nicht übersehen werden, daß auch die hohen Zuwächse der Sozialdemokraten ihre
Partei nicht auf ein Ergebnis brachten, das für ein hochindustrialisiertes Gebiet ais
herausragend bezeichnet werden könnte. Das Ergebnis ist aber trotzdem als wichtig
zu erachten, weil die SPD damit erstmals auch bei rein saarländischen Wahlen sich
als ebenbürtiger Partner bzw. Gegner der CDU profilieren konnte. Das konnte die
Hoffnung auf ein Anknüpfen an den bundesweit zu beobachtenden positiven Trend
der Sozialdemokratie begründen.1"' Da präzise Wählerwanderungsanalysen für diese
Zeit leider vollständig fehlen, kann insbesondere das Ergebnis der CDU nur sehr
schwer eingeordnet werden. Von der Stagnation ihres Stimmenanteils kann sicherlich
nicht direkt auf eine unveränderte Wählerschaft geschlossen werden, immerhin geben
die deutlichen Verschiebungen bei den kleinen Parteien - denen übrigens ein im
Landesschnitt praktisch unveränderter Erfolg der Freien Wählergruppen gegenüberstand
- Anlaß zu der Vermutung, daß die Christdemokraten die sich von SVP und
DPS wegorientierenden Wähler zumindest nicht gleichzeitig integrieren konnten. Die
quantitativen Analysen von Kappmeier deuten vielmehr an,123 124 125 daß die CDU eher in
der Lage war, Potentiale der zweiten Oppositionspartei zu integrieren als solche ihres
Koalitionspartners.
Hinsichtlich der Frage nach frühen Ansätzen zur Bewältigung des Strukturwandels
bietet dieses Wahlergebnis jedoch den Anlaß, weitergehende Fragen zu präzisieren.
Offenbar führte die im Kontext der Haushaltspolitik und auf der Ebene der Kommunen
für die Experten und die beteiligten Politiker immer deutlicher werdende Strukturkrise
im Verhalten der Wählerschaft nicht zu umwälzenden Reaktionen. Die
Wahlbeteiligung pendelte sich auf ein für spätere Kommunalwahlen im Saarland
„normales“ Maß ein, und auch die Zuwächse der SPD können als „Normalisierung“
im Sinne einer allmählichen Angleichung an die in ähnlich strukturierten Gebieten
erzielten Ergebnisse der deutschen Sozialdemokratie interpretiert werden. Das
Schrumpfen der Stimmenanteile der beiden kleinen Parteien hingegen darf angesichts
der Tatsache, daß immer noch über 20% der Wähler ihre Stimme nicht für eine der
beiden großen Parteien abgegeben haben, nicht überbewertet werden. Vielmehr ist
wohl eher anzunehmen, daß die frühen Versuche zur Bewältigung des Strukturwandels
keine wachsende Polarisierung in der kommunalpolitischen Landschaft auszulösen
vermochten und daß es bis zu diesem Zeitpunkt insbesondere der SPD nicht
gelang, die CDU auf die Rolle eines Reformverweigerers festzulegen. Vielmehr ist
eher anzunehmen, daß der komplexe Zusammenhang der neuen Strukturwandelpolitik
- obwohl mit weitreichenden politischen Reformen verbunden - zumindest als
Unterscheidungsmerkmal von den Parteien nicht instrumentalisiert werden konnte.1"''
123 So Hans-Christian Herrmann, Landeshauptstadt, S. 362.
I2'1 Kappmeier, Konfession und Wahlverhalten, S. 72.
125 Möglicherweise ist dies als Bestätigung der These von Ralf Zoll (Hg.), Vom Obrigkeitsstaat zur
entgrenzten Politik. Politische Einstellungen und politisches Verhalten in der Bundesrepublik seit den
sechziger Jahren, Opladen 1999, zu bewerten, der davon ausgeht, daß der fundamentale Wandel in der
politischen Partizipation auf kommunalpolitischer Ebene in der Bundesrepublik schrittweise erst in den
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