Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

turwandel  eher  problematisch  ansieht.66 68  Auch  diesen  Kontext  strukturiert  der  Streit
zwischen  Landesregierung  und  Vorstand  der  Saarbergwerke.  Hier  überschnitt  sich
nicht  nur  öffentlichkeitswirksam  die  Investitionspolitik  der  Saarbergwerke  mit  dem
traditionell  stark  projektorientierten  Ansatz  der  Wirtschaftspolitik  des  Landes,  sondern
  er  markiert  auch  eine  Veränderung  der  allgemeinen  Wirtschaftspolitik.  Indem
sich  der  Wirtschaftsminister  nach  1963  verstärkt  hinter  den  in  der  parlamentarischen
Debatte  mit  regionalpolitischen  Aspekten  angereicherten  Generalplan  stellte,  trat
dieser  Plan  an  die  Stelle  des  von  der  Opposition  über  Jahre  hinweg  eingeforderten
allgemeinen  Wirtschaftsplans  für  das  Saarland.6'  Bis  zur  ersten  Regierungserklärung
nach  der  Landtagswahl  von  1965  hatte  sich  dieser  Wandel  so  weit  verfestigt,  daß  der
neugewählte  Ministerpräsident  formulieren  konnte:  „Die  Regierung  sieht  es  als  eine
ihrer  wichtigsten  Aufgaben  an,  die  Verwirklichung  des  Generalplans  nachhaltig  zu
unterstützen.“6ii  Darin  kann  der  Versuch  erkannt  werden,  die  Saarbergwerke  AG  zu
einer  Art  „regionalen  Modernisierungsagentur“69 70  zu  entwickeln.  11  Dies  ist  besonders
deshalb  interessant,  weil  die  ambitionierten  Projekte  des  Generalplans  als  eigenständiges
  Entwicklungsprogramm  des  Landes  die  finanziellen  Möglichkeiten  seiner
Haushaltspolitik  bei  weitem  überfordert  hätten.  Die  staatliche  Konstruktion  des
Bergbaus  an  der  Saar  stellt  daher  nicht  nur  eine  im  Vergleich  z.B.  zum  Ruhrgebiet  in
gewisser  Hinsicht  fortschrittliche  Organisationsform  dar,  sondern  letztlich  wurden  im
Saarland  von  ihrem  Umfang  her  eigentlich  regionalpolitische  Projekte  in  korporativer
Zusammenarbeit  und  in  Kofinanzierung  -  im  Verhältnis  1:3-  zwischen  Saarland  und
Bund  als  Anteilseigner  durchgeführt.

66  Vgl.  die  griffige  Darstellung  dieses  Gedankengangs  bei  Grabher,  Wachstums-Koalitionen.
67  Sehr  deutlich  wird  diese  Wendung  in  der  Rede  Huthmachers  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  55.  Sitzung  v.
27.1.65,  S.  2040.
68  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  2.  Sitzung  v.  19.7.65,  S.  12.
69  Verstärkte  Aufmerksamkeit  erhielt  auch  das  Vorhaben,  gemeinsam  mit  der  Wirtschaft  des  benachbarten
Lothringen  im  Projekt  der  Saar-Lor-Chemie  die  Kohleindustrie  der  Großregion  zu  diversifizieren  und  auf
Dauer  lebensfähig  zu  machen.  Vgl.  hierzu  die  überaus  optimistischen  Erwartungen  auf'Seiten  der  Saarbergwerke:
  Hubertus  Rolshoven,  Wirtschaftsgrundlagen  im  Montandreieck  Saar-Lothringen-Luxemburg,
Saarbrücken  1965.  Interessant  ist  auch  der  Vergleich  zu  regionalpolitischen  Strategien  im  Bereich  der
Energiepolitik  in  den  80er  Jahren,  siehe:  Gerhard  Jochum,  Der  Beitrag  von  Regionalunternehmen  bei  der
Realisierung  örtlicher  Energiekonzepte:  Das  Beispiel  der  Vereinigten  Saar-Elektrizitäts-AG,  in:  Informationen
  zur  Raumentwicklung  H.  6/7  (1990),  S.  391  -395.
70  Diese  Sichtweise  setzte  sich  sehr  schnell  in  der  veröffentlichten  Meinung  durch,  vgl.  Arbeitskammer  des
Saarlandes  (Hg.),  Entschließung  der  Vertreterversammlung  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  vom  15.
Juli  1963  betreffend  die  Wirtschaftslage  des  Saarlandes  und  die  hieraus  zu  ziehenden  Folgerungen,  o.O.
o.J.  (Saarbrücken  1963),  bzw.  den  Kommentar  hierzu  in:  Die  Entschließung  der  Vertreterversammlung  der
Arbeitskammer  des  Saarlandes  vom  15.  Juli  1963  betreffend  die  Wirtschaftslage  des  Saarlandes  und  die
hieraus  zu  ziehenden  Folgerungen,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes
I  I  (1963),  S.  193-195,  wo  es  auf  S.  193  heißt:  „Darüber  hinaus  ergeben  sich  im  Saarland  besondere
Möglichkeiten,  die  Strukturauflockerung  voranzutreiben,  durch  das  Vorhandensein  der  unter  Kapitaleinfluß
  von  Bund  und  Land  stehenden  Saarbergwerke  AG.“

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