Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

einer  der  Leitlinien  zur  Ausgestaltung  der  Übergangszeit  folgend  -  so,  daß  es  Hauptaufgabe
  sein  müsse,  die  „Erblast“  aus  der  besonderen  politischen  Vergangenheit  des
Saarlandes  zu  überwinden.  Dabei  war  man  sich  ganz  im  Sinne  der  am  13.  Dezember
1956  getroffenen  Grundsatzentscheidung  sicher,  auf  das  Funktionieren  der  hierfür
erarbeiteten  Instrumente  vertrauen  zu  können,  die  großteils  auch  rechtlich  kodifiziert
worden  waren.  Übereinstimmung  herrschte  darüber  auch  mit  den  meisten  zeitgenössischen
  Beobachtern  und  Analysten  der  Saarwirtschaft.  "
Einige  Risse  erhielt  dieser  Konsens  allerdings  schon  in  der  Debatte  um  die  Folgen  der
Anfang  1961  beschlossenen  DM-Aufwertung,  in  deren  Verlauf  die  SVP  einen  Widerspruch
  aufdeckte  zwischen  der  allgemein  verbreiteten  Sichtweise  der  erfolgreichen
Eingliederung  und  der  öffentlichen  Stellungnahme  der  Landesregierung  zu  der
Währungsmaßnahme,  die  das  Land  in  einer  wirtschaftlich  „schwierigen  Zeit“  getroffen
  habe.’6  Besorgnis  über  die  ökonomische  Lage  wurde  auch  im  Kontext  der  Haushaltsberatungen
  Ende  1961  geäußert:  Kurt  Conrad  wertete  die  sich  zunehmend
verschlechternde  Finanzsituation  als  „Alarmzeichen“  für  eine  ungünstige  Entwicklung
  des  Landes,  das  gegenüber  der  Bundesrepublik  immer  mehr  zurückbleibe.* 37
Damit  entwickelte  die  parlamentarische  Opposition  schrittweise  eine  Perspektive,  die
insbesondere  das  Sinken  der  Industriebeschäftigung  bzw.  die  Stagnation  der  Beschäftigung
  insgesamt  und  die  daraus  resultierenden  Finanzprobleme3*  kritisierte.

55  Sehr  deutlich  wird  dies  in  der  Analyse  von  Peter  Weiant,  in  deren  erster  Auflage  von  1958  ausführlich
die  Vorgeschichte  des  Saarvertrags  und  die  Vorbelastungen  der  Saarwirtschaft  aus  der  Zeit  der  Teilautonomie
  erörtert  wurden,  vgl.  Weiant,  Saar,  S.  1-8.  Zuletzt  vertrat  Manfred  Schäfer  den  Standpunkt,  daß
die  ungünstige  Situation  des  Saarlandes  in  den  60er  Jahren  auf  Fehlentwicklungen  in  der  Zeit  der  Teilautonomie
  zurückzufuhren  sei,  vgl.  hierzu  seine  Intervention  in:  Hudemann  u.  Poidevin  (Hgg.),  Saar,
S.  229-231.  ln  der  zweiten  Auflage  des  Artikels  von  Weiant  aus  dem  Jahr  1965  dagegen  wurde  dieser
Aspekt  sehr  viel  weniger  stark  betont,  vielmehr  wurde  der  Grund  für  die  unzureichende  Wirtschaftsentwicklung
  im  Saarland  bei  dem  „noch  im  Gange“  befindlichen  Anpassungsprozeß  gesucht.  Walter
Schütz  u.  Peter  Weiant,  Die  Saar  und  ihre  Wirtschaft,  o.O  1965  (=  Bundesfirmenregister  1965/66,
Sonderdruck),  S.  20.
36  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  7.  Sitzung  v.  18.4.61,  S.  167.  Die  Aufwertung  der  DM,  gegen  die  sich  die  Bundesregierung
  aus  innenpolitischen  Erwägungen  -  1961  war  ein  Wahljahr  -  lange  gesträubt  hatte,  ist  in  den
Kontext  der  Politik  einzuordnen,  die  nach  dem  Tiefpunkt  1958  wieder  stark  expansive  konjunkturelle
Entwicklung  der  Bundesrepublik  einzudämmen,  die  insbesondere  unter  außenhandelspolitischen  Gesichtspunkten
  zu  großen  Problemen  geführt  hatte,  vgl.  Helge  Berger,  Konjunkturpolitik,  S.  134ff.
37  Dies  wurde  von  Regierungsseite  allerdings  mit  dem  Hinweis  auf  konjunkturelle  Ungleichgewichte,
besonders  im  Stahlsektor,  gekontert,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  13.  Sitzung  v.  7.11.61,  S.  470fT.
3S Hermann  Trittelvitz  (SPD)  in:  LTDS,  4.  WP,  Abt.  1,  29.  Sitzung  v.  18.12.62,  S.  1159.  Sehr  deutlich  Kurt
Conrad  (SPD):  „Der  Herr  Kollege  Bulle  hat  vorhin  gesagt,  wir  könnten  nur  vom  Zuwachs  des  Bruttosozialprodukts
  leben.  Herr  Kollege  Bulle,  dann  müßten  wir  morgen  sterben,  denn  wir  haben  keinen  Zuwachs
des  Bruttosozialprodukts.  Nehmen  Sie  das  einmal  zur  Kenntnis.  Wir  liegen  in  den  letzten  zehn  Jahren
unter  zwei  Prozent.“,  LTDS,  4.  WP,  Abt.  I,  42.  Sitzung  v.  15.1.64,  S.  1560.  Vgl.  hierzu  auch:  Otto
Buchheit,  Wirtschaftliche  Strukturverbesserung  ist  notwendig.  Die  Entwicklung  des  Arbeitsmarktes  seit
Juli  1959,  in:  Die  Arbeitskammer.  Zeitschrift  der  Arbeitskammer  des  Saarlandes  8  (1960),  S.  251-252.

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