Verhandlungen bekanntgewordenen diplomatischen Konsultationen des Jahres 1956
galt es aufs neue, die Zukunft der Saar zu gestalten. ’ Mehr noch: Eine grundsätzliche
Bereinigung des deutsch-französischen Verhältnisses wurde nun angestrebt. Als die
bis dahin umfangreichsten und angesichts der hohen symbolischen Bedeutung der
Saarfrage vielleicht auch wichtigsten deutsch-französischen Verhandlungen nehmen
diese Konsultationen eine Sonderstellung ein. 'x Die dort vorgenommenen Regelungen
legten mit dem Terminplan für die Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik
die „Geburtsstunde“ des Bundeslandes fest. Daneben fixierten sie in einem
umfangreichen Vertragswerk aber auch eine Vielzahl von Einzelregelungen, die in
der Übergangszeit zwischen politischer und wirtschaftlicher Eingliederung die
Auflösung der Währungs- und Zollunion mit Frankreich und die Herauslösung aus
der politischen Teilautonomie brachten. Insbesondere die wirtschaftlichen Bestimmungen
waren dabei heftig umstritten, nicht nur wegen der immer wieder notwendigen
Rücksichtnahme auf die spezielle außenhandeis- und währungspolitische Linie
der in ökonomischer Dauerkrise befindlichen IV. Republik. Auch bundesdeutsche
Interessen waren zu berücksichtigen, und nicht zuletzt gerieten in den Luxemburger
Verhandlungen Gegenstände auf die Tagesordnung, die das saarländisch-französische
Verhältnis bereits seit Jahren belasteten. An erster Stelle ist hierbei das Warndt-Problem
zu nennen, die bereits seit den Friedensregelungen nach dem Ersten Weltkrieg
umstrittene Frage also, inwieweit und zu welchen Konditionen die französische
Steinkohlenwirtschaft Bodenschätze unter saarländischem Territorium ausschöpfen
durfte. Für die Zukunft des saarländischen Steinkohlenbergbaus wurde dies von
vielen als entscheidende Frage angesehen.* 39 Aber auch politisch außerordentlich
sensible Punkte wurden in den Verhandlungen tangiert, so z.B. die Rückkehr des als
Kriegsverbrecher verurteilten Hermann Röchling in „sein“ Völklinger Werk40 oder
die Ausgestaltung der zukünftigen Kulturbeziehungen zwischen Frankreich und dem
Saarland. Schließlich trat mit dem Ziel der generellen Bereinigung des
deutsch-französischen Verhältnisses auch das Projekt der Kanalisierung der Mosel
hinzu, dessen Wurzeln als Grundelement grenzüberschreitender regionaler Infrastruktur
bis in das vorherige Jahrhundert reichten und dessen langfristige Bedeutung
heftige politische Diskussionen auslöste.41 Die Luxemburger Verhandlungen nehmen
’7 Jean-Paul Cahn, Le second retour. Le rattachement de la Sarre à l'Allemagne 1955-1957, Frankfurt u,a.
1985. Adolf Blind, Unruhige Jahre an der Saar 1947 bis 1957. Ein Zeitzeuge erinnert sich, 2 Bde. Frankfurt
a.M, 1997. Einen Überblick über die Vorgeschichte dieser Verhandlungen auf diplomatischer Ebene
bietet Bruno Thoss, Die Lösung der Saarfrage 1945/1955, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 38
(1990), S. 225-288.
,!t Vgl. zuletzt Ulrich Lappenküper, Die deutsch-französischen Beziehungen 1949-1963. Von der „Erbfeindschaft“
zur „Entente élémentaire“, München 2001, bes. S. 316-497 und S. 1098-1138.
39 Ferdinand Morbach u. Wolfgang Brücher, Steinkohlenbergbau und leitungsgebundene Energiewirtschaft
im Saarland unter dem Einfluß der Grenze, in: Soyez u.a. (Hgg.), Saarland, S. 159-180; Peter Dörrenbächer,
Entwicklung und räumliche Organisation der Saarbergwerke AG, in: ebd., S. 203-226.
40 Jean-Paul Cahn, Un aspect de la question sarroise: le règlement de l'affaire Röchling (1954-1956), in:
Revue d'Allemagne 15 (1983), S. 415-438.
41 Vgl. umfassend hierzu Ludwin Vogel, Deutschland, Frankreich und die Mosel. Europäische Integra¬21