Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

nicht  übersehen  werden,  daß  auch  die  hohen  Zuwächse  der  Sozialdemokraten  ihre
Partei  nicht  auf  ein  Ergebnis  brachten,  das  für  ein  hochindustrialisiertes  Gebiet  ais
herausragend  bezeichnet  werden  könnte.  Das  Ergebnis  ist  aber  trotzdem  als  wichtig
zu  erachten,  weil  die  SPD  damit  erstmals  auch  bei  rein  saarländischen  Wahlen  sich
als  ebenbürtiger  Partner  bzw.  Gegner  der  CDU  profilieren  konnte.  Das  konnte  die
Hoffnung  auf  ein  Anknüpfen  an  den  bundesweit  zu  beobachtenden  positiven  Trend
der  Sozialdemokratie  begründen.1"'  Da  präzise  Wählerwanderungsanalysen  für  diese
Zeit  leider  vollständig  fehlen,  kann  insbesondere  das  Ergebnis  der  CDU  nur  sehr
schwer  eingeordnet  werden.  Von  der  Stagnation  ihres  Stimmenanteils  kann  sicherlich
nicht  direkt  auf  eine  unveränderte  Wählerschaft  geschlossen  werden,  immerhin  geben
die  deutlichen  Verschiebungen  bei  den  kleinen  Parteien  -  denen  übrigens  ein  im
Landesschnitt  praktisch  unveränderter  Erfolg  der  Freien  Wählergruppen  gegenüberstand
  -  Anlaß  zu  der  Vermutung,  daß  die  Christdemokraten  die  sich  von  SVP  und
DPS  wegorientierenden  Wähler  zumindest  nicht  gleichzeitig  integrieren  konnten.  Die
quantitativen  Analysen  von  Kappmeier  deuten  vielmehr  an,123 124 125  daß  die  CDU  eher  in
der  Lage  war,  Potentiale  der  zweiten  Oppositionspartei  zu  integrieren  als  solche  ihres
Koalitionspartners.
Hinsichtlich  der  Frage  nach  frühen  Ansätzen  zur  Bewältigung  des  Strukturwandels
bietet  dieses  Wahlergebnis  jedoch  den  Anlaß,  weitergehende  Fragen  zu  präzisieren.
Offenbar  führte  die  im  Kontext  der  Haushaltspolitik  und  auf  der  Ebene  der  Kommunen
  für  die  Experten  und  die  beteiligten  Politiker  immer  deutlicher  werdende  Strukturkrise
  im  Verhalten  der  Wählerschaft  nicht  zu  umwälzenden  Reaktionen.  Die
Wahlbeteiligung  pendelte  sich  auf  ein  für  spätere  Kommunalwahlen  im  Saarland
„normales“  Maß  ein,  und  auch  die  Zuwächse  der  SPD  können  als  „Normalisierung“
im  Sinne  einer  allmählichen  Angleichung  an  die  in  ähnlich  strukturierten  Gebieten
erzielten  Ergebnisse  der  deutschen  Sozialdemokratie  interpretiert  werden.  Das
Schrumpfen  der  Stimmenanteile  der  beiden  kleinen  Parteien  hingegen  darf  angesichts
der  Tatsache,  daß  immer  noch  über  20%  der  Wähler  ihre  Stimme  nicht  für  eine  der
beiden  großen  Parteien  abgegeben  haben,  nicht  überbewertet  werden.  Vielmehr  ist
wohl  eher  anzunehmen,  daß  die  frühen  Versuche  zur  Bewältigung  des  Strukturwandels
  keine  wachsende  Polarisierung  in  der  kommunalpolitischen  Landschaft  auszulösen
  vermochten  und  daß  es  bis  zu  diesem  Zeitpunkt  insbesondere  der  SPD  nicht
gelang,  die  CDU  auf  die  Rolle  eines  Reformverweigerers  festzulegen.  Vielmehr  ist
eher  anzunehmen,  daß  der  komplexe  Zusammenhang  der  neuen  Strukturwandelpolitik
  -  obwohl  mit  weitreichenden  politischen  Reformen  verbunden  -  zumindest  als
Unterscheidungsmerkmal  von  den  Parteien  nicht  instrumentalisiert  werden  konnte.1"''

123 So  Hans-Christian  Herrmann,  Landeshauptstadt,  S.  362.
I2'1  Kappmeier,  Konfession  und  Wahlverhalten,  S.  72.
125 Möglicherweise  ist  dies  als  Bestätigung  der  These  von  Ralf  Zoll  (Hg.),  Vom  Obrigkeitsstaat  zur
entgrenzten  Politik.  Politische  Einstellungen  und  politisches  Verhalten  in  der  Bundesrepublik  seit  den
sechziger  Jahren,  Opladen  1999,  zu  bewerten,  der  davon  ausgeht,  daß  der  fundamentale  Wandel  in  der
politischen  Partizipation  auf  kommunalpolitischer  Ebene  in  der  Bundesrepublik  schrittweise  erst  in  den

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