Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

sichts  dieser  Standortdefizite  nicht  mehr,  '  Bis  zum  Ende  der  60er  Jahre  wurde  das
Saarland  in  der  volkswirtschaftlichen  Debatte  daher  als  Industriestandort  ähnlich
skeptisch  beurteilt  wie  vormals  nur  ländlich  strukturierte  Notstandsgebiete.  Da  das
regionale  Arbeitskräftepotential  weitgehend  ausgeschöplt  sei  und  die  „gegenwärtige
Energiepolitik“  allenfalls  zu  einem  „vorübergehenden  Aufschub  der  Freisetzung  von
Arbeitskräften  im  Steinkohlenbergbau“  führe,  sei  langfristig  mit  einer  weiteren
Verschlechterung  der  Wachstumsaussichten  der  Saarwirtschaft  zu  rechnen.  Das
Saarland  sei  daher  bereits  als  „industrielles  Problemgebiet“  zu  bezeichnen:  „Das
Saarland  scheidet  unter  rein  ökonomischen  Gesichtspunkten  (d.h.  falls  nicht  Transportsubventionen
  gewährt  werden)  als  Konkurrenzstandort  [zur  Eisen-  und  Stahlindustrie
  des  Ruhrgebietes]  aus.“  Der  wichtigste  Ansatzpunkt  für  eine  sinnvolle  Industriepolitik
  -  die  immer  „nolens  volens  Regionalpolitik“76  bedeute  -  bestand  in  der  Weiterentwicklung
  der  regionalen  Infrastruktur.
Bereits  in  der  Übergangszeit  waren  diesbezüglich  Fortschritte  erzielt  worden.  Der
Ausbau  der  Ost-West-Straßenanbindung  und  die  Elektrifizierung  von  Eisenbahnlinien
  hatten  sehr  rasch  eine  inffastrukturelle  Aufwertung  des  Landes  ausgelöst.  Diesen
Projekten  wurde  als  Ausgleichsforderung  für  die  Kanalisierung  der  Mosel  mitunter
auch  eine  höhere  Bedeutung  zugemessen  als  einer  eigenen  Kanalanbindung,  zumal
nicht  klar  war.  ob  diese  in  Form  des  Saar-Pfälz-Kanals  nach  Osten  oder  durch  eine
Kanalisierung  der  Saar  Richtung  Mosel  erfolgen  sollte.  Als  eigenständige  und
nachdrücklich  erhobene  Forderung  tauchte  die  „Schaffung  eines  guten  Anschlusses
an  das  nationale  und  internationale  Wasserstraßennetz“  aber  Anfang  1961  auf,  als  das
°  Vgl.  zu  Umfang  und  Bedeutung  der  Anpassungsleistungen  im  Stahlsektor  den  Überblick  im  Gutachten
von  Rolf  E.  Latz,  Gegenwart  und  Zukunftschancen  der  deutschen  Stahlindustrie.  Eine  Betrachtung  der
Wettbewerbslage  der  deutschen  Stahlindustrie  mit  exemplarischem  Einfluß  der  Saar-Stahlindustrie,
Frankfurt  a.M.  1978,  sowie  Esser,  Fach  u.  Väth,  Krisenregulierung,  S.  67.  Im  Unterschied  zum  Kohlesektor
  fand  dieser  Bereich  allerdings  bislang  praktisch  keine  Aufmerksamkeit  in  der  Forschung,  was  sicherlich
  zum  Teil  auf  die  besonders  ungünstige  Quellenlage  zurückzu  führen  ist,  vgl.  Hans-Walter  Herrmann,
Thomasbirne.  Einen  differenzierten  Überblick  über  Stellung  und  Entwicklung  der  saarländischen  Stahlindustrie
  liefert  die  ältere  Darstellung  von  Martin  Nathusius,  L'acier  sarrois  et  l’Europe,  Lausanne  1970,
hier  bes.  S.  11  Off.
So  die  vielbeachtete  Prognos-Studie  Dieter  Schröder,  Strukturwandel.  Zitate  S.  199,  S.  162  u.  S.  17.
7  Sehr  deutlich  wurde  dies  in  den  bereits  zitierten,  stark  verkehrspolitisch  ausgerichteten  Stellungnahmen
der  IHK:  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  (Hg.),  Einbeziehung,  bes.  S.  44,  sowie  bereits
früher:  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  (Hg.),  Stellungnahme  der  Saarwirtschaft  zur
Moselkanalisierung,  Saarbrücken  1955,  hier:  S.  27,  wo  es  heißt:  „[Daher]  erwartet  die  Saarwirtschaft,  falls
die  Mosel  kanalisiert  werden  sollte,  als  Ausgleich  für  die  damit  eintretende  Standortverschlechterung  die
Gewährung  von  Eisenbahnfrachten  in  der  Höhe,  wie  sie  Lothringen  für  die  gleichen  Transporte  über  den
Moselwasserweg  hat.“  Zum  zeitgenössischen  Stand  der  Diskussion  vgl.  die  ausführliche  Bibliographie  bei
Bode,  Grenzen,  sowie  Thomas  Peucker,  Struktur-  und  Verkehrsprobleme  an  Rhein,  Mosel  und  Saar.  Eine
Literaturübersicht,  Otzenhausen  1961.  Ein  Teil  der  Zurückhaltung  von  Wirtschaft  und  Politik  hinsichtlich
der  Kanalforderung  ist  möglicherweise  auch  auf  den  Anfangs  dominierenden  Eingliederungsoptimismus
zurückzu  führen,  vgl.  LASB  StK  1713,  Kabinettsprotokoll  v.  12.3.56.  „Die  Saarwirtschaft  hat  bisher  ihre
frühere  Forderung  ‘Saar-Pfalz-Rhein-KanaF  nicht  wieder  erhoben,  noch  das  Ersatzprojekt  'Saarkanalisierung’
  zur  Diskussion  gestellt.  Sie  ging  dabei  von  der  Erwägung  aus,  daß  die  gegebenen  Verkehrsbedürfnisse
  von  den  vorhandenen  Verkehrsträgern  befriedigt  werden  können.“,  Eduard  Dietrich,  Verkehrsträgern
S. 43.

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