Die beiden grundlegenden Entwicklungslinien in der saarländischen Haushaltspolitik,
nämlich die Ausdehnung der laufenden Kosten und der Verzicht auf die Deckung der
Altschulden durch die Bundeshilfe zugunsten konjunkturwirksamer und strukturstabilisierender
Maßnahmen, führten zu einer krisenhaften Zuspitzung der Haushaltssituation
gegen Ende der Übergangszeit.21" Im Haushalt des Jahres 1960 wurde bei
stark schrumpfenden Ansätzen für Bauausgaben die Deckung der Altschulden der
„größte Ausgabeposten im Entwurf',* 211 nachdem die Bundesregierung - wohl auch
angesichts der nach Abbau des „Juliusturms“212 schrumpfenden Handlungsspielräume
-213 die vollständige Übernahme der Altschuiden per verlorenem Zuschuß verweigert
hatte. Die dadurch ausgelösten Deckungsprobleme zwangen die Landesregierung,
die Genehmigung zur Aufnahme von Anleihen auf dem Kapitalmarkt in erheblichem
Umfang beim Parlament zu erwirken. Diese Vorgehensweise war jedoch zum
einen mit der Gefahr belastet, daß unter der Einwirkung der verschärften Geldpolitik
des Bundes und der Bundesbank die nötigen Mittel nicht in ausreichendem Maße
fließen würden,214 und zum anderen stellte dies eine Art Vorgriff auf die im Jahr 1960
bei guter Konjunktur zu erwartende positive Weiterentwicklung der Wirtschaft dar,
die ihre Fortsetzung später durch das verstärkt eingesetzte Instrument der Bindungsermächtigungen
finden sollte.
2,0 Die Möglichkeit einer solchen Entwicklung war durchaus bereits in der Übergangszeit thematisiert
worden, damals aber nicht bis zu einer konkreten und grundsätzlichen Kritik an dieser Haushaltspolitik
weitergeführt worden. Insbesondere Ludwig Schnur hatte den Aspekt, daß am Ende der Übergangszeit die
Verschuldung unverändert geblieben sein würde, die Deckungsmöglichkeiten durch die zu erwartende
Schrumpfung der Steuereinnahmen aber geringer würden, bereits Anfang 1958 angesprochen, war damals
aber noch davon ausgegangen, daß die Restschuld dann von Bonn abzudecken sei, LTDS, 3. WP, Abt. 1,
46. Sitzung v. 12.2.58, S. 1278.
211 LTDS, 3. WP, Abt. I, 76. Sitzung v. 24.11.59, S. 2046.
212 Umfassend zur Frage des Abbaus der seit den frühen 50er Jahren angehäuften Beträge aus nicht
verausgabten Verteidigungslasten: Wilhelm Pagels, Der „Juliusturm“. Eine politologische Fallstudie zum
Verhältnis von Ökonomie, Politik und Recht in der Bundesrepublik, (Diss.) Hamburg 1979.
213 Umfassend hierzu: Heinz Anton Walz, Die Budgetpolitik des Bundes. Studie über den Bundeshaushalt
der Bundesrepublik Deutschland unter besonderer Berücksichtigung seiner historischen und politischen
Bedeutung, Heidelberg 1985. Eine mehr theoretisch angelegte Einführung bietet: Karl Häuser (Hg.),
Budgetpolitik im Wandel, Berlin 1986 (= Schriften des Vereins für Socialpolitik N.F. 149). Zur defensiven
Haushaltspolitik Schaffers siehe: Dieter Grosser, Die Rolle Fritz Schaffers als Finanzminister in den ersten
beiden Kabinetten Konrad Adenauers, in: Wolfgang J. Mückl (Hg.), Föderalismus und Finanzpolitik.
Gedenkschrift für Fritz Schaffer, Paderborn 1990 (= Rechts- und staatswissenschaftliche Veröffentlichungen
der Görres-Gesellschaft N.F. 55), S. 67-80. Zur Person Schaffers und seinem Verhältnis zum
Föderalismus: Winfried Becker, Fritz Schaffer und der Föderalismus, in: ebd., S. 9-36. Kritisch zum
„Diktat der leeren Kassen“ seines Nachfolgers Etzel: Nikolaus Adami, Die Haushaltspolitik des Bundes
von 1955 bis 1965, Bonn 1970 (= Schriftenreihe des Bundesministeriums der Finanzen 14), S. 72.
214 Umfassend zur Geldpolitik der Bundesbank und ihrer Einordnung in die allgemeine Wirtschafts- und
Finanzpolitik: Gerd Hardach, Krise und Reform der Sozialen Marktwirtschaft. Grundzüge der wirtschaftlichen
Entwicklung in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre, in: Axel Schildt, Detlef Siegfried u. Karl
Christian Lammers (Hgg.), Dynamische Zeiten. Die 60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften,
Hamburg 2000 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und Zeitgeschichte 37), S. 197-21 7. Zur regionalwirtschaftlichen
Bedeutung: Eva Kirchdörfer, Keynesianismus und seine wirtschaftspolitische Umsetzung im
Saarland 1966-1982 - Eine rezeptionshistorische Betrachtung, (Mag.Arb.) Saarbrücken 1999, S. 94.
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