Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

betroffen,  nämlich  als  Grenzstadt  der  neu  gezogenen  nationalen  Grenze,  als  Montanstadt
  im  Strukturwandel  sowie  als  Einzelhandels-  und  Dienstleistungszentrum  einer
nun  deutschen  Grenzregion.66
Bis  zur  Mitte  der  ersten  Hälfte  der  60er  Jahre  spitzte  sich  die  wissenschaftliche
Diskussion  darüber  in  einem  öffentlichen  Schlagabtausch  zu:  Im  Jahr  1963  nahm  der
zwischenzeitlich  zum  Landrat  des  Kreises  Saarbrücken  avancierte  ehemalige  Chef
der  Staatskanzlei,  Gotthard  Lorscheider,  die  Vorstellung  eines  Gutachtens  von
Gerhard  Isbary  zum  Anlaß,  die  damals  diskutierten  Vorschläge  zur  kommunalen
Neuordnung  des  städtischen  Umfelds  von  Saarbrücken  in  aller  Schärfe  zu  kritisieren/'
  Dies  rief  den  Oberbürgermeister  der  Stadt  Saarbrücken  auf  den  Plan,  der  in
einer  Pressekonferenz  einen  Stadtratsbeschluß  vorstellte,  nach  dem  die  Stadt  Saarbrücken
  ihre  Interessen  durch  das  von  Lorscheider  propagierte  Gutachten  von  Gerhard
  Isbary  zu  wenig  berücksichtigt  sah.  Insbesondere  bemängelte  der  Oberbürgermeister
  die  Idee  der  Schaffung  eines  neuen  saarländischen  Zentrums  in  Lebach.  Diese
Pläne,  so  der  Gedankengang,  seien  nicht  nur  viel  zu  teuer,  sondern  auch  wenig  dazu
geeignet,  die  eigentlichen  strukturellen  Probleme  des  Saarlandes,  die  nämlich  im
Bereich  Saarbrückens  zu  verorten  seien,  einer  Lösung  zuzuführen.  Aber  auch  der  so
kritisierte  Gutachter  ließ  es  nicht  an  deutlichen  Worten  fehlen:  Kurz  darauf  äußerte  er
als  Hauptredner  einer  Tagung  des  Landkreistages  Saarbrücken  angesichts  dieser
Kritik  an  seinen  Vorschlägen  die  Befürchtung,  daß  ein  zukünftiges  Gutachten  über
das  Saarland  den  Titel  „Konsequenzen  mangelnder  Entscheidungsbereitschaft  für  die
Raumordnung  des  Saarlandes“  tragen  werde.68
Ihren  Anfang  hatte  diese  Debatte  mit  der  Arbeit  von  Heinz  Monz  genommen,  der
erstmals  in  wissenschaftlich  abgesicherter  Form  Anregungen  für  eine  Neugliederung
des  Großraumes  Saarbrücken  vorgelegt  hatte.69  Für  Monz  war  eine  Neuordnung  der
Saarbrücker  Verhältnisse  alleine  schon  erforderlich,  um  die  dringend  nötige  Arrondierung
  des  Verwaltungsgebietes  im  Sinne  einer  Gebiets-  und  Funktionalreform

66  Vgl.  hierzu  Hans-Christian  Herrmann,  Landeshauptstadt,  S.  382-385.  Interessante  Daten  liefern:  Kurt
Schmidt  unter  Mitarbeit  von  Hermann  Josef  Speth,  Zur  Aktivität  der  Gemeinden  und  Gemeindeverbände
im  Spiegel  ihrer  Einnahmen  und  Ausgaben,  in:  Beiträge  zur  Raumplanung  in  Hessen,  Rheinland-Pfalz,
Saarland,  4  Teile  Hannover  1974-1983  (=  Veröffentlichungen  der  Akademie  für  Raumforschung  und
Landesplanung.  Forschungs-  und  Sitzungsberichte  91),  Teil  I  1974,  S.  45-78,  sowie  CAPEM,  Infrastructures,
  S.  65ff.  Zu  den  Problemen  des  Einzelhandels  durch  die  Eingliederung  vgl.  die  aufwendige
Studie  von  Jürgen  Wildhagen  u.  Klaus  Dürr  (Bearb.),  Einkaufsgewohnheiten  der  Verbraucher  im  Saarland
und  im  Grenzraum  der  benachbarten  französischen  Departements,  Saarbrücken  1963  (=  Einzelschritten  des
Handelsinstituts  an  der  Universität  des  Saarlandes  4),  Dagegen  vermittelt  Sparkasse  Saarbrücken  (Hg.),
Saarbrücken,  einen  Einblick  in  die  mit  der  Eingliederung  verbundenen  Hoffnungen  der  lokalen  Wirtschaft.
67  Die  Kritik  Lorscheiders  ist  publiziert  als:  Gerhard  Isbary,  Regionale  Probleme  der  Raumordnung.  Eine
Untersuchung  am  Beispiel  des  Landkreises  Saarbrücken  als  Mittelpunkt  des  saarländischen  Verdichtungsraumes.
  Gutachten  erstattet  im  Auftrag  des  Landkreises  Saarbrücken,  Saarbrücken  1963,  Vorwort.
68  Gerhard  Isbary,  Konsequenzen  der  Bevölkerungsentwicklung  bis  zum  Jahre  2000  für  die  Raumordnung
des  Saarlandes,  Saarbrücken  1964,  S.  4;  der  Stadtratsbeschluß  und  die  Äußerungen  des  Oberbürgermeisters
  ebd.,  S.  49-52.
59  Heinz  Monz,  Die  kommunale  Neuordnung  städtischer  Ballungsräume.  Lösungsmöglichkeiten  -  dargestellt
  am  Beispiel  des  Raumes  Saarbrücken,  Saarbrücken  1962.

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