2.1.3 Der regionale Strukturw andel als Problem der Standortpolitik
Neben der Zukunft der saarländischen Kohle stellte die Frage nach dem Saarland als
Wirtschaftsstandort ein zentrales Thema der Debatte über die Stagnation der ökonomischen
Entwicklung der Saarwirtschaft dar. Dabei bedeutete der Zusammenhang zur
besonderen politischen Geschichte des Grenzraums einen wichtigen Interpretationsansatz.
Bereits seit den Friedensvertragsregelungen nach 1918 hatte eine ökonomisch
unvorteilhafte Entflechtung der Wirtschaft in der Großregion eingesetzt; 1 * nach 1945
war die französische Industriepolitik zwar von konstruktiven Ansätzen geprägt, eine
regional integrierende, die saarländisch-lothringische Grenze überschreitende Entwicklungsstrategie
fehlte jedoch weitgehend, ln dem Maße, in dem die Bedeutung
der saarländischen Rohstoffvorkommen und der Eisenproduktion für Frankreichs
Wirtschaft schrumpfte, verlor eine derartige Strategie weiter an Aufmerksamkeit in
Paris. : In der regionalen Wirtschaftspolitik wurden sogar die Aspekte von Konkurrenz
und Wettbewerb wieder stärker betont. Die Fördermaßnahmen des französischen
Staates zugunsten der lothringischen Schwerindustrie wurden im Saarland
mißtrauisch verfolgt, und insbesondere die Kanalisierung der Mosel fand zuletzt noch
im Zuge der Saarverhandlungen Ablehnung. Anhand umfangreicher volkswirtschaftlicher
Analysen wurden deren negative Auswirkungen auf die Zukunftsaussichten
der saarländischen Stahlindustrie - genau wie übrigens auch auf die des
Ruhrgebiets - problematisiert/'
In diesem Zusammenhang gewann der Aspekt der Verkehrsanbindung des Saarlandes
sehr schnell an Bedeutung. Bis heute wird die unzureichende Infrastrukturausstattung
als wesentlicher Grund für die negative gesamtwirtschaftliche Entwicklung des
Saarlandes angesehen. 4 Unternehmerische Anpassungsleistungen genügten ange¬!
Einen Überblick über die Auswirkungen auf die Untemehmenspolitik im Eisen- und Stahlsektor bieten
Joachim Becker, Die eisen- und metallverarbeitende Industrie des Saarlandes, ihre Lage bei einer europäischen
Integration, Freiburg 1958, bes. S. 22ff., und Rolf E. Latz, Schwerindustrie, bes. S. 224. Eine
differenzierte Darstellung der ansonsten in der Forschung praktisch nicht berücksichtigten deutsch-französisch-saarländischen
Wirtschaftsverhandlungen in den 20er Jahren gibt Dittrich, Wirtschaftsverhandlungen.
Zu den schwerwiegenden Anpassungsproblemen nach der Wiedereingliederung in die deutsche
Wirtschaft nach 1935 vgl. Industrie- und Handelskammer des Saarlandes (Hg.), Wirtschaft, S. 124ff.
2 So übrigens bereits Erich Conrad, Auswirkungen, S. 57.
Als sehr früher Beleg hierzu vgl. die im Jahr 1959 publizierte, unter „Mithilfe“ der Wirtschafts Vereinigung
Eisen- und Stahlindustrie in Düsseldorf in Freiburg/Schweiz erstellte Synthese von Balters,
Moselkanalisierung - mit ausführlichem Zahlenmaterial. Zur günstigen Entwicklung des Moselkanals vgl.
Eckoldt (Hg,), Flüsse, S. 98. In den frühen 60er Jahren entwickelte sich diese Sichtweise zur zentralen
Argumentation in bezug auf die Strukturprobleme, vgl. hierzu Paul Jost, Zum Strukturproblem der
Saarwirtschaft, in: Die Arbeitskammer. Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes 9 (1961), S.
129-132, oder: Landesbank und Girozentrale Saar (Hg.), Wirtschaftsberichte 1964, Saarbrücken 1964,
Heft 1, S. 1, wo es heißt: „Das Schwergewicht wirtschaftspolitischer Diskussion und Aktivität verlagerte
sich im Jahre 1963 von den Problemen der wirtschaftlichen Rückgliederung zu den Standort- und strukturpolitischen
Fragen des saarländischen Wirtschaftsraumes.“
74 Hans-Peter Dietrich u.a., Strukturelle Anpassung, S. 92ff. Vgl. auch Dieter Biehl u.a., Bestimmungsgründe
des regionalen Entwicklungspotentials. Infrastruktur, Wirtschaftsstruktur und Agglomeration,
Tübingen 1975, S. 157ff.
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