Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

mokraten  in  praktisch  allen  Ländern  angesehen.111'  Dieses  Engagement  war  auch
Grundlage  für  die  Entwicklung  der  Volksschulbauprogramme,  die  nach  der  Überwindung
  der  unmittelbaren  Kriegsfolgen  den  Ausbau  des  saarländischen  Volksschulwesens
  gewährleisten  sollten."14  Alfons  Dawo  präzisierte  diese  Vorstellungen
dergestalt,  daß  die  Bildungspolitik  als  „Privileg  der  Länder“  eine  Form  erweiterter
Sozialpolitik  darstelle:  Die  Sozialpolitik  fand  nach  diesem  Ansatz  „ihre  Krönung  in
der  Bildungspolitik“.103 105 108  Konkret  bedeutete  dies,  daß  die  Regierung  durch  Verbesserungen
  in  der  Organisation  des  Bildungswesens,  durch  eine  Ausweitung  der  Schulpflicht
  mit  der  Einführung  des  neunten  Volksschuljahres  und  durch  Verbesserungen
in  der  Lehrerbildung  die  durch  den  wirtschaftlichen  Strukturwandel  notwendig
gewordenen  gesellschaftlichen  Veränderungen  auslösen  wollte.10"
Allerdings  zeigte  sich  sehr  bald  neben  den  immensen  finanziellen  Belastungen  auch
ein  weiterer  Kritikpunkt.  Die  weitgehend  von  der  CDU  und  hier  insbesondere  vom
langjährigen  Kultusminister  Röder  geprägten  Schulkonzepte  der  Landesregierung
waren  sehr  stark  von  einem  speziellen  Bild  über  die  Bedeutung  der  Schule  im  sozialen,
  vor  allem  dörflichen  Umfeld  bestimmt.  Der  Leitgedanke  dieser  Konzeption
bestand  darin,  die  Bewältigung  der  gesellschaftlichen  Veränderungen  durch  die
Nutzung  der  Leistungsfähigkeit  sozialer  Bezugssysteme  auf  lokaler  Ebene  zu  ermöglichen,
  in  denen  der  Volksschule  eine  hohe  Bedeutung  als  integrierendes  Element
zukam.10  Diese  Konzeption  stand  jedoch  in  einem  Zielkonflikt  mit  anderen  Erfordernissen
  des  Strukturwandels,  wie  z.B.  dem  einer  fachlichen  Differenzierung  des
Unterrichts,  welche  die  nicht  selten  einklassig  organisierte  „Schule  als  Mittelpunkt
für  jedes  Dorf“  zu  leisten  nicht  imstande  war.  "IX  Mit  finanzpolitischen  Argumenten
103  Frank  Bösch,  Die  Adenauer-CDU.  Gründung,  Aufstieg  und  Krise  einer  Erfolgspartei  1945-1969.
Stuttgart  u.a.  2001,  bes.  S.  127ff.  Wolfgang  Klafki,  Die  fünfziger  Jahre  -  eine  Phase  schulorganisatorischer
Restauration.  Zur  Schulpolitik  und  Schulentwicklung  im  ersten  Jahrzehnt  der  Bundesrepublik,  in:  Dieter
Bänsch  (Hg.),  Die  fünfziger  Jahre.  Beiträge  zu  Politik  und  Kultur,  Tübingen  1985,  S.  131-162.  Rudolf
Hars,  Die  Bildungsreformpolitik  der  CDU  in  den  Jahren  1945  bis  1954.  Ein  Beitrag  zum  Problem  des
Konservatismus  in  der  Deutschen  Bildungspolitik,  Frankfurt  a.M.  1981.  Den  Forschungsstand  zu  diesem
Thema  bietet  die  breit  angelegte  Darstellung  der  schulpolitischen  Reformen  in  Bayern  von  Winfried
Müller,  Ingo  Schröder  u.  Markus  Mößlang,  „Vor  uns  liegt  ein  Bildungszeitalter.“  Umbau  und  Expansion
-  das  bayerische  Bildungssystem  1950  bis  1975,  in:  Schlemmer  u.  Woher  (Hgg.),  Erschließung,
S.  273-355,  hier  bes.  S.  277ff.
104  1962  konnte  die  Landesregierung  in  ihrem  Bericht  an  die  Ständige  Konferenz  der  Kultusminister
feststellen,  daß  die  „ärgste  Not“  nunmehr  überwunden  sei,  vgl.  Ständige  Konferenz  der  Kultusminister  der
Länder  der  Bundesrepublik  Deutschland,  Kulturpolitik  der  Länder  1961-1962,  München  1962,  S.  163.
105  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,29.  Sitzung  v.  18.12.62,  S.  1  125.
106  Vgl.  hierzu  die  schulpolitische  Grundsatzdebatte  in:  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  45.  Sitzung  v.  28.1.58,
S.  1245,  in  der  vor  allem  das  Problem  der  Pädagogischen  Hochschulen  ausführlich  erörtert  wurde,
l0’  Vgl.  hierzu  auch  die  Selbstdarstellung  der  Schulpolitik  der  Landesregierung  in:  Ständige  Konferenz  der
Kultusminister  der  Länder  der  Bundesrepublik  Deutschland,  Kulturpolitik  der  Länder  1963-1964,  München
  1964,  v.a.  S.  223.
108  So  Maria  Schweitzer  (SVP)  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  29.  Sitzung  v.  18.12.62,  S.  1137.  Trotz  ihrer
Oppositionsrolle  verteidigte  die  SVP  bzw.  v.a.  deren  Abgeordnete  Schweitzer  diesen  herkömmlichen
christdemokratischen  Ansatz  von  Schulpolitik  wohl  am  schärfsten.  Vgl.  in  diesem  Zusammenhang  Caspar
Kuhlmann,  Schulreform  und  Gesellschaft  in  der  Bundesrepublik  Deutschland  1946-1966.  Die  Differenzie-202


            
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