Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

1962.”  Auf  Antrag  der  Fraktionen  von  SVP  und  SPD  wurde  der  saarländische
Landtag  am  2.  Mai  1962  zu  einer  Sondersitzung  einberufen,  in  der  Redner  dieser
beiden  Fraktionen  den  Unmut  der  Bergleute  in  Form  von  Angriffen  gegen  die  Landesregierung
  und  die  ihrer  Meinung  nach  unzulängliche  Kohlepolitik  zu  kanalisieren
wußten.  Die  Landesregierung  argumentierte  demgegenüber  sehr  defensiv  und  griff
zunächst  die  Forderung,  der  Bergmannsberuf  habe  aufgrund  seiner  spezifischen  Anforderungen
  das  Recht,  an  der  „Spitze  der  Lohnpyramide“  zu  stehen,  als  eigene
Besehlußlage  auf.  4  Zwölf  Tage  später  hatte  der  Ministerpräsident  die  Lage  dann
jedoeh  wieder  fest  im  Griff.  Erneut  trat  der  Landtag  zusammen,  um  in  einer  Regierungserklärung
  die  Erfolge  der  Vermittlungstätigkeit  des  Regierungschefs  zur  Kenntnis
  zu  nehmen.  Röder  ließ  keinen  Zweifel  daran,  daß  sein  persönliches  Engagement
und  das  seiner  Regierung  bei  den  Tarifparteien  und  der  Bundesregierung  einen
tragfähigen  Kompromiß  möglich  gemacht  habe;”  auch  die  Presse  war  weitgehend
diesem  Bild  des  Ministerpräsidenten  als  dem  entscheidenden  Schlichter  gefolgt.* 36 37  Um
diesen  Effekt  weiter  zu  verstärken,  wurden  auch  alle  Möglichkeiten  der  Mediendemokratie
  genutzt:3  ln  einer  heftigen  Geschäftsordnungsdebatte  setzte  die  Regierungskoalition
  mit  ihrer  „Kanzlermehrheit“  durch,  daß  die  Aussprache  zu  dieser  Regierungserklärung
  auf  die  nächste  Sitzung  vertagt  wurde.  Das  hatte  zur  Folge,  daß  in  der
Fernsehberichterstattung  über  die  für  die  politische  Begleitung  des  Tarifkonflikts

”  Selbst  im  nationalen  Vergleich  war  dieser  Konflikt  bedeutend:  An  dem  sich  um  die  Tariflrage  entzündenden
  Streik  waren  36.836  Personen  beteiligt,  es  kam  zu  257.851  Ausfalltagen.  Damit  war  dies  der  mit
Abstand  größte  Streik  in  diesem  Jahr  in  der  ganzen  BRD  und  v.a.  der  einzige  nennenswerte  im  Bereich
Bergbau,  vgl,  Hasso  Spode,  Heinrich  Volkmann,  Günter  Morsch  u.  Rainer  Hudemann  (Hgg.),  Statistik  der
Arbeitskämpfe  in  Deutschland.  Deutsches  Reich  1936/37,  Westzonen  und  Berlin  1945-1948,  Bundesrepublik
  Deutschland  1949-1980,  St.  Katharinen  1992  (=  Quellen  und  Forschungen  zur  historischen  Statistik
von  Deutschland  15),  S.  453.  Werner  Abelshauser  bezeichnet  den  Streik  als  einen  „der  großen  gewerkschaftlichen
  Streiks  1950-63“,  vgl.  Abelshauser,  Die  Langen  Fünfziger,  S.  83.
34  Der  Ministerpräsident  stellte  dies  als  Leitgedanke  seiner  Politik  dar,  vgl.  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  20.
Sitzung  v.  2.5.62,  S.  763,  und  berief  sich  dabei  auch  auf  einen  Kabinettsbeschluß  -  ohne  zu  erwähnen,  daß
dieser  Beschluß  am  gleichen  Tag  gefallen  war,  vgl.  LASB  StK  535,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage
Wirtschaftsministerium  v.  2.5.62.  Die  Rede  Röders  war  offenbar  eng  abgestimmt  mit  dem  Debattenbeitrag
von  Werner  Scherer,  der  den  Tarifkonflikt  von  der  Frage  der  prozentualen  Erhöhung  der  Gehälter  auf  die
Ebene  der  Lohnstruktur  im  Verhältnis  von  Übertage-  und  Untertagelöhnen  hob  und  damit  eine  Verhandlungslösung
  vorbereitete.
"  LTDS,  4.  WP.  Abt.  I,  21.  Sitzung  v.  14.5.62,  S.  782ff.  Eru  in  Müller  (SVP)  mußte  gar  konstatieren,  daß
Röder  aufgrund  seiner  Vermittlungsleistung  „in  den  Himmel  gehoben“  worden  sei,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,
22.  Sitzung  v.  15.5.62,  S.  800.
36  Vgl.  hierzu  die  Berichterstattung  der  Saarbrücker  Zeitung  am  5.,  8.  und  11.5.62,  jeweils  S.  1.  Alle
Aufmacher  auf  S.  1  tragen  das  Wort  „Röder“  als  Subjekt  in  der  Überschrift.
37  Umfassend  zur  Frage  der  Parlamentsberichterstattung:  Gregor  Mayntz,  Zwischen  Volk  und  Volksvertretung.
  Entwicklung,  Probleme  und  Perspektiven  der  Parlamentsberichterstattung  unter  besonderer
Berücksichtigung  von  Fernsehen  und  Deutschem  Bundestag,  (Diss.)  Bonn  1992,  mit  einem  vergleichenden
Teil  zur  Geschichte  der  Rundfunkübertragungen  in  den  einzelnen  Bundesländern,  zum  Saarland  hier  bes.
S.  305.  Die  Koordination  dieser  Maßnahme  übernahm  die  Staatskanzlei,  vgl.  hierzu  auch  die  Analyse  der
Entwicklung  der  Staatskanzleien  zu  „supraministeriellen  Institutionen“  in:  Peter  Altmeier  (Hg.),  Die
Staatskanzlei.  Aufgaben,  Organisation  und  Arbeitsweise  auf  vergleichender  Grundlage,  Berlin  1967  (=Schriftenreihe
  der  Hochschule  Speyer  34),  hier:  S.  54.

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