Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

2 Von  der  Strukturkrise  zum  doppelten  Strukturwandel
2.1  Der  regionale  Strukturwandel  als  Problem  der  Landespolitik
2.1.1  Der  regionale  Strukturwandel  als  Problem  der  Wirtschaftspolitik
Zur  Bearbeitung  von  regionalwirtschaftlichen  Problemen  konnte  die  saarländische
Wirtschaftspolitik  Anfang  der  60er  Jahre  auf  eigenständige  und  durchaus  erfolgreiche
Strategien  zurückgreifen.  Zuletzt  war  in  der  Übergangszeit  ein  Instrumentarium
erarbeitet  worden,  das  im  wesentlichen  die  direkte  Intervention  der  Regierung  durch
Bürgschaften  und  Kreditmittel  vorsah.  Dieses  Instrumentarium  entwickelte  die
Regierung  in  den  folgenden  Jahren  konzeptionell  weiter.  Zunächst  wurden  die
Fördermaßnahmen  regional  ausdifferenziert.  Beispielsweise  wurde  die  Förderung
eines  Textilunternehmens  in  St.  Wendel  Anfang  1960  nicht  nur  mit  der  „strukturellen
Kohlekrise“  begründet,  vielmehr  wurde  der  besondere  Wert  des  Unternehmens  darin
gesehen,  daß  es  in  einem  Landesteil  angesiedelt  war,  der  aufgrund  der  dort  noch
vorhandenen  Arbeitskräftereserven  die  wirtschaftlichen  Potentiale  des  Landes  aktivieren
  sollte.1  Weiterhin  wurden  die  Fördermaßnahmen  auf  Branchen  ausgerichtet,
die  im  Kontext  der  saarländischen  Industriestruktur  als  besonders  entwicklungsfähig
angesehen  wurden.  Solche  Fördermaßnahmen  konnten  punktuell  erfolgen,  wurden
aber  durchaus  auch  über  einen  gewissen  Zeitraum  hinweg  aus  Regierungsmitteln
finanziert.2 3  Zwar  konnten  trotz  detaillierter  Einzelfallprüfungen  bestimmte  Fehlentwicklungen
  nicht  verhindert  werden,  wenn  z.B.  ein  mit  nennenswerten  öffentlichen
  Mitteln  sanierter  Betrieb  kurz  nach  erfolgter  Bürgschaft-  und  Kreditgewährung
durch  einen  bundesdeutschen  Betrieb  übernommen  wurde;  die  Regierung  legte
jedoch  primär  Wert  auf  die  Auffechterhaltung  von  Unternehmensstandorten.’
Zu  Anfang  der  Legislaturperiode  etablierte  die  Landesregierung  auf  diese  Weise  eine
Förderkulisse,  die  die  Ansiedlung  von  ca.  70  Betrieben  mit  rund  10.000  Arbeitsplätzen4
  ermöglichte.  Diese  Erfolge  fänden  bereits  bei  den  Zeitgenossen  viel  Beachtung,'
  wobei  insbesondere  der  Beitrag  zur  Förderung  des  ländlichen  Raums  ausfiihr-1
  LASB,  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  22.3.60.  Der
arbeitsmarktpolitische  Aspekt  spielte  z.B.  bei  einer  Neuansiedlung  -  ebenfalls  im  Textilgewerbe  -  im  Kreis
Ottweiler  eine  Rolle,  LASB,  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium
  v.  23.1  1.60.  Teilweise  wurde  unmittelbar  auf  die  zu  erwartenden  Ausfälle  an  Arbeitsplätzen  durch  die
Restrukturierungsmaßnahmen  der  Saarbergwerke  AG  rekurriert,  LASB,  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage
MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium  v.  3.10.61.
:  So  z.B.  im  Fall  eines  im  weitesten  Sinne  der  chemischen  Industrie  zuzurechnenden  Unternehmens  im
Raum  Wadern,  vgl.  LASB,  StK  Kabinettsregistratur,  Anlage  MW,  Kabinettsvorlage  Wirtschaftsministerium
  v.  28.1  1.60.  LASB,  StK  1728,  Kabinettsprotokoll  v.  3.4.62  und  LASB,  StK  1  734,  Kabinettsprotokoll
v.  5.5.64.
’  So  z.B.  im  Fall  eines  Betriebes  im  Bereich  Lebach,  vgl.  LASB,  StK  1728,  Kabinettsprotokoll  v.  27.3.62
und  LASB,  StK  1728,  Kabinettsprotokoll  v.  17.4.62.
4  Eine  Analyse  der  Landesregierung  sprach  von  mehr  als  100  zwischen  1959  und  1966  neu  angesiedelten
Unternehmen  mit  ca.  15.000  Arbeitsplätzen,  LTDS,  5.  WP,  Abt.  I,  21.  Sitzung  v.  12.7.66,  S.  478ff.
3  Schütz  u.  Weiant,  Saar,  S.  9,  bezeichnen  dieses  Programm  als  „5.  Welle“  der  Restrukturierung  der
saarländischen  Industrie  nach  1919.  Die  Autoren  nennen  die  Zahl  von  70  angesiedelten  Betrieben  mit

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