Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

Perspektive  wurde  auch  deutlich,  daß  die  unterschiedlichen  institutionellen  und
rechtlichen  Rahmenbedingungen  von  Regionalpolitik  in  den  Staaten  der  westlichen
Welt  „das  größte  methodische  Problem  bei  internationalen  Regionalvergleichen“
darstellen.2'  Die  Einbeziehung  der  „institutionell-organisatorischen  Ebene“  von  Regionalpolitik
  macht  es  daher  nötig,  strukturelle  Veränderungen  in  der  Wirtschaft  als
eine  „umfassende,  weit  über  ökonomische  Anpassungsleistungen  hinausgehende
Aufgabe“  für  Regionen  anzusehen,  der  sich  regionale  Akteure  in  einer  Art  „Lernvorgang“
  stellten.* 24 26  In  den  Vordergrund  rücken  in  dieser  Perspektive  die  Kommunikations-
  und  Handlungsnetzwerke  regionaler  Akteure,  die  angesichts  des  durch  den
Strukturwandel  ausgelösten  Problemdrucks  auf  eine  regionsspezifische  Weise  aktiviert
  wurden.2>
Diese  regionsspezifische  Aktivierung  von  regionalen  Akteuren  bot  bei  der  Bewertung
der  wirtschaftlichen  Veränderungen  im  Saarland  zu  Anfang  der  60er  Jahre  und  bei
der  politischen  Bearbeitung  von  daraus  resultierenden  Problemen  Anlaß  fiir  heftige
Kontroversen.  Mit  der  Stagnationskrise  trat  zu  Anfang  der  60er  Jahre  eine  wirtschaftliche
  Entwicklung  ein,  die  weder  mit  den  an  die  Eingliederung  verbundenen
Erwartungen  noch  mit  dem  Wirtschaftswunder  der  Bundesrepublik  in  Übereinstimmung
  zu  bringen  war.  Anhand  einer  Analyse  der  Entwicklung  des  Bruttosozialproduktes
  konnte  diese  ungünstige  Entwicklung  als  relative  Depression  des  ganzen
Bundeslandes  dargestellt  werden.2'1  Insbesondere  aus  der  Perspektive  der  Stahlkrise

Eine  vergleichende  Analyse.  Gutachten  im  Auftrag  des  Bundesministers  für  Wirtschaft,  Tübingen  1986.
Hans-Ulrich  Jung,  Regionales  Wachstum  und  räumliche  Verteilung  von  Bevölkerung  und  wirtschaftlichen
Aktivitäten.  Eine  Untersuchung  räumlicher  Ungleichgewichte  in  Hessen  für  den  Zeitraum  1960-1980,
Hannover  1982  (=  Jahrbuch  der  Geographischen  Gesellschaft).
:  '  Hommel,  Erneuerung,  S.  182.  Zudem  wird  durch  das  hier  letztlich  unterstellte  Primat  der  Industriepolitik
gegenüber  regionalen  Politikansätzen  die  Rolle  der  Regionen  leicht  auf  die  Aufgabe  der  Regionalisierung
sektoral  ausgerichteter,  nationaler  Programmatik  reduziert.  Diese  Perspektive  wird  z.B.  bevorzugt  von
Joachim  Jens  Hesse,  Europäische  Regionen  zwischen  Integrationsanspruch  und  neuem  Regionalismus,  in:
Blotevogel  (Hg.),  Europäische  Regionen,  S.  11-25,  bes.  S.  19iT.
24  Heiderose  Kilper,  Erich  Latniak,  Dieter  Rehfeld  u.  Georg  Simonis,  Das  Ruhrgebiet  im  Umbruch.
Strategien  regionaler  Verflechtung,  Opladen  1994,  S.  13f.  Gernot  Grabher,  Wachstums-Koalitionen  und
Verhinderungs-Allianzen.  Entwicklungsimpulse  und  -blockierungen  durch  regionale  Netzwerke,  in:
Informationen  zur  Raumentwicklung  H.  1  1  (1993),  S.  749-758.
25  Vgl.  hierzu:  Hommel,  Erneuerung,  S.  186.  Stark  auf  das  Ruhrgebiet  bezogen:  Manfred  Hommel  (Hg.),
Umbau  alter  Industrieregionen,  Stuttgart  1995  (=  49.  Deutscher  Geographentag  Bochum  1).  Nach  diesem
Ansatz  ist  verstärkte  Aufmerksamkeit  auf  das  „ökonomisch-politische  Klima“  zu  richten,  auf  die  Frage
also,  inwiefern  sich  „Aufbruchstimmung“  oder  „Resignation“  als  Grundmuster  des  Verhaltens  regionaler
Akteure  darstellen  lassen,  ebd.,  S.  181.  Vgl.  hierzu  auch  den  Versuch  von  Rainer  Klump,  Wirtschaftsgeschichte
  der  Bundesrepublik  Deutschland.  Zur  Kritik  neuerer  wirtschaftshistorischer  Interpretationen  aus
ordnungspolitischer  Sicht,  Wiesbaden  1985,  zur  Verknüpfung  von  Modellen  der  Wirtschaftsgeschichte
und  der  Institutionensoziologie,  der  allerdings  die  Ebene  regionaler  Akteure  weitgehend  ausblendet.  Die
Gesamtdarstellung  von  Andreas  Schlieper,  150  Jahre  Ruhrgebiet.  Ein  Kapitel  deutscher  Wirtschaftsgeschichte,
  Düsseldorf  1986,  bes.  S.  177ff.,  betont  besonders  die  negativen  Aspekte  des  Strukturwandels
im  Ruhrgebiet  und  zeichnet  so  ein  anschauliches  -  allerdings  möglicherweise  aus  einem  verkürzten
Strukturwandelbegrifif  resultierendes  -  Beispiel  für  eine  negative  Grundstimmung,  die  eine  gesamte  Region
erfaßt  hatte.
26  Roesler,  Rückgliederung,  S.  450ff.

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