Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

In  der  Folgezeit  fanden  die  strukturpolitischen  Ansätze  um  so  mehr  Beachtung,  je
weiter  sich  die  finanzielle  Lage  des  Landes  verschäriie.  Die  frühere  Betrachtungsweise,
  naeh  der  die  Überwindung  der  letzten  Auswirkungen  der  Übergangszeit  als
Hauptproblem  der  saarländischen  Finanzen  angesehen  wurde,  wurde  praktisch  dadurch
  abgelöst.  Als  Fritz  Wedel  unwidersprochen  teststellte,  „das  Parlament  hat  bei
der  Gestaltung  dieses  Haushalts  [iur  das  Jahr  1964]  fast  keinen  Spielraum  mehr
gehabt“,  wodurch  „das  Budgetrecht  des  Parlaments  sehr  eingeengt  worden  ist“,
konnte  auch  Werner  Scherers  These,  bei  den  Finanzproblemen  der  vergangenen  Jahre
habe  es  sich  möglicherweise  um  einen  „überschaubaren  finanziellen  Engpaß“* 56
gehandelt,  nicht  mehr  überzeugen.  Zwar  konnte  Jakob  Feiler  für  die  CDU  die  Bewahrung
  der  „finanziellen  Selbständigkeit“  des  Landes  als  einen  Erfolg  der  Regierungstätigkeit
  seiner  Partei  reklamieren,5  allerdings  vermißte  die  Opposition  den  „großen
Gedanken“  in  der  Budgetpolitik  -  nämlich  eine  Lösung  für  die  zunehmend  als  drängender
  empfundenen  Strukturprobleme.5*  Dies  wurde  um  so  wichtiger,  als  im  Jahr
1965  die  geplante  Verschuldung  des  Landes  sich  erstmals  dem  Umfang  eines  gesamten
  Jahres-Budgets  näherte.54  Die  Landesregierung  konnte  zwar  deutlich  machen,
daß  damit  keine  verfassungsmäßig  verankerte  oder  gar  finanzpolitisch  relevante
Grenze  erreicht  sei,60  trotzdem  spitzte  die  Opposition  ihre  Kritik  an  diesem  Punkt  zu.
Die  im  Bundesvergleich  extrem  hohe  Verschuldung  des  Landes,  die  auch  nach
Auffassung  von  Jakob  Feiler  dem  Parlament  der  folgenden  Legislaturperiode  keine

dieser  Stelle  sehr  oft  über  die  Struktur  unserer  Wirtschaft  diskutiert,  und  es  entstand  hier  der  Eindruck,  daß
die  Lösung  aller  Schwierigkeiten  in  einer  Umstrukturierung  unseres  im  Schwerpunkt  auf  Kohle,  Eisen  und
Stahl  basierenden  Wirtschaftsgebietes  zu  finden  wäre.  Ich  glaube,  wenn  wir  ernsthaft  die  Probleme
durchdenken,  kann  das  nicht  der  Weisheit  letzter  Schluß  sein.  Wir  sollten  vielmehr  bestrebt  sein,  alles  zu
tun,  um  die  bestehenden  Industrien  zu  erhalten.  Sicherlich  muß  auch  hier  alles  versucht  werden,  um  neue
Industrien  anzusiedeln.  Föne  intensive  Verbesserung  unserer  gesamten  Wirtschaftssituation  wird  nur  dann
zu  erreichen  sein,  wenn  die  bestehenden  Grundindustrien  ihre  eigene  Produktion  um  weitere  Programme
erweitern,  um  so  gegen  die  jeweiligen  Konjunkturerscheinungen  mehr  oder  weniger  krisenunempfindlich
zu  sein.“,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  39.  Sitzung  v.  13.1  1.63,  S.  1432.
56 LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  42.  Sitzung  v.  15.1.64,  S.  1547  und  S.  1560.
v  „Die  Forderung  der  Selbstbescheidung,  der  Ruf  nach  Maßhalten,  antizyklisches  Verhalten  der  öffentlichen
  Hand  sollen  bei  uns  nicht  nur  Parolen  sein.“,  ebd.,  S.  1548.
58  Vor  allem  wird  dies  deutlich  bei  Kurt  Conrad,  ebd.,  S.  1553.
y>  Bei  einem  Haushaltsvolumen  von  ca.  800  Mio.  DM  betrug  die  Verschuldung  über  900  Mio.  DM,  worin
allerdings  noch  250  Mio.  DM  Altschulden  aus  der  Übergangszeit  enthalten  waren,  über  deren  Umwandlung
  in  einen  verlorenen  Zuschuß  bereits  seit  geraumer  Zeit  diskutiert  wurde,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  52.
Sitzung  v.  11.11.64.
60 Der  Finanzminister  konstruierte  ein  Beispiel,  nach  dem  eine  Grenze  erst  dann  auftrete,  wenn  der
Schuldendienst  das  Haushaltsvolumen  sprenge,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  55.  Sitzung  v.  27.1.65,  S.  2037.
Tatsächlich  wurde  im  saarländischen  Landtag  in  dieser  Frage  weitgehend  die  Ansicht  vertreten,  eine
Verschuldungsgrenze  sei  dann  erreicht,  wenn  der  Schuldendienst  des  Landes  -  also  Zinsbelastung  und
Tilgungsleistung  -  die  Einnahmen  aus  vom  Saarland  gewährten  Krediten  und  Darlehen  überschreitet  -  ein
Zustand,  der  bereits  1962  erreicht  war,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  16.  Sitzung  v.  30.1.62,  S.  571.  Später  wurde
nicht  selten  die  Finanzierung  konsumtiver,  also  nicht  zu  Investitionszwecken  ausgebrachter  Mittel,  per
Kreditaufnahme  abgelehnt,  wobei  dies  jedoch  eher  als  politische  Maßgabe  und  nicht  als  rechtliche
Vorgabe  zu  verstehen  ist,  vgl.  Eva  Lang  u,  Walter  A.S.  Koch,  Staatsverschuldung,  Staatsbankrott?,
Würzburg  1980,  hier:  S.  53.

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