Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

„Bewegungsfreiheit“61  mehr  iieß,  war  nämlich  trotz  sehr  moderater,  kaum  über  den
Zuwachs  des  Bruttosozialprodukts  hinausgehenden  Steigerungsraten  der  Ausgaben
entstanden.  Für  Kurt  Conrad  stellte  die  Tatsache,  daß  die  Haushalte  zwischen  1961
und  1965  im  Volumen  nur  um  17%  gestiegen  seien,  was  einer  jährlichen  Zuwachsrate
  von  ca.  2%  entspreche,  den  am  deutlichsten  sichtbaren  Ausweis  der  „Malaise  des
Saariandes“  dar.62  Ebenso  drastisch  formulierte  diesen  Kritikpunkt  Erwin  Müller  für
die  Fraktion  der  SVP/CVP:  Obwohl  bereits  hohe  Belastungen  im  Haushalt  eingeplant
seien,  beinhalte  der  Plan  immer  noch  sehr  hohe  Risiken,  so  daß  die  Gefahr  bestehe,
daß  der  Haushalt  nicht  nur  defizitär,  sondern  möglicherweise  gar  in  Teilen  ungedeckt
sei.  Daher  verweigerte  seine  Fraktion  die  Zustimmung.63  Die  Stagnationskrise  entwickelte
  sich  somit  nach  Ende  der  Übergangszeit  schrittweise  zur  strukturbedingten
Finanzkrise  des  Landes.64
1.1.3 Das  Altern  der  Industrieregion  in  der  Sieht  der  Wissenschaft
Indizien  für  ein  frühzeitiges  Sichtbarwerden  der  strukturellen  Krise  im  Saarland
finden  sich  auch  in  einer  zu  Anfang  der  60er  Jahre  heftig  geführten  Auseinandersetzung
  zwischen  Wissenschaftlern,  Fachleuten  und  Politikern,  die  rückblickend  als
„saarländischer  Gutachterstreit“  bezeichnet  werden  kann.  Auch  der  wirtschafts-  und
strukturpolitische  Teil  der  Diskussion  um  die  Teilautonomie  kannte  zwar  schon  eine
rege  Beteiligung  von  Wissenschaftlern  und  Fachleuten,  die  sich  in  einer  Fülle  von
Detailstudien,  besonders  aber  in  den  vielzitierten  Arbeiten  von  Werner  Bosch  und
Fritz  Hellwig  niedergeschlagen  hatte.65  In  der  Übergangszeit  selber  konzentrierte  sich
die  Aufmerksamkeit  jedoch  primär  auf  das  Problem  der  Eingliederung.  Danach  trat
aber  ein  neues  Element  in  die  Diskussion  ein.  Die  Stagnationskrise  in  den  frühen  60er
Jahren  rief  nämlich  vor  allem  auf  der  Ebene  der  Kommunen  schwerwiegende  Verwerfungen
  hervor.  Davon  war  die  Landeshauptstadt  Saarbrücken  gleich  mehrfach

61  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  55.  Sitzung  v.  27.1.65,  S.  2030.
62  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  52.  Sitzung  v.  11.11.64,  S.  1927.  Die  Haushaltsvolumina  von  Bund  und  Ländern
waren  dagegen  üblicherweise  deutlich  stärker  gestiegen  als  das  Bruttosozialprodukt,  s.  Plachetka,  Finanzwirtschaft,
  S.  38.  Allerdings  stellte  sich  nach  dem  Abbau  des  sog.  „Juliusturmes“  insofern  eine  gewisse
Veränderung  ein,  als  nunmehr  auch  in  anderen  Ländern  zunehmend  Kapitalmarktmittel  zur  Finanzierung
der  Etats  herangezogen  wurden,  vgl.  Walz,  Budgetpolitik,  S.  138f.
63  „Ich  habe  schon  einmal  gesagt,  einen  defizitären  Haushalt  können  wir  verantworten,  aber  einen  ungedeckten
  Haushalt  können  wir  nicht  verantworten.“,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  55.  Sitzung  v.  27.1.65,  S.  2039.
Müller  kritisierte  hier  eine  Haushaltssituation,  die  derjenigen  zur  Mitte  der  ersten  Hälfte  der  50er  Jahre
entsprach,  als,  wie  bereits  erwähnt,  ebenfalls  im  Kontext  ungünstiger  volkswirtschaftlicher  Rahmendaten
zur  Deckung  der  Haushalte  eine  verdeckte  Verschuldung  über  die  Betriebsmittel  vorgenommen  wurde.
64  Gerhard  Lehmbruch  kommt  gar  zu  der  Auffassung,  daß  das  deutsche  Finanzsystem  grundlegende
Dysfunktionalitäten  aufweise:  „Die  finanzpolitischen  Notlagen  der  Montanregionen  ließen  sich  nicht  mit
den  Kriterien  erfassen,  die  den  Ausgleichsbedarf  zurückgebliebener  ländlicher  Räume  maßen.“,  Lehmbruch,
  Parteienwettbewerb,  S.  127.
65  Hellwig,  Verflechtung.  Kennzeichnend  für  diese  Debatte  war  ihr  enger  Bezug  zur  damals  aktuellen
Frage  der  nationalen  Zugehörigkeit  des  Saarlandes  und  schon  damals  prägte  eine  gewisse  „Aufgeregtheit“
die  Veröffentlichungen  der  Wissenschaft,  wenn  z.B.  Werner  Bosch  prägnant  formulierte,  die  Situation  des
Saarlandes  „gleicht  in  ihrer  Standfestigkeit  einem  Kartenhaus“,  vgl.  Bosch,  Saarfrage,  S.  40.

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