einer der Leitlinien zur Ausgestaltung der Übergangszeit folgend - so, daß es Hauptaufgabe
sein müsse, die „Erblast“ aus der besonderen politischen Vergangenheit des
Saarlandes zu überwinden. Dabei war man sich ganz im Sinne der am 13. Dezember
1956 getroffenen Grundsatzentscheidung sicher, auf das Funktionieren der hierfür
erarbeiteten Instrumente vertrauen zu können, die großteils auch rechtlich kodifiziert
worden waren. Übereinstimmung herrschte darüber auch mit den meisten zeitgenössischen
Beobachtern und Analysten der Saarwirtschaft. "
Einige Risse erhielt dieser Konsens allerdings schon in der Debatte um die Folgen der
Anfang 1961 beschlossenen DM-Aufwertung, in deren Verlauf die SVP einen Widerspruch
aufdeckte zwischen der allgemein verbreiteten Sichtweise der erfolgreichen
Eingliederung und der öffentlichen Stellungnahme der Landesregierung zu der
Währungsmaßnahme, die das Land in einer wirtschaftlich „schwierigen Zeit“ getroffen
habe.’6 Besorgnis über die ökonomische Lage wurde auch im Kontext der Haushaltsberatungen
Ende 1961 geäußert: Kurt Conrad wertete die sich zunehmend
verschlechternde Finanzsituation als „Alarmzeichen“ für eine ungünstige Entwicklung
des Landes, das gegenüber der Bundesrepublik immer mehr zurückbleibe.* 37
Damit entwickelte die parlamentarische Opposition schrittweise eine Perspektive, die
insbesondere das Sinken der Industriebeschäftigung bzw. die Stagnation der Beschäftigung
insgesamt und die daraus resultierenden Finanzprobleme3* kritisierte.
55 Sehr deutlich wird dies in der Analyse von Peter Weiant, in deren erster Auflage von 1958 ausführlich
die Vorgeschichte des Saarvertrags und die Vorbelastungen der Saarwirtschaft aus der Zeit der Teilautonomie
erörtert wurden, vgl. Weiant, Saar, S. 1-8. Zuletzt vertrat Manfred Schäfer den Standpunkt, daß
die ungünstige Situation des Saarlandes in den 60er Jahren auf Fehlentwicklungen in der Zeit der Teilautonomie
zurückzufuhren sei, vgl. hierzu seine Intervention in: Hudemann u. Poidevin (Hgg.), Saar,
S. 229-231. ln der zweiten Auflage des Artikels von Weiant aus dem Jahr 1965 dagegen wurde dieser
Aspekt sehr viel weniger stark betont, vielmehr wurde der Grund für die unzureichende Wirtschaftsentwicklung
im Saarland bei dem „noch im Gange“ befindlichen Anpassungsprozeß gesucht. Walter
Schütz u. Peter Weiant, Die Saar und ihre Wirtschaft, o.O 1965 (= Bundesfirmenregister 1965/66,
Sonderdruck), S. 20.
36 LTDS, 4. WP, Abt. I, 7. Sitzung v. 18.4.61, S. 167. Die Aufwertung der DM, gegen die sich die Bundesregierung
aus innenpolitischen Erwägungen - 1961 war ein Wahljahr - lange gesträubt hatte, ist in den
Kontext der Politik einzuordnen, die nach dem Tiefpunkt 1958 wieder stark expansive konjunkturelle
Entwicklung der Bundesrepublik einzudämmen, die insbesondere unter außenhandelspolitischen Gesichtspunkten
zu großen Problemen geführt hatte, vgl. Helge Berger, Konjunkturpolitik, S. 134ff.
37 Dies wurde von Regierungsseite allerdings mit dem Hinweis auf konjunkturelle Ungleichgewichte,
besonders im Stahlsektor, gekontert, LTDS, 4. WP, Abt. I, 13. Sitzung v. 7.11.61, S. 470fT.
3S Hermann Trittelvitz (SPD) in: LTDS, 4. WP, Abt. 1, 29. Sitzung v. 18.12.62, S. 1159. Sehr deutlich Kurt
Conrad (SPD): „Der Herr Kollege Bulle hat vorhin gesagt, wir könnten nur vom Zuwachs des Bruttosozialprodukts
leben. Herr Kollege Bulle, dann müßten wir morgen sterben, denn wir haben keinen Zuwachs
des Bruttosozialprodukts. Nehmen Sie das einmal zur Kenntnis. Wir liegen in den letzten zehn Jahren
unter zwei Prozent.“, LTDS, 4. WP, Abt. I, 42. Sitzung v. 15.1.64, S. 1560. Vgl. hierzu auch: Otto
Buchheit, Wirtschaftliche Strukturverbesserung ist notwendig. Die Entwicklung des Arbeitsmarktes seit
Juli 1959, in: Die Arbeitskammer. Zeitschrift der Arbeitskammer des Saarlandes 8 (1960), S. 251-252.
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