Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

für  die  zu  geringe  Ausnutzung  von  Bundesmittein  im  Bereich  von  Baumaßnahmen
anzusehen  seien.  Zudem  blieb  ihm  gegenüber  dem  Vorwurf  der  Opposition,  bei
verschiedenen  Bauprojekten  sei  es  zu  unvertretbaren  Mehrkosten  gekommen,  nichts
anderes  übrig  als  zu  bestätigen,  daß  der  bei  der  Umrechnung  der  Einzelpläne  für
Bauprojekte  auf  die  neue  Währung  angesetzte  Kurs  von  100  FF  für  0,70  DM  zu
niedrig  und  daher  eine  „Fehlumstellung“  gewesen  sei.  In  dieser  Zwangslage,  einerseits
  die  zugesagten  Mittel  aufgrund  organisatorischer  Defizite  nicht  vollständig
abrufen  zu  können,  andererseits  aber  durch  die  Kostenexplosion  bei  den  durchgeführten
  Projekten  die  jeweiligen  Mittelansätze  deutlich  zu  überschreiten,  konnte  auch  der
Versuch  des  Ministerpräsidenten,  die  Finanzprobleme  auf  überdimensionierte  Bauprojekte
  der  Gemeinden  zurückzuführen,  nicht  überzeugen.93  Nötig  war  eine  erneute
Reformierung  der  Lastenverteilung  zwischen  Land  und  Kommunen.
Die  Diskussion  darüber  erreichte  sehr  bald  die  Ebene  von  Grundsatzfragen.  Ende
1961  formulierte  Innenminister  Ludwig  Schnur  als  Leitgedanke  der  Regierungspolitik,
  daß  die  zunehmende  funktionale  Differenzierung  der  saarländischen  Gemeindelandschaft,
  die  gestiegenen  Bedürfnisse  der  Menschen  hinsichtlich  der  Qualität
  ihres  Wohnumfelds  und  die  wachsende  Integration  des  ländlichen  Raumes  in  die
Infrastruktur  des  Landes  in  zunehmendem  Maße  finanzielle  Anforderungen  an  die
kleinen  Gemeinden  im  Saarland  stellten.  Diesem  Trend,  so  der  Gedankengang,  werde
das  herkömmliche  System  der  Kommunalfinanzierung  nicht  gerecht,  da  es  einerseits
die  größeren  Kommunen  zu  stark  bevorteile  und  andererseits  die  kleinen  Gemeinden
zwinge,  im  Maßstab  des  Bundeslandes  als  klein  zu  bezeichnende  Maßnahmen,  wie
z.B.  im  Bereich  des  Kanalbaus,  über  Bedarfszuweisungen  zu  finanzieren,  obwohl
diese  Mittel  eigentlich  für  größere  Projekte  gedacht  seien.  Daher,  so  der  Minister,
seien  Schlüsselmasse  und  Verteilungsschlüssel  dergestalt  zu  ändern,  daß  die  kleineren
  Gemeinden  zu  Lasten  der  größeren  bevorteilt  werden.  Diesem  Gedankengang,  der
vom  Ministerpräsidenten  im  für  seine  Argumentationsweise  typischen  Stil  zusätzlich
noch  mit  dem  Verweis  auf  die  Sozialenzykliken  rerum  novarum  und  quadragesimo
anno  untermauert  wurde,  stimmte  die  SPD-Opposition  im  Grundsatz  zu,94  nicht  ohne
jedoch  eine  Ausnahmeregelung  für  Saarbrücken  zu  fordern.95

93  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  8.  Sitzung  v.  20.4.61,  S.  330f.
94  LTDS,  4.  WP,  Abt.  i,  14.  Sitzung  v.  30.1  1.61,  S.  491  ff.  und  S.  515.  Der  damalige  Innenminister  Kurt
Conrad  hatte  bereits  seinen  Reformvorschlag  von  1960  ausdrücklich  mit  dem  Ziel  verknüpft,  die  Durchsetzungsfähigkeit
  der  Landespolitik  zu  erhöhen,  dieses  jedoch  eng  auf  die  Beibehaltung  der  sog.  Kompetenz-Kompetenz
  der  Landkreise  bezogen,  also  das  Recht,  auch  gegen  den  Willen  der  kommunalen  Ebene
die  Zuständigkeit  für  gewisse  Fragen  von  den  Ämtern  auf  die  staatlich  dominierte  Ebene  der  Landkreise
zu  ziehen,  vgl,  hierzu  LTDS,  3.  WP,  Abt.  1,  82.  Sitzung  v.  13.6.60,  S.  2249.
95  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  14.  Sitzung  v.  30.1  1.61,  S.  494.  Herrmann  Trittelvitz  argumentierte  mit  der
Funktion  Saarbrückens  als  Landeshauptstadt  und  „Schaufenster  unseres  Landes“,  um  trotz  der  relativ
hohen  Gewerbesteuereinnahmen  eine  Verringerung  der  Finanzzuweisungen  zugunsten  Saarbrückens  zu
verhindern;  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  15.  Sitzung  v,  19.12.61,  S.  528.  Interessant  ist  auch  der  Vorschlag  von
Kurt  Wolf  (SVP),  in  einer  Sonderregelung  zwischen  Land  und  Stadt  dem  Kommunalhaushalt  die  „effektiven“
  Kosten  für  Landesfunktionen  zu  ersetzen,  ebd.,  S.  530.  Einen  Hinweis  auf  die  innerparteilichen
Proporz-Probleme,  die  diese  Thematik  mit  sich  brachte,  liefern  die  Einlassungen  von  Max  Schneider

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