Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

1 Stagnationskrise  oder  strukturelle  Krise?
1.1  Der  Regionale  Strukturwandel  als  Forschungs-  und  Perzeptionsproblem
1.1.1  Alte  Industrieregionen  im  Wirtschaftswunderland  Bundesrepublik
Die  Eingliederung  führte  das  Saarland  in  einen  Wirtschaftsraum,  der  nach  1945  eine
vergleichsweise  günstige  ökonomische  Entwicklung  durchlaufen  hatte.  Zwar  war
diese  Teil  eines  Booms,  der  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg  die  meisten  Industriestaaten
Europas  prägte,1  trotzdem  wurde  das  „Wirtschaftswunder“  aus  zeitgenössischer  saarländischer
  Perspektive  als  eine  Besonderheit  der  Bundesrepublik  angesehen.2 3  In  der
Forschung  entw  ickelte  sich  aus  der  Frage  nach  dieser  Sonderstellung  eine  Diskussion
um  die  „langen  Fünfziger“  und  eine  lebhafte  Kontroverse  um  die  Periodisierung  der
Geschichte  der  frühen  Bundesrepublik  im  „Goldenen  Zeitalter“,  in  deren  Verlauf
strukturelle  Elemente  des  Booms  in  der  Bundesrepublik  herausgearbeitet  werden
konnten.  '  Die  Nachkriegsentwicklung  der  bundesdeutschen  Wirtschaft  erfolgte  durch
das  „Aufsaugen“  traditioneller  Wirtschaftssektoren,  während  der  schnelle  Wandel  der
Sektorstrukturen  in  Wachstumsbranchen4  hohe  Wachstumsraten  sicherte.  Es  entstand

1  Hartmut  Kaelble  (Hg,),  Der  Boom  1948-1973.  Gesellschaftliche  und  wirtschaftliche  Folgen  in  der
Bundesrepublik  und  in  Europa,  Opladen  1992.  Dezidiert  auf  die  weltwirtschaftlichen  Bedingungen
ausgerichtet:  Ludger  Lindlar,  Das  mißverstandene  Wirtschaftswunder.  Westdeutschland  und  die  westeuropäische
  Nachkriegsprosperität,  Tübingen  1997  (=  Schriften  zur  angewandten  Wirtschaftsforschung
77).  Einen  Überblick  über  die  verschiedenen  Ökonomischen  Erklärungsmodelle  gibt  Thomas  Bittner,  Das
westeuropäische  Wirtschaftswachstum  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg.  Eine  Analyse  unter  besonderer
Berücksichtigung  der  Planification  und  der  Sozialen  Marktwirtschaft,  Münster  2001  (=  Münsteraner
Beiträge  zur  Cliometrie  und  quantitativen  Wirtschaftsgeschichte  9).
:  Zum  „Mißverständnis“  der  „Normalität“  des  Wirtschaftswachstums  nach  dem  Zweiten  Weltkrieg:
Burkart  Lutz,  Der  kurze  Traum  immerwährender  Prosperität.  Eine  Neuinterpretation  der  industriell-kapitalistischen
  Entwicklung  im  Europa  des  20.  Jahrhunderts,  Frankfurt  a.M.  u.a.  1984,  hier  bes.:
S.  16ff.  Die  Kontroverse  über  die  Interpretation  und  Erklärung  des  Wirtschaftswunders  hat  zu  einer  schier
unübersehbaren  Fülle  von  Arbeiten  geftihrt.  Instruktive  Darstellungen  der  verschiedenen  Ansätze  bieten
Lindlar,  Wirtschaftswunder,  und  Heinen,  Saarjahre,  S.  1  lOf.
3  Werner  Abelshauser,  Die  Langen  Fünfziger  Jahre.  Wirtschaft  und  Gesellschaft  der  Bundesrepublik
Deutschland  1949-1966,  Düsseldorf  1987;  Eric  Hobsbawm,  Age  of  Extremes.  The  Short  Twentieth
Century  1914-1991,  London  1994.  Grundlegend  für  diese  Diskussion  ist  Knut  Borchardt,  Zäsuren  in  der
wirtschaftlichen  Entwicklung.  Zwei,  drei  oder  vier  Perioden?,  in:  Martin  Broszat  (Hg.),  Zäsuren  nach
1945.  Essays  zur  Periodisierung  der  deutschen  Nachkriegsgeschichte,  Oldenbourg  1990,  S.  21-33.  Einen
Überblick  über  die  Kritik  an  den  verschiedenen  Modellen  zur  Erklärung  des  „Wirtschaftswunders“  bietet
Hardach,  Marktwirtschaft,  sowie  Harm  G.  Schröter,  Von  der  Teilung  zur  Wiedervereinigung  1945-2000,
in:  Michael  North  (Hg.),  Deutsche  Wirtschaftsgeschichte.  Ein  Jahrtausend  im  Überblick,  München  2000,
S.  351-419.
4  Vgl.  hierzu  Christoph  Juen,  Die  Theorie  des  sektoralen  Strukturwandels.  Konzeptionelle  Grundlegungen,
Probleme  und  neuere  theoretische  Ansätze  zur  Erklärung  des  sektoralen  Strukturwandels,  Frankfurt  a.M.
u.a.  1983.  In  vergleichender  Perspektive  des  „Boomsektors“  chemische  Industrie  in  BRD  und  DDR:  Harm
G.  Schröter,  „Handlungspfadverengung  bis  zur  Selbstzerstörung“?  Oder:  Warum  die  chemische  Industrie
der  DDR  im  Vergleich  zu  der  der  Bundesrepublik  zwischen  1945  und  1990  so  hoffnungslos  veraltete,  in:
Baar  u.  Petzina  (Hgg.),  Wirtschaft,  S.  304-325,  sowie  Rainer  Karlsch,  „Wie  Phoenix  aus  der  Asche?“.
Rekonstruktion  und  Strukturwandel  in  der  chemischen  Industrie  in  beiden  deutschen  Staaten  bis  Mitte  der
60er  Jahre,  in:  ebd.,  S.  262-303.  Die  regionalwirtschaftliche  Problematik  im  hiervon  besonders  betroffenen
Rhein-Main-Gebiet  liefert  die  ökonometrisch  angelegte  Arbeit  von  Karl-Gerhard  Kern,  Systemanalyse  des

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