Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

entscheidenden  Sitzung  ausschließlich  der  Ministerpräsident  und  sein  Bericht  über
die  Tätigkeit  der  Regierung  erschien.  s
ln  der  späteren  Aussprache  zeigten  sich  aber  auch  inhaltlich-politische  Rückwirkungen
  auf  die  Opposition.  Dem  Argument,  daß  die  Beschäftigten  im  Kohlenbergbau
einen  Großteil  der  Umstrukturierungslast  zu  tragen  hatten,  kam  nun,  nach  beendetem
Tarifkonflikt,  ein  anderer  Stellenwert  zu.  Nach  der  Einigung  mit  den  Arbeitgebern
formulierte  der  Fraktionsvorsitzende  der  SPD  damit  einen  Standpunkt,  der  nur  noch
den  Teil  der  von  den  Gewerkschaften  vorgetragenen  Argumente  reflektierte,  welcher
die  Unzufriedenheit  mit  dem  erreichten  Kompromiß  ausdrückte.  Zudem  nahm  die
Doppelfünktion  des  Landes  als  kleinerer  Anteilseigner  und  erfolgreicher  Schlichter
den  Angriffen  die  Spitze.  Indem  Conrad  seine  Kritik  an  der  Unternehmensleitung
zunehmend  auf  die  Bundesregierung  als  größten  Anteilseigner  und  für  die  Energiepolitik
  verantwortliche  Kraft  konzentrierte,’4  verlagerte  er  selber  die  politische
Verantwortung  von  der  Landesregierung  weg.  Eine  weitere  Belastung  für  die  SPD
bestand  darin,  daß  in  der  Partei  Unstimmigkeiten  über  Art  und  Umfang  der  in  der
Kohlepolitik  vorzunehmenden  Umstrukturierung  herrschten.  So  übten  ihre  Vertreter
einerseits  massive  Kritik  an  dem  Konzept  der  Stillegungsprämien,* 40  durch  die  der
Rückzug  des  Kohleunternehmens  aus  bestimmten,  bislang  für  den  Bergbau  reservierten
  Bereichen  vorgenommen  werden  sollte.  Andererseits  beantragte  die  SPD
einen  Beschluß,  nach  dem  die  Unternehmensleitung  der  Saarbergwerke  aufgefordert
werden  sollte,  ihre  Bodensperre  aufzugeben  und  statt  dessen  Industrieflächen  zur
sonstigen  Nutzung  freizugeben.41
Die  erheblichen  Irritationen,  w'elche  die  kohlepolitische  Diskussion  bei  den  Parlamentariern
  auslöste,  sind  sicherlich  auch  auf  das  überraschend  hohe  Ausmaß  der  in
diesem  Sektor  vorgenommenen  Anpassungsleistungen  zurückzuführen.  Zwar  hatten
*  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  21.  Sitzung  v.  14.5.62,  S.  792.  Die  Fraktionen  von  SPD,  SVP  und  DDU  zogen
daraufhin  aus  dem  Parlament  aus.  Gleichzeitig  wurde  übrigens  auch  die  Berichterstattung  des  Untersuchungsausschusses
  über  das  Grubenunglück  in  Luisenthal  vertagt,  genauso  wie  eine  Lesung  des  Ministergesetzes,
  das  die  Bezüge  der  Minister  erhöht  hätte.
34  Conrads  entscheidende  Sätze  lauteten:  „Wir  haben  in  den  letzten  Jahren  erlebt,  daß  die  saarländischen
Bergarbeiter  große  Anstrengungen  gemacht  haben,  um  dem  Eingliederungsprozeß  und  den  veränderten
Verhältnissen,  mit  denen  sich  auch  die  Saarbergwerke  zurechtfinden  mußten,  Rechnung  zu  tragen.  Zu
diesen  veränderten  Verhältnissen  zählt  natürlich  auch  die  Tatsache,  daß  der  Bergbau  im  ganzen  Bundesgebiet
  sich  in  einer  Krise  befindet,  die  die  Bundesregierung  bisher  nicht  steuerte,  sondern  der  sie  nur  dann
und  wann  glaubte,  mit  Pflästerchen  begegnen  zu  können.“,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  22.  Sitzung  v.  15.5.62,
S.  798.
40  Der  Abgeordnete  Manfred  Zeiner  (SPD)  wies  darauf  hin,  daß  die  Berechnungsgrundlagen  für  die
Stillegung  von  Zechen  nicht  angemessen  seien.  Mit  solcher  „Finanzakrobatik“  könne  letztlich  die  Rentabilität
  jeder  Grube  bezweifelt  werden  -  mit  negativen  Auswirkungen  auf  die  Belegschaft,  LTDS,  4.  WP,  Abt.
I,  33.  Sitzung  v.  8.5.63,  S.  1314.  Die  Frage  nach  der  Angemessenheit  dieser  Vorgehensweise  soll  hier  nicht
weiter  thematisiert  werden;  interessant  ist  immerhin  die  Perzeption  dieser  Methode  der  Subventionierung
von  Strukturwandel  in  den  belgischen  Kohlegebieten,  wo  die  gesellschaftlichen  Konflikte  sehr  viel  härter
auftraten,  vgl.  hierzu  Lucien  Denis,  Umstellung  der  Kohlenbergwerke  in  den  belgischen  Gebieten
(Borinage,  Centre,  Charleroi-Bass-Sembre  und  Lüttich,  Brüssel  1972  (=  Kommission  der  Europäischen
Gemeinschaften  (Hg.),  Hefte  für  die  industrielle  Umstellung  18),  bes.  S.  41.
41  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,44.  Sitzung  v.  4.3.64,  S.  1691  ff.

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