Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Saarbergwerke  offensichtlich  regionalpolitische  Strategien  des  Landes  in  Frage
stellten,  sondern  auch  weil  der  Eindruck  entstand,  das  Land  erfahre  -  obwohl  Anteilseigner
  -  nur  „zufällig"  von  Entscheidungen  der  Saarbergwerke  über  Beteiligungen  an
anderen  Unternehmen.60  Die  Landesregierung  beschloß  in  der  Folge,  dem  Beteiligungsbegehren
  doch  zuzustimmen,  da  man  „aus  politischen  Gründen“  keinen  anderen
Standpunkt  als  die  Bundesregierung  einnehmen  könne.61  Danach  stimmte  das  Kabinett
  dann  noch  einer  Reihe  von  weiteren  Beteiligungen  an  anderen  Unternehmen  zu.62
Dieser  Eklat  ist  für  die  Analyse  des  regionalen  Strukturwandels  aufschlußreich:  Primär
  bildete  die  spezielle  Eigentümerstruktur  im  Saarbergbau,  die  durch  die  im
Saarvertrag  testgelegte  Übernahme  der  Saargruben  in  gemeinsames  Eigentum  des
Bundes  und  des  Landes  geprägt  war  und  die  staatliche  Tradition  des  Bergbaus  in
dieser  Region  weiterführte,  den  Hintergrund  dieses  Konfliktes.  Mit  dem  zentralisierten
  Bergbaukonzern  verfolgte  man  ein  Modell,  das  z.B.  im  Ruhrgebiet  mit  der
Gründung  der  Ruhrkohle  AG  erst  nach  langen  Auseinandersetzungen  und  sehr  viel
später  erreicht  wurde.6'  Die  recht  frühzeitige  Erarbeitung  eines  „Generalplans“  zur
Bewältigung  des  Strukturwandels  im  Saarland,  der  energie-,  kohle-  und  unternehmenspolitische
  Aspekte  integrierte,  ist  auf  diese  besondere  Konstellation  zurtickzuführen.
  Die  andernorts  in  altindustriellen  Regionen  zu  beobachtende  Auflösung  der
engen  Beziehungen  von  Konzernen  und  Region  -  im  Zuge  der  durch  die  Diversifizierung
  von  Unternehmen  bedingten  räumlichen  Verlagerungen  -  blieb  so  weitgehend
aus.64
Dagegen  betont  insbesondere  Hans-Christian  Herrmann,  daß  „die  Tatsache,  daß
Saarberg  als  größter  Arbeitgeber  über  erheblichen  wirtschaftlichen  und  politischen
Einfluß  verfügte  ...  eher  als  Hemmschuh  für  einen  Strukturwandel“  wirkte.65  Diese
Bewertung  greift  einen  Gedankengang  auf,  der  die  Auswirkungen  regionaler  Netzwerke
  und  insbesondere  die  Stellung  von  Großunternehmen  darin  als  für  den  Struk¬60

  So  Fritz  Wedel  (DPS)  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  44.  Sitzung  v.  4.3.64,  S.  1688,
61  LASB  StK  1734,  Kabinettsprotokoll  v.  30.4.64.  Nebenbei  wurde  die  Zustimmung  an  die  Bedingung
geknüpft,  daß  die  Saarbergwerke  66,33%  der  Anteile  durch  Erhöhung  des  „unzulänglichen“  Stammkapitals
  des  Betriebs  erwerben  sollten.
62  So  z.B.  an  einem  -  ebenfalls  vorher  bereits  mit  öffentlichen  Mitteln  unterstützten  -  Betrieb  im  Bereich
der  Kautschukverarbeitung,  vgl.  LASB  StK  1734,  Kabinettsprotokoll  v.  5.5.64,
63  Vgl.  Abelshauser,  Ruhrkohlenbergbau,  S.  139.  Zu  einer  sehr  positiven  Einschätzung  der  Gründung  der
Ruhrkohle  AG  gelangt  auch  Petzina,  Wirtschaftspolitik,  S.  128.  Zu  den  frühen  Anpassungsleistungen  im
Ruhrbergbau  vgl.  auch  Hans-Wilfried  Lauffs,  Umstellung  der  Kohlenbergwerke  in  den  deutschen  Gebieten
  -  Ruhr.  Die  regionalwirtschaftlichen  Auswirkungen  der  Stillegungen  und  Einschränkungen  im
Steinkohlenbergbau  und  der  getroffenen  Maßnahmen  zur  Umstrukturierung  im  Ruhrgebiet,  Brüssel  1971
(=  Kommission  der  Europäischen  Gemeinschaften  (Hg.),  Hefte  für  die  industrielle  Umstellung  19).
Möglicherweise  kann  diese  „fortschrittliche“  Form  der  Untemehmensorganisation  im  Saarland  zum  Teil
als  Erklärung  für  die  früh  und  nachhaltig  einsetzende  Umstrukturierung  und  Rationalisierung  der  Steinkohlenförderung
  im  Saarland  dienen.
M  Kilper  u.  Rehfeld,  Einleitung,,  S.  4.
65 Hans-Christian  Herrmann,  Bilanz,  S.  322.

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