Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

2.1.3 Der  regionale  Strukturw  andel  als  Problem  der  Standortpolitik
Neben  der  Zukunft  der  saarländischen  Kohle  stellte  die  Frage  nach  dem  Saarland  als
Wirtschaftsstandort  ein  zentrales  Thema  der  Debatte  über  die  Stagnation  der  ökonomischen
  Entwicklung  der  Saarwirtschaft  dar.  Dabei  bedeutete  der  Zusammenhang  zur
besonderen  politischen  Geschichte  des  Grenzraums  einen  wichtigen  Interpretationsansatz.
  Bereits  seit  den  Friedensvertragsregelungen  nach  1918  hatte  eine  ökonomisch
unvorteilhafte  Entflechtung  der  Wirtschaft  in  der  Großregion  eingesetzt;  1 *  nach  1945
war  die  französische  Industriepolitik  zwar  von  konstruktiven  Ansätzen  geprägt,  eine
regional  integrierende,  die  saarländisch-lothringische  Grenze  überschreitende  Entwicklungsstrategie
  fehlte  jedoch  weitgehend,  ln  dem  Maße,  in  dem  die  Bedeutung
der  saarländischen  Rohstoffvorkommen  und  der  Eisenproduktion  für  Frankreichs
Wirtschaft  schrumpfte,  verlor  eine  derartige  Strategie  weiter  an  Aufmerksamkeit  in
Paris.  :  In  der  regionalen  Wirtschaftspolitik  wurden  sogar  die  Aspekte  von  Konkurrenz
  und  Wettbewerb  wieder  stärker  betont.  Die  Fördermaßnahmen  des  französischen
  Staates  zugunsten  der  lothringischen  Schwerindustrie  wurden  im  Saarland
mißtrauisch  verfolgt,  und  insbesondere  die  Kanalisierung  der  Mosel  fand  zuletzt  noch
im  Zuge  der  Saarverhandlungen  Ablehnung.  Anhand  umfangreicher  volkswirtschaftlicher
  Analysen  wurden  deren  negative  Auswirkungen  auf  die  Zukunftsaussichten
  der  saarländischen  Stahlindustrie  -  genau  wie  übrigens  auch  auf  die  des
Ruhrgebiets  -  problematisiert/'
In  diesem  Zusammenhang  gewann  der  Aspekt  der  Verkehrsanbindung  des  Saarlandes
sehr  schnell  an  Bedeutung.  Bis  heute  wird  die  unzureichende  Infrastrukturausstattung
als  wesentlicher  Grund  für  die  negative  gesamtwirtschaftliche  Entwicklung  des
Saarlandes  angesehen.  4  Unternehmerische  Anpassungsleistungen  genügten  ange¬!

  Einen  Überblick  über  die  Auswirkungen  auf  die  Untemehmenspolitik  im  Eisen-  und  Stahlsektor  bieten
Joachim  Becker,  Die  eisen-  und  metallverarbeitende  Industrie  des  Saarlandes,  ihre  Lage  bei  einer  europäischen
  Integration,  Freiburg  1958,  bes.  S.  22ff.,  und  Rolf  E.  Latz,  Schwerindustrie,  bes.  S.  224.  Eine
differenzierte  Darstellung  der  ansonsten  in  der  Forschung  praktisch  nicht  berücksichtigten  deutsch-französisch-saarländischen
  Wirtschaftsverhandlungen  in  den  20er  Jahren  gibt  Dittrich,  Wirtschaftsverhandlungen.
  Zu  den  schwerwiegenden  Anpassungsproblemen  nach  der  Wiedereingliederung  in  die  deutsche
Wirtschaft  nach  1935  vgl.  Industrie-  und  Handelskammer  des  Saarlandes  (Hg.),  Wirtschaft,  S.  124ff.
2  So  übrigens  bereits  Erich  Conrad,  Auswirkungen,  S.  57.
Als  sehr  früher  Beleg  hierzu  vgl.  die  im  Jahr  1959  publizierte,  unter  „Mithilfe“  der  Wirtschafts  Vereinigung
  Eisen-  und  Stahlindustrie  in  Düsseldorf  in  Freiburg/Schweiz  erstellte  Synthese  von  Balters,
Moselkanalisierung  -  mit  ausführlichem  Zahlenmaterial.  Zur  günstigen  Entwicklung  des  Moselkanals  vgl.
Eckoldt  (Hg,),  Flüsse,  S.  98.  In  den  frühen  60er  Jahren  entwickelte  sich  diese  Sichtweise  zur  zentralen
Argumentation  in  bezug  auf  die  Strukturprobleme,  vgl.  hierzu  Paul  Jost,  Zum  Strukturproblem  der
Saarwirtschaft,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  9  (1961),  S.
129-132,  oder:  Landesbank  und  Girozentrale  Saar  (Hg.),  Wirtschaftsberichte  1964,  Saarbrücken  1964,
Heft  1,  S.  1,  wo  es  heißt:  „Das  Schwergewicht  wirtschaftspolitischer  Diskussion  und  Aktivität  verlagerte
sich  im  Jahre  1963  von  den  Problemen  der  wirtschaftlichen  Rückgliederung  zu  den  Standort-  und  strukturpolitischen
  Fragen  des  saarländischen  Wirtschaftsraumes.“
74  Hans-Peter  Dietrich  u.a.,  Strukturelle  Anpassung,  S.  92ff.  Vgl.  auch  Dieter  Biehl  u.a.,  Bestimmungsgründe
  des  regionalen  Entwicklungspotentials.  Infrastruktur,  Wirtschaftsstruktur  und  Agglomeration,
Tübingen  1975,  S.  157ff.

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