Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Wirtschaftsministerium  im  Kontext  der  heftigen  öffentlichen  Reaktionen  auf  die
Aufwertung  der  DM  ein  10-Punkte-Programm  vorlegte,  das  die  Handlungsfähigkeit
der  Landesregierung  gegenüber  den  zu  erwartenden  negativen  Auswirkungen  dieser
Maßnahme  darstellen  sollte.  Die  Forderung  wurde  dabei  aus  einer  integrierten  Sichtweise
  auf  Kohle-  und  Stahlpolitik  entwickelt:  „Beide  Industriezweige  an  der  Saar
sind  aus  historischen  und  geographischen  Gründen  auf  Gedeih  und  Verderb  aufeinander
  angewiesen.“78 *  Allerdings  legte  sich  die  Regierung  auch  in  diesem  Text  nicht
auf  ein  bestimmtes  Kanalprojekt  fest.  4
Dies  kann  auch  darauf  zurückgefuhrt  werden,  daß  es  bereits  den  Zeitgenossen
schwerfiel,  die  Wechselbeziehungen  und  Abhängigkeiten  der  beiden  schwerindustriellen
  Branchen  im  Saarland  zu  überblicken.80  Denn  während  die  saarländische
Politik  auf  das  gute  Zusammenspiel  beider  Branchen  angewiesen  war,  um  den  Abbau
von  Arbeitsplätzen  im  Bergbau  durch  eine  Verlagerung  in  den  Stahlbereich  kompensieren
  zu  können,  verhinderte  gerade  das  staatliche  Eigentum  am  Saar-Bergbau  die  -
z.B.  im  Ruhrgebiet,  aber  auch  im  Aachener  Revier  übliche  und  erfolgversprechende  -
unternehmerische  Integration  der  beiden  Sektoren.81  Und  auch  in  rein  unternehmerischer
  Perspektive  gestaltete  sich  die  Gemengelage  der  Interessen  von  Kohle  und
Stahl  recht  kompliziert.  Wenn  auch  die  Möglichkeit  günstigeren  Absatzes  von
Produkten  vor  allem  nach  Süddeutschland  für  beide  Branchen  ähnlich  attraktiv
erschien,  war  eine  Senkung  der  Transportkosten  beim  Bezug  von  Produkten  primär
für  die  Stahlindustrie  interessant,  die  auf  diesem  Wege  ihre  Rohstoffversorgung  -  z.B.
mit  schwedischem  Eisenerz,  das  bessere  Eigenschaften  als  die  lothringische  Minette
besaß  -  kostengünstiger  hätte  gestalten  können.  Für  die  Saarbergwerke  allerdings
hätte  dies  eine  Konkurrenz  durch  die  zur  Verhüttung  ohnehin  besser  geeignete
Ruhrkohle  bedeutet,  die  möglicherweise  Konzessionen  bei  der  Preisgestaltung
erfordert  hätten,  durch  die  das  Betriebsergebnis  weiter  verschlechtert  worden  wäre.82

*  LASB  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  17.4.61.
g  Gegenüber  dem  Parlament  bezeichnete  Eugen  Huthmacher  den  Saar-Pfalz-Kanal  als  „Wunschtraum“,
LTDS,  4.  WP,  Abt.  I.  7.  Sitzung  v.  18.4.61,  S.  176ft'„  und  dementierte,  daß  diesbezüglich  bereits  ein
Memorandum  der  Landesregierung  existiere.
80  Vgl.  hierzu  den  ebenso  kurzen  wie  aufschlußreichen  Artikel  von  Walter  Gerisch,  Die  Saarwirtschaft
fordert  eine  Wasserstraße,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  9  (1961),
S.  97.  Entgegen  der  Überschrift  wird  der  Kanalweg  zum  Rhein  als  „das  nütztlichste,  aber  auch  teuerste“
Projekt  bezeichnet,  das  gegenwärtig  hauptsächlich  von  der  Eisenindustrie  vertreten  werde.  „Mit  Nachdruck“
  fordere,  so  Gerisch,  die  Wirtschaft  jedenfalls  Ausnahmetarife.
81  Diesen  Aspekt  betont  besonders  Karl-Friedrich  Gansäuer,  Lagerung  und  Verflechtung  der  eisenschaffenden
  Industrie  der  Montanunionsländer  in  räumlicher  Sicht.  Dargestellt  am  Beispiel  ausgewählter
Unternehmensgruppen  und  Konzerne,  Wiesbaden  1964  (=  Kölner  Forschungen  zur  Wirtschafts-  und
Sozialgeschichte  1),  S.  76.
82  Zum  Rohstoffproblem  in  längerfristiger  Perspektive  vgl.  Heinz  Quasten,  Die  Rohstoffe  in  der  saarländischen
  Montanindustrie  seit  dem  späten  19.  Jahrhundert,  in:  Kommission  für  saarländische  Landesgeschichte
  und  Volksforschung  (Hg.),  Forschungsaufgabe  Industriekultur,  Saarbrücken  i.V.  Zur  Situation
in  den  60er  Jahren  vgl.  die  ausführlichen  volks-  bzw.  betriebswirtschaftlichen  Analysen  von  Hans  Wettig,
Betriebswirtschaftliche  Studie  über  die  Standortlage  der  saarländischen  Schwerindustrie,  verbunden  mit
einer  vergleichenden  Betrachtung  zur  Standortlage  der  Reviere  in  Lothringen  und  im  Ruhrgebiet,  (Dipl.

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