Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

unabhängigen  Wirtschaftspolitik  durch  Heinrich  Schneider205  unvermittelt  aufeinander,
  ohne  daß  jedoch  eine  weitergehende  programmatische  Lösung  dieses  Problembereiches
  erreicht  worden  wäre.206
Statt  dessen  verlagerte  sich  in  den  Etatdebatten  der  Schwerpunkt  der  Wirtschaftspolitik
  von  Struktur-  zu  konjunkturpolitischen  Ansätzen.  Anfang  1959  verteidigte
Minister  Schäfer  die  Regierungspolitik  gegen  den  Vorwurf  einer  fehlenden  wirtschaftspolitischen
  Konzeption  mit  dem  Hinweis  darauf,  daß  die  Lösung  der  „Kardinalprobleme“,
  nämlich  die  Sicherung  des  Absatzes  und  der  Vollbeschäftigung,  durch
einschlägige  Maßnahmen  durchaus  erreicht  w'orden  seien.  Die  Verlagerung  des
Absatzes  dagegen  sei  „nur  teilweise  erreicht“  worden,  was  alleine  aber  nicht  als
Beweis  für  das  Scheitern  der  Übergangszeit  dienen  könne,  da  hierzu  auch  nur  recht
wenige  Einflußmöglichkeiten  bestanden  hätten.20  Wichtige  Elemente  dieser  Politik
seien,  so  Schäfer,  die  hohen  Aufwendungen  im  außerordentlichen  Etat  gewesen,  vor
allem  für  Baumaßnahmen.  Folglich  konnte  Schäfer  bei  der  Vorstellung  seines  Etatentwurfs
  für  1960  auch  die  „volle  Erhaltung  der  Arbeitsplätze  im  Saarland“  über  die
Eingliederung  hinweg  als  die  „Erfüllung  der  obersten  Zielsetzung“  saarländischer
Politik  bezeichnen.21)s  Damit  konnte  er  dann  auch  die  Entscheidung,  nicht  übertragene
Haushaltsreste  aus  den  Vorjahren  zur  Deckung  der  Altschulden  aus  der  Regierungszeit
  Hoffmanns  zu  verwenden,  inhaltlich  rechtfertigen,  da  die  während  der  Übergangszeit
  stark  gewachsenen  Ansätze  für  Baumaßnahmen  nicht  mehr  in  der  früheren
Höhe  veranschlagt  werden  mußten.200

müsse,  so  Schäfer  weiter,  die  Deckung  aller  dazu  nötigen  staatlichen  Maßnahmen  auf  jeden  Fall  sichergestellt
  sein,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  32.  Sitzung  v.  26.3.57,  S.  893.  Dieser  Gedanke  wurde  weitergeführt  zu
der  Grundfrage:  „Nach  welchen  Grundsätzen  soll  an  der  Saar  in  den  kommenden  Jahren  Finanzpolitik
betrieben  werden?  Soll  an  dem  Prinzip  des  unter  allen  Umständen  ausgeglichenden  Haushalts  festgehalten
werden,  und  muß  die  Wirtschaft  sich  notfalls  diesem  Prinzip  beugen,  oder  soll  nicht  vielmehr  die  wirtschaftspolitische
  Überlegung  der  unbedingten  Konkurrenzfähigkeit  unserer  Wirtschaft  vor  den  Etatgrundsätzen
  rangieren?“,  ebd.,  S.  895.
205  Nach  Heinrich  Schneider  gelangte  man  bei  einer  Betrachtung  der  wirtschaftspolitischen  Reden  im
Parlament  „...  zu  dem  Ergebnis,  daß  der  Fiskus  nach  rein  fiskalischen  Gesichtspunkten  gearbeitet  und  ein
Sammelsurium  von  Bestimmungen  aller  Art  in  einen  Topf  gebracht  hat,  die  jetzt  im  Landtag  mit  einem
Schub  durchgebracht  werden  sollen.  Was  diesem  Entwurf  fehlt,  ist  die  wirtschaftspolitische  Konzeption.
Wir  stellen  seit  zehn  Jahren  fest,  daß,  wenn  in  diesem  Hohen  Haus  steuerliche  Maßnahmen  beschlossen
wurden,  diese  immer  nur  von  fiskalischen  Grundsätzen  diktiert  waren.“,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  32.  Sitzung
v.  26.3.57,  S.  897.  Schneider  führte  weiter  aus,  daß  gerade  diese  Politik  zu  den  Investitionsrückständen  im
Saarland  geführt  habe,  auch,  weil  vorab  wegen  einer  zu  vorsichtigen  Schätzung  der  steuerlichen  Folgen
von  Wirtschaftsförderungsmaßnahmen  die  Einstellung  nötiger  Mittel  unterblieben  war.
206  Insbesondere  Manfred  Schäfer  sah  sich  gezwungen,  angesichts  der  weitgehenden  Forderungen  in  der
Debatte,  die  er  selber  eröffnet  hatte,  schließlich  eine  eher  defensive  Position  zu  beziehen,  indem  er  betonte,
daß  die  Möglichkeiten  der  Steuerpolitik  gar  nicht  ausreichten,  um  die  von  u.a.  Schneider  geforderte
Wiederherstellung  der  Konkurrenzfähigkeit  der  saarländischen  Industrie  zu  erreichen,  LTDS,  3.  WP,  Abt.
1,32.  Sitzung  v.  26.3.57,  S.  904.
207  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  63.  Sitzung  v.  3.3.59,  S.  1747ff.
20ii  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  76,  Sitzung  v.  24.1  1.59,  S.  2041.  Auf  die  Problematik  dieser  Politik  wies  bereits
Koch,  Steuerpolitik,  S.  17,  hin.
204  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  76.  Sitzung  v.  24.1  1.59,  S.  2046.

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