Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

gesetz  immerhin  eine  Art  Zusammenstellung  von  einzelnen  Fachplanungen  aus  den
Bereichen  Infrastruktur  und  Bevölkerungsentwicklung  erarbeitet  worden  sei.20
Diese  Widersprüche  innerhalb  der  Landesregierung  und  vor  allem  innerhalb  der  CDU
boten  den  oppositionellen  Sozialdemokraten  die  Möglichkeit,  in  der  Debatte  über  die
Bewältigung  der  Probleme  des  regionalen  Strukturwandels  erheblichen  politischen
Druck  auszuüben.  Zum  einen  konnten  sie  sich  mit  ihrem  Ruf  nach  einer  „Umstrukturierung“
  und  nach  Aufstellung  eines  „Generalplanes“21  auf  den  Ministerpräsidenten
berufen,  der  in  seiner  ersten  Regierungserklärung  nach  der  Landtagswahl  von  I960
eine  gezielte  Strukturpolitik  zum  Regierungsprogramm  erhoben  hatte.22  Zum  anderen
konnte  der  Landesregierung  besonders  im  Kernbereich  dieser  Auseinandersetzung,
nämlich  der  Kohlepolitik,  inkonsequentes  Verhalten  nachgewiesen  werden:  Einerseits
trat  die  Regierung  öffentlich  für  die  Stärkung  der  Saarbergwerke  ein,  andererseits
forderte  sie  in  den  parlamentarischen  Debatten  selber  eine  Politik  der  „Auflockerung
der  Industriestruktur“.2’  Diesbezüglich  leitete  Werner  Scherer  mit  der  Gegenüberstellung
  der  beiden  Begriffe  „Auflockerung  der  Wirtschaffsstruktur“  und  „Umstrukturierung
  der  Wirtschaft“  eine  wesentliche  Weiterentwicklung  der  Darstellung
der  CDU-Politik  ein.  Scherer  argumentierte  damit,  daß  die  „Umstrukturierung“  im
Sinne  einer  Abkehr  von  den  bestehenden  montanindustriellen  Wirtschaftsunternehmen
  eine  „wirklichkeitsfremde  Auffassung“  darstelle  und  daß  statt  dessen  eine
„behutsame“  Auflockerung  der  Wirtschaftsstruktur  vorzunehmen  sei,  die  ausdrücklich
  sogar  auf  Basis  der  bestehenden,  weite  Teile  der  Wirtschaftskraft  und  des  Arbeitsplatzangebotes
  garantierenden  Montanindustrien  erfolgen  solle.24  Der  Regierung
war  damit  die  Chance  geboten,  ihre  wirtschaftspolitischen  Maßnahmen  in  die  Tradition
  früherer  saarländischer  Strukturpolitik  zu  stellen  und  diese  als  angemessene
Reaktion  auch  auf  die  neuen  Anforderungen  darzustellen.2'  Mit  der  so  konzeptionell

LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  8.  Sitzung  v.  20.4.6],  S.  318.  Bulie  hatte  bereits  Anfang  1961  ein  Konzept
entwickelt,  das  die  unterschiedlichen  planerischen  Funktionen  des  Bundeslandes,  wie  z.B.  Freizeitmöglichkeiten,
  Bereitstellung  von  Industrieflächen  oder  die  politische  Begleitung  der  Umstrukturierung
der  Landwirtschaft  in  lose  integrierten  Entwicklungsprogrammen  für  das  Saarland,  vorsah,  LTDS,  4.  WP,
Abt.  I,  4.  Sitzung  v.  20.1.61,  S.  77.
:|  Vgl.  hierzu  die  bereits  zitierte  Rede  von  Kurt  Conrad  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  8.  Sitzung  v.  20.4.61,
S.  304ff.,  wo  ausdrücklich  das  Wort  „Umstrukturierung“  als  Ausgangspunkt  gewählt  wird.
::  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  3.  Sitzung  v.  17.1.61,  S.  23:  „Die  saarländische  Wirtschaft  ist  trotz  aller  Autlockerungsbestrebungen
  noch  sehr  einseitig  strukturiert.“  Einschränkend  fügte  Röder  jedoch  hinzu,  daß  die
Ansiedlung  neuer  Betriebe  „keine  unbillige  Beeinträchtigung  bestehender  Betriebe“  bringen  dürfe.
23  LTDS,  4.  WP.  Abt.  I,  34.  Sitzung  v.  24.5.63,  S.  1300.
24  So  die  prägnante  Formulierung  in:  LTDS,  4.  WP.  Abt.  1,  16.  Sitzung  v.  30.1.62,  S.  572.
Eine  präzise  Zusammenfassung  dieser  neuen  Grundlinie  lieferte  der  Abgeordnete  Max  Schneider:  „lm
laufenden  Jahr,  meine  Damen  und  Flerren,  haben  wir  an  dieser  Stelle  sehr  oft  über  die  Struktur  unserer
Wirtschaft  diskutiert  und  es  entstand  hier  der  Eindruck,  daß  die  Lösung  aller  Schwierigkeiten  in  einer
Umstrukturierung  unseres  im  Schwerpunkt  auf  Kohle,  Eisen  und  Stahl  basierenden  Wirtschaftsgebietes  zu
finden  wäre.  Ich  glaube,  wenn  wir  ernsthaft  die  Probleme  durchdenken,  kann  das  nicht  der  Weisheit  letzter
Schluß  sein.  Wir  sollten  vielmehr  bestrebt  sein,  alles  zu  tun,  um  die  bestehenden  Industrien  zu  erhalten.
Sicherlich  muß  auch  hier  alles  versucht  werden,  um  neue  Industrien  anzusiedeln.  Eine  intensive  Verbesserung
  unserer  gesamten  Wirtschaftssituation  wird  nur  dann  zu  erreichen  sein,  wenn  die  bestehenden

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