Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Strukturierung  der  Saarbergwerke  AG,  aber  auch  der  Wirtschartsregion  betrieben
w  urde.20  Zuletzt  kam  Olaf  Sievert  zu  dem  Urteil,  daß  „die  Umstrukturierung  der  Saarw'irtschaft
  ...  keine  Story  des  Mißerfolgs“  war.2’0
Ein  sehr  wichtiges  Kriterium  für  die  Bewertung  der  Politik  im  Saarland  zu  Anfang
der  60er  Jahre  ist  daher  die  Frage  der  Perzeption  struktureller  Veränderungen  als
regionaler  Strukturwandel.  Hans-Christian  Herrmann  kam  diesbezüglich  zu  dem
Schluß,  daß  eine  angemessene  und  rechtzeitige  Perzeption  der  ungünstigen  wirtschaftlichen
  Entwicklung  im  Saarland  unterblieb,  weil  regionale  Meinungskartelle
  der  dominierenden  Wirtschartszweige  dies  anfangs  verhinderten.  Der  regionale
Strukturwandel  wurde  daher  „nicht  sichtbar“,’1  und  die  daraus  resultierenden  Probleme
  wurden  so  auch  nicht  erfolgreich  bearbeitet.
1.1.2 Finanzpolitik  in  einer  alternden  Industrieregion
Indizien  dafür  liefert  die  zeitgenössische  wirtschaftspolitische  Diskussionen  durchaus.
  Hatte  in  der  Phase  der  unmittelbaren  Eingliederung  noch  eine  gewisse  Nervosität
in  Hinblick  auf  das  Gelingen  der  Eingliederung  geherrscht  -  erinnert  sei  an  dieser
Stelle  nur  an  das  Umschlagen  von  Strukturpolitik  zu  eher  konjunkturell  orientierten
Ansätzen  erzeugten  die  in  den  folgenden  Monaten  günstigen  wirtschaftlichen  Indikatoren
  zunächst  Zuversicht  und  Zufriedenheit.  Am  deutlichsten  zeigte  sich  diese
Zufriedenheit  an  der  Diskussion  um  die  im  April  1960  von  Heinrieh  Schneider
geprägte  Formel  vom  Saarland  als  wirtschaftlich  „unterentwickeltem“  Land.  Diese
Formel  hatte  sich  Anfang  1961  bereits  verselbständigt  und  wurde  allgemein  als  grob
unangemessene  Beschreibung  der  ökonomischen  Stellung  des  Saarlandes  angesehen.29
 32  Zwar  zögerte  die  parlamentarische  Opposition  aus  SPD  und  SVP  nicht,  die
Regierung  mit  dem  Argument  zu  kritisieren,  sie  habe  während  der  Übergangszeit
manche  Chancen  vertan,  die  sich  aus  den  Hilfen  des  Bundes  ergeben  hätten,  wodurch
„der  Umstellungsprozeß  vielfach  daneben  gegangen  ist“,33  insgesamt  befand  sich  aber
aueh  die  SPD  im  Konsens  mit  dem  amtierenden  Wirtschaftsminister  Eugen  Huthmacher,
  der  diesen  Schwierigkeiten  allenfalls  die  Qualität  von  „Randerscheinungen“
zuzumessen  bereit  war.34  Weite  Teile  der  saarländischen  Politik  interpretierten  dies  -

29  Albert  Seyler,  Die  regionalwirtschaftlichen  Auswirkungen  der  Stillegungen  und  Einschränkungen  im
Steinkohlenbergbau  und  der  getroffenen  Maßnahmen  zur  Umstrukturierung  im  Saarland,  Brüssel  1972
(=  Kommission  der  Europäischen  Gemeinschaften  (Hg.),  Hefte  für  die  industrielle  Umstellung  23),  S.  29fT.
Deutlich  kritischer  gegenüber  den  frühen  Restrukturierungsmaßnahmen  argumentiert  dagegen  die
Darstellung  der  Saarbergwerke  selber,  vgl,  Saarbergwerke  AG  (Hg.),  25  Jahre,  S.  70ff.
30  Olaf  Sievert  u.a.,  Zur  Standortqualität  des  Saarlandes,  St.  Ingbert  1991,  S.  4.
31  Hans-Christian  Herrmann,  Bilanz,  S.  32  lf.
32  Zitat:  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  81.  Sitzung  v.  14.4.60,  S.  2188.  Vgl.  dazu  die  Diskussion  in:  LTDS,  4.  WP,
Abt.  I,  4.  Sitzung  v.  20.1.61,  S.  48ff.
33  So  Kurt  Wolf  (SVP),  ebd.,  S.  63.
34  Ebd.,  S.  74.  Der  Satz  „Die  wirtschaftliche  Eingliederung  als  solche  ist,  insgesamt  gesehen,  zufriedenstellend
  verlaufen.“  entwickelte  sich  geradezu  zu  einem  Credo  der  ersten  parlamentarischen  Debatten  in
der  vierten  Wahlperiode.

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