhrt werden, daß es bereits den Zeitgenossen
schwerfiel, die Wechselbeziehungen und Abhängigkeiten der beiden schwerindustriellen
Branchen im Saarland zu überblicken.80 Denn während die saarländische
Politik auf das gute Zusammenspiel beider Branchen angewiesen war, um den Abbau
von Arbeitsplätzen im Bergbau durch eine Verlagerung in den Stahlbereich kompensieren
zu können, verhinderte gerade das staatliche Eigentum am Saar-Bergbau die -
z.B. im Ruhrgebiet, aber auch im Aachener Revier übliche und erfolgversprechende -
unternehmerische Integration der beiden Sektoren.81 Und auch in rein unternehmerischer
Perspektive gestaltete sich die Gemengelage der Interessen von Kohle und
Stahl recht kompliziert. Wenn auch die Möglichkeit günstigeren Absatzes von
Produkten vor allem nach Süddeutschland für beide Branchen ähnlich attraktiv
erschien, war eine Senkung der Transportkosten beim Bezug von Produkten primär
für die Stahlindustrie interessant, die auf diesem Wege ihre Rohstoffversorgung - z.B.
mit schwedischem Eisenerz, das bessere Eigenschaften als die lothringische Minette
besaß - kostengünstiger hätte gestalten können. Für die Saarbergwerke allerdings
hätte dies eine Konkurrenz durch die zur Verhüttung ohnehin besser geeignete
Ruhrkohle bedeutet, die möglicherweise Konzessionen bei der Preisgestaltung
erfordert hätten, durch die das Betriebsergebnis weiter verschlechtert worden wäre.82
* LASB StK Kabinettsregistratur, Anlage MW, Kabinettsvorlage Wirtschaftsministerium v. 17.4.61.
g Gegenüber dem Parlament bezeichnete Eugen Huthmacher den Saar-Pfalz-Kanal als „Wunschtraum“,
LTDS, 4. WP, Abt. I. 7. Sitzung v. 18.4.61, S. 176ft'„ und dementierte, daß diesbezüglich bereits ein
Memorandum der Landesregierung existiere.
80 Vgl. hierzu den ebenso kurzen wie aufschlußreichen Artikel von Walter Gerisch, Die Saarwirtschaft
fordert eine Wasserstraße, in: Die Arbeitskammer. Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes 9 (1961),
S. 97. Entgegen der Überschrift wird der Kanalweg zum Rhein als „das nütztlichste, aber auch teuerste“
Projekt bezeichnet, das gegenwärtig hauptsächlich von der Eisenindustrie vertreten werde. „Mit Nachdruck“
fordere, so Gerisch, die Wirtschaft jedenfalls Ausnahmetarife.
81 Diesen Aspekt betont besonders Karl-Friedrich Gansäuer, Lagerung und Verflechtung der eisenschaffenden
Industrie der Montanunionsländer in räumlicher Sicht. Dargestellt am Beispiel ausgewählter
Unternehmensgruppen und Konzerne, Wiesbaden 1964 (= Kölner Forschungen zur Wirtschafts- und
Sozialgeschichte 1), S. 76.
82 Zum Rohstoffproblem in längerfristiger Perspektive vgl. Heinz Quasten, Die Rohstoffe in der saarländischen
Montanindustrie seit dem späten 19. Jahrhundert, in: Kommission für saarländische Landesgeschichte
und Volksforschung (Hg.), Forschungsaufgabe Industriekultur, Saarbrücken i.V. Zur Situation
in den 60er Jahren vgl. die ausführlichen volks- bzw. betriebswirtschaftlichen Analysen von Hans Wettig,
Betriebswirtschaftliche Studie über die Standortlage der saarländischen Schwerindustrie, verbunden mit
einer vergleichenden Betrachtung zur Standortlage der Reviere in Lothringen und im Ruhrgebiet, (Dipl.
238