Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

begründeten  Ablehnung  eines  „Generalplans“  war  es  dann  sogar  möglich,  der
SPD-Opposition  Gespräche  über  Teile  ihrer  Programmatik  anzubieten,  die,  zum
„Industrieplan“  reduziert,  durchaus  auch  für  die  Koalition  zustimmungsfähig  waren.* 26
Für  die  SPD  bedeutete  diese  Wendung  einen  gravierenden  strategischen  Nachteil.  Im
Laufe  der  Zeit  wurde  sie  immer  wieder  mit  der  These  konfrontiert,  daß  eine  Umstrukturierung
  der  Wirtschaft  mit  Rücksicht  auf  die  Erhaltung  der  Montanarbeitsplätze,
  die  von  der  SPD  selber  als  wichtiges  Ziel  angesehen  wurde,  kaum  praktikabel
sei.  Die  Sozialdemokraten  gaben  in  der  Folge  ihren  ursprünglichen  Ansatz,  die
Wirtschaftspolitik  der  Regierung  in  ihren  konzeptionellen  Defiziten  zu  kritisieren,
bald  wieder  auf  und  übernahmen  die  Strategie  der  „Auflockerung“  als  das  grundlegende
  Konzept  der  Wirtschaftspolitik.2s  Dementsprechend  konnten  sie  sich  praktisch
nur  noch  über  Detailkritik  an  einzelnen  Maßnahmen  zu  profdieren  suchen.  Dieser
konzeptionelle  Teil  der  wirtschaftspolitischen  Debatte  endete  so  in  einem  -  wenn
auch  nicht  ganz  freiwillig  herbeigeführten  -  Konsens  zwischen  Regierung  und  Opposition.

2.1.2 Der  regionale  Strukturwandel  als  Problem  der  Kohlepolitik
Auch  in  der  Kohlepolitik  als  konkretem  Feld  der  wirtschaftspolitischen  Debatte
schien  es  zunächst  so,  als  ob  sich  die  untersehiedlichen  Konzeptionen  von  Regierung
und  Opposition  besonders  deutlich  -  und  öffentlichkeitswirksam  -  würden  formulieren
  lassen.  Die  SVP  übte  bereits  früh  heftige  Kritik  an  Finanztransfers  des  Landes
zugunsten  der  Saarbergwerke  oder  zugunsten  von  Institutionen  in  deren  Umfeld.24  Sie
versäumte  bei  keiner  Gelegenheit  darauf  hinzuweisen,  daß  die  vom  Land  als  Miteigentümer
  für  das  Bergbauunternehmen  bereitgestellten  Kredite  die  finanziellen

Grundindustrien  ihre  eigene  Produktion  um  weitere  Programme  erweitern,  um  so  gegen  die  jeweiligen
Konjunkturerscheinungen  mehr  oder  weniger  krisenunempfindlich  zu  sein.“,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  39.
Sitzung  v.  13.11.63,  S.  1432.
26  „Geben  wir  doch  auch  einmal  im  Ausschuß  für  Wirtschaft  und  Verkehr  Ihrer  Lieblingsidee,  Herr
Kollege  Conrad,  der  Industrieplanung,  Raum,  Ich  glaube,  es  lohnt  sich,  einmal  über  Ihre  Möglichkeiten  zu
diskutieren.“,  so  Heinrich  Schneider  (DPS)  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  29.  Sitzung  v.  18.12.62,  S.  1161.
27  So  z.B.  durch  Fritz  Hoffmann  (CDU)  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  52.  Sitzung  v.  1  1.1  1.64,  S.  1933:  „Sie
wissen  doch  ganz  genau,  meine  Herren,  daß  man  nicht  auf  der  einen  Seite  die  Forderung  erheben  kann,  die
Schwerindustrie  müsse  in  vollem  Umfange  bestehen  bleiben  wie  sie  heute  besteht  ...  und  daß  man
gleichzeitig  mit  allen  Mitteln  eine  weiterverarbeitende  Industrie  aufbauen  möchte,  was  überhaupt  nur
denkbar  wäre,  wenn  man  dem  Bergbau  so  viele  Arbeitskräfte  entzieht,  daß  er  einfach  die  14  Millionen
Tonnen  Kohle  an  der  Saar  nicht  mehr  fördern  kann.“
:'x  Zuletzt  wurde  diese  Sichtweise  sogar  in  einer  kurz  vor  den  Landtagswahlen  1965  publizierten,  im
Forschungsinstitut  der  Friedrich-Ebert-Stiftung  angefertigten  Studie  zur  Raumordnung  im  Saarland
bestätigt:  Als  zentrales  Ziel  der  Wirtschaftspolitik  wurde  hier  die  Auflockerung  der  einseitigen  Wirtschaftsstruktur
  definiert,  siehe:  Thomas  Keller  u.  Gerhard  Stümpfing,  Die  Raumordnung  im  Saarland,
Bonn  1965,  hier:  S.  25.
29  Kritisiert  wurden  insbesondere  jährlich  ausgebrachte  Bürgschaften  zugunsten  der  Saarbergwerke  AG  in
Höhe  von  6,5  Mio.  DM;  vgl.  hierzu  Frühauf,  Eisenindustrie,  S.  242,  Dörrenbächer,  Bierbrauer  u.  Brücher,
Goal  mining,  S.  211,  sowie  Dörrenbächer,  Entwicklung,  S.  207.  Emil  Weiten  kritisierte  sogar  ein  für  den
Wohnungsbau  gedachtes  Darlehen  an  eine  Stiftung  der  Saarbergwerke,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  8.  Sitzung
v.  20.4.61,  S.  255.

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