Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

wurde  Überherrn  von  Regierungsseite  als  vorbildliches  Projekt  gelobt,  da  es  einerseits
  mit  seiner  engen  Ausrichtung  an  übergeordneten  Entwicklungsvorstellungen  und
seiner  funktionalen  Trennung  von  Wohnen,  Arbeit  und  Freizeit  als  konzeptionell
besonders  gut  gelungen  eingeschätzt  wurde  und  da  sich  in  der  Perspektive  der  Regierung
  andererseits  an  diesem  Projekt  die  enge  Abstimmung  zwischen  kommunaler  und
Landesplanung  als  funktionsfähig  gezeigt  hatte.I4N  Dieses  positive  Urteil  ist  als  sehr
aussagekräftig  für  die  frühe  Konzeption  von  Landesplanung  und  Raumordnung  im
Saarland  nach  der  Volksabstimmung  anzusehen.  Nach  anfänglichen  Irritationen
übernahmen  die  Landesregierungen  sehr  schnell  das  Grundkonzept  der  Planungsorganisation
  im  Saarland,  das  sich  als  Gemeindeplanung  mit  weitreichenden  und
direkten  Einflußmöglichkeiten  der  Landesregierung  nahtlos  in  das  Land-Kommunen-Verhältnis
  einfügte.  Dieses  Verhältnis  war  ja  auch  in  anderen  Aufgabengebieten,
  wie  z.B.  der  Infrastruktur  oder  dem  Volksschulbau,  aber  auch  in  Grundfragen
  der  Gemeindefinanzierung  durch  die  enge  und  direkte  Abstimmung  zwischen
den  beiden  „Exekutiven“  geprägt.
Allerdings  wurden  bereits  zur  Mitte  der  ersten  Hälfte  der  60er  Jahre  immer  mehr
Schwächen  dieser  Konzeption  deutlich.  Die  wachsenden  Schwierigkeiten  der  Gemeinden
  bei  Planung  und  -  besonders  haushaltstechnischer  -  Abwicklung  von  Projekten
  wurden  von  der  Opposition  im  Landtag  heftig  kritisiert.144 149  ln  der  Regierung  und
den  sie  tragenden  Fraktionen  lösten  diese  Probleme  offenbar  heftige  Kontroversen,
aber  nur  eine  schrittweise  Annäherung  an  neue  Konzepte  aus.  Während  der  zuständige
  Minister  noch  lange  Zeit  die  gängige  Praxis  der  stark  an  den  Gemeinden
orientierten  Planung  verteidigte,  reagierten  gewisse  Teile  der  CDU,  besonders  in  der
Fraktion,  auf  den  zunehmenden  Druck  der  Opposition  mit  einer  schrittweisen  Anerkennung
  der  Notwendigkeit  von  Planung  auf  Landesebene.150  Für  die  Regierung
bedeutete  dieser  innere  Konflikt  eine  schwierige  Gratwanderung,  die  sich  noch  in  der

LASB  StK  1736,  Kabinettsprotokoll  v.  19.1.65,  LASB  StK  1740,  Kabinettsprotokoll  v.  30.1  1.65,  LASB
StK  1745,  Kabinettsprotokoll  v.  21.2.67  und  LASB  StK  1750,  Kabinettsprotokoll  v.  26.3.68.  Bereits  1964
plädierte  der  merklich  entnervte  Abgeordnete  Peter  Schwarz  (SPD)  dafür,  die  Bezuschussung  einer
Filmdokumentation  des  Bundes  über  das  mittlerweile  zur  Demonstrativbaumaßnahme  avancierte  Projekt
abzulehnen  -  wenn  der  Bund  einen  solchen  Film  haben  wolle,  solle  er  ihn  auch  finanzieren,  LTDS,  4.  WP,
Abt.  I,  42.  Sitzung  v.  15.1.64,  S.  1629.
14K  So  Helmut  Bulle  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  31.  Sitzung  v.  6.2.63,  S.  1214.
149  Z.B.  war  die  Gemeinde  Überherm  nicht  in  der  Lage,  die  für  das  Wohnstadt-Projekt  notwendige  Planung
zu  leisten,  was  eine  Bezuschussung  durch  das  Land  über  die  Mittel  tur  gemeindliche  Planungs-  und
Erschließungsmaßnahmen  unmöglich  machte  -  und  dazu  führte,  daß  das  Land  die  Kosten  ganz  übernahm,
LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  26.  Sitzung  v.  11.7.62,  S.  989.  Aber  auch  die  Mittelbewirtschaftung  wurde  von
Seiten  der  SPD-Opposition  bemängelt,  die  kritisierte,  daß  in  bestimmten  Fällen  kommunale  Projekte  nicht
umgesetzt  werden  konnten,  weil  die  dazu  nötigen  Haushaltsmittel  an  andere  Projekte  vergeben  waren,
deren  Umsetzung  aus  anderen  Gründen  jedoch  gar  nicht  erfolgte,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  29.  Sitzung  v.
16.12.62,  S.  1981.
150  Sehr  deutlich  wird  dieses  Aufeinandertreffen  von  praktisch  unvereinbaren  Standpunkten  in:  LTDS,  4.
WP,  Abt.  1,  8.  Sitzung  v.  20.4.61,  S.  314.  Huthmacher  rückte  praktisch  während  der  ganzen  Legislaturperiode
  von  seiner  hier  griffig  formulierten  Position  nicht  mehr  ab,  während  Helmut  Bulle  bereits  eine
konzeptionelle  Neufassung  unter  dem  Stichwort  „Generalplan“  indirekt  forderte.

212
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.