Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Unternehmens  jedoch  weiterhin  schwach.  Das  Dilemma  von  Kohlepolitik  im  Saarland
  und  Unternehmenspolitik  der  Saarbergwerke  AG  läßt  sich  verkürzt  als  „Rationalisierungställe“
  beschreiben:  Da  die  Umstellung  der  Förderung  auf  kapitalintensivere
  Formen  des  mechanisierten  Bergbaus  hohe  Investitionen  erforderte,
wurden  die  erhofften  positiven  Auswirkungen  der  Personaleinsparungen  auf  das
Betriebsergebnis  weitgehend  kompensiert.46  Außerdem  wirkte  sieh  die  ungünstige
Sorten-  und  Kostenstruktur  der  Saarbergwerke  aus.  Daß  ausgerechnet  die  eigentlich
erlösgünstigsten  Kohlearten  in  den  Anlagen  gefördert  wurden,  die  die  ungünstigste
Kostenstruktur  aufwiesen,  belastete  die  Unternehmensbilanz  zusätzlich.4^  Aus  diesen
Gründen  drohte  die  ursprünglich  konzipierte  Anpassungspolitik  der  Saarbergwerke,
die,  basierend  auf  der  speziellen  Standortsituation  und  auf  den  langfristigen  Absatzgarantien
  aus  dem  Saarvertrag,  eine  Gesundung  der  Steinkohlenförderung  durch
Rationalisierungsmaßnahmen  vorsah,  bereits  früh  zu  scheitern.48
In  politischer  Perspektive  stellte  sich  die  Problemlage  nicht  weniger  kompliziert  dar.
Noch  in  den  50er  Jahren  hatte  im  Saarland  wie  in  Deutschland  das  primäre  Ziel  der
Kohlepolitik  in  einer  Ausweitung  der  Fördermengen  bestanden,  deren  wirtschaftspolitische
  Vorteile  die  auch  damals  anfallenden  hohen  Subventionslasten  akzeptabel
erschienen  ließen.44  Vor  allem  die  veränderten  energiepolitischen  Rahmenbedingungen
  erforderten  seit  Ende  des  Jahrzehnts  aber  eine  Rückführung  der  Produktion.  Wie
bereits  erwähnt,  hatte  die  Landesregierung  gegen  Ende  der  Übergangszeit  diesbezüglich
  der  Unternehmenstührung  der  Saarbergwerke  ihre  politische  Unterstützung
zugesagt,  ln  der  Landespolitik  führte  die  „Rationalisierungsfalle“  somit  dazu,  daß
aufgrund  der  weiterhin  ungünstigen  Entwicklung  ihres  Betriebsergebnisses  die
Saarbergwerke  als  mit  weitem  Abstand  größtes  Unternehmen  des  Landes  praktisch
keine  Ertragssteuern  zahlten,Ml  während  gleichzeitig  die  Steuereinnahmen  aus  den  für

46  Zum  im  Bergbau  außerordentlich  komplizierten  Zusammenhang  zwischen  Fördermenge  und  Gesamtkosten
  im  Saarland  und  den  daraus  erwachsenden  Dispositionsproblemen  vgl.  Edgar  Zahler,  Empirische
Untersuchung  über  den  Gesamtkostenverlauf  in  den  Grubenbetrieben  des  Saarbergbaus,  Saarbrücken
1968.
47  Arbeitsgemeinschaft  deutscher  wirtschaftswissenschaftlicher  Forschungsinstitute  e.V.  (Hg,),  Entwicklung,
  S.  97.
4!'  Vgl.  zur  frühen  Strukturwandelkonzeption  die  programmatische  Darstellung  der  Unternehmenspolitik
durch  den  Vorstandsvorsitzenden  auf  dem  deutschen  Steinkohletag  in:  Rolshoven,  Steinkohlenbergbau.
49  Vgl.  hierzu  mit  ausführlichen  Zahlenangaben  zur  Subventionspolitik  von  Bund  und  Ländern:  Demetre
Zavlaris,  Die  Subventionen  in  der  Bundesrepublik  Deutschland  1951  bis  1963.  Eine  Untersuchung  ihres
Umfangs,  ihrer  Struktur  und  ihrer  Stellung  in  der  Finanz-  und  Volkswirtschaft,  Berlin  1969,  bes.  S.  80ff.
Zur  Einordnung  in  die  Energiepolitik  der  Bundesrepublik  siehe:  Jens  Hohensee  u.  Michael  Salewski
(Hgg.),  Energie  -  Politik  -  Geschichte.  Nationale  und  internationale  Energiepolitik  seit  1945,  Stuttgart
1993  (=  Historische  Mitteilungen  der  Ranke-Gesellschaft  Beiheft  5);  Jürgen  Meinert,  Strukturwandlungen
in  der  westdeutschen  Energiewirtschaft.  Die  Energiepolitik  der  Bundesregierung  von  1950  bis  1977  unter
Berücksichtigung  internationaler  Dependenzen,  Frankfurt  a.M.  1980;  Albrecht  Mulfinger,  Auf  dem  Weg
zur  gemeinsamen  Mineralölpolitik.  Die  Interventionen  der  öffentlichen  Hand  auf  dem  Gebiet  der  Mineral-Ölindustrie
  in  Hinblick  auf  den  gemeinschaftlichen  Mineralölmarkt,  Berlin  1972  (=  Volkswirtschaftliche
Schriften  188).
""  Dieser  Aspekt  wurde  ab  Anfang  der  60er  Jahre  verstärkt  problematisiert,  vgl.  hierzu  z.B.  die  Debatte  um

230
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.