Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Instrumentarium  bereit/  In  unternehmensbezogenen  Forschungsarbeiten,  präzisen
Analysen  der  regionalen  Wirtschaftsstruktur  und  auch  in  Untersuchungen  über  die
Auswirkungen  der  peripheren  Lage  des  Industriegebiets  im  Grenzraum  konnten  damit
in  interdisziplinärer  Zusammenarbeit  bereits  wichtige  Faktoren  für  die  strukturellen
Veränderungen  im  Saarland  während  der  60er  Jahre  bestimmt  werden.2*  Allerdings
läßt  schon  der  weiterhin  überdurchschnittlich  hohe  Industrialisierungsgrad  und  auch
der  weiterhin  hohe  Anteil  an  Industriearbeitsplätzen  im  Saarland  Zweifel  daran
aufkommen,  daß  diese  Vorgänge  als  „Entindustrialisierung“  angemessen  beschrieben
werden  können.24 30  Erst  recht  gilt  dies  in  der  Perspektive  der  Landespolitik:  Anders  als
der  Beitrag  des  Bergbaus  zur  Wirtschaftskraft  des  Landes  -  und  zur  Wohlstandssicherung
  für  viele  Menschen  -  erwarten  läßt,  waren  nämlich  die  Vorteile  aus  dem
Aufschwung  der  Kohlewirtschaft  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  für  die  Finanzkraft
von  Land  und  Kommunen  im  Saarland  eher  gering  einzuschätzen.  Die  ungünstige
Kosten-  und  Sortenstruktur  der  saarländischen  Kohleproduktion  führte  damals  schon
zu  einer  ausgeprägten  Ertragsschwäche,  während  gewisse  Aspekte  der  zentralisierten
Organisation  der  Steinkohlenwirtschaft  in  einem  durch  die  Régie  des  Mines  französisch
  dominierten  Staatsuntemehmen  die  Steuereinnahmen  des  Saarlandes  aus  der
Kohle  weiter  reduzierten.'11  Auch  die  Konjunkturabhängigkeit  des  Sektors,  die  die
regionale  Wirtschaft  immer  wieder  mit  starken  Schwankungen  belastete,  und  die
teilweise  aus  der  speziellen  politischen  Geschichte  resultierende  geringe  Verflechtung
der  Branchen  innerhalb  des  Industriegebiets  und  der  Wirtschaftsregion  mit  den

:  Vgl.  hierzu  die  Sammelbände  von  Joachim  Jens  Hesse  (Hg.),  Die  Erneuerung  alter  Industrieregionen.
Ökonomischer  Strukturwandel  und  Regionalpolitik  im  internationalen  Vergleich,  Baden-Baden  1988;
Manfred  Hommel  (Hg.),  Umbau  alter  Industrieregionen,  Stuttgart  1995  (=49.  Deutscher  Geographentag
Bochum  1);  Hartmut  Häußermann  (Hg.),  Ökonomie  und  Politik  in  alten  Industrieregionen  Europas.
Probleme  der  Stadt-  und  Regionalentwicklung  in  Deutschland,  Frankreich,  Großbritannien  und  Italien,
Basel  u.a.  1992  (=  Stadtforschung  aktuell  36);  Rainer  Schulze  (Hg.),  Industrieregionen  im  Umbruch.
Historische  Voraussetzungen  und  Verlaufsmuster  des  regionalen  Strukturwandels  im  europäischen
Vergleich,  Essen  1993  (=  Veröffentlichungen  des  Instituts  zur  Erforschung  der  Europäischen  Arbeiterbewegung
  3);  Heiderose  Rüper  u.  Dieter  Rehfeld  (Hgg.),  Konzern  und  Region.  Zwischen  Rückzug  und
neuer  Integration  -  internationale  vergleichende  Studien  über  Montan-  und  Automobilregionen,  Münster
1994.
28  Peter  Dörrenbächer,  Unternehmerische  Anpassungsprozesse.  Ein  industriegeographisches  Arbeitsmodell,
  dargestellt  am  Beispiel  der  Saarbergwerke  AG,  Saarbrücken  1992  (=  Arbeiten  aus  dem  Geographischen
  Institut  der  Universität  des  Saarlandes  38).  Karl  Mathias  (Hg.),  Wirtschaftsgeographie  des  Saarlandes.
  Ein  Beitrag  zur  Landeskunde,  Saarbrücken  1980.  Dietrich  Soyez  u.a.  (Hgg.),  Das  Saarland.  Bd.  1
Beharrung  und  Wandel  in  einem  peripheren  Grenzraum,  Saarbrücken  1989  (=  Arbeiten  aus  dem  Geographischen
  Institut  der  Universität  des  Saarlandes  36).
29  Kritisch  zu  diesem  ursprünglich  aus  der  politischen  Diskussion  der  70er  Jahre  über  die  britische
Wirtschaft  stammenden  Konzept  argumentiert  schon:  Helmut  Lindner,  Die  De-lndustrialisierungsthese.
Eine  Analyse  ihrer  empirisch-statistischen  Grundlagen,  Tübingen  1987.  Seine  Analyse  der  internationalen
Forschung  zu  diesem  Begriff  zeigt,  daß  seine  Verortung  im  Kontext  der  Drei-Sektoren-Hypothese  eine
Besonderheit  der  deutschsprachigen  Perzeption  darstellt.  Deren  Erklärungswert  jedoch  ist  selbst  für  die
„eigentliche  De-Industrialisierungsphase“,  die  von  Lindner  auf  Basis  umfangreicher  statistischer  Analysen
erst  in  den  70er  Jahren  angesetzt  wird,  eher  gering  einzuschätzen;  vgl.  ebd.,  S.  4,  S.  167  und  S.  309.
30  Sylvie  Lefèvre,  Das  Saarland  und  die  Wirtschaftsunion  mit  Frankreich  (1949-1955),  in:  Hudemann,
Jellonnek  u.  Rauls  (Hgg.),  Grenz-Fall,  S.  427-443.

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