der die Bundeshilfe als Ausdruck der „Fürsorgepflicht“ des Bundes gegenüber den
Ländern wertete.16
Gegenüber diesen heftig geführten und stark grundsatzorientierten Debatten blieb die
Diskussion einzelner Haushaltsansätze zurückhaltend und unscharf. Statt dessen kam
es in dieser Phase zu Konflikten über die Prioritätensetzung im Haushalt, und zwar
über die Frage nach dem Ausgleich von sozial- und wirtschaftspolitischen Maßnahmen,
die auf Unterschiede in der programmatischen und ideologischen Grundlegung
der Parteien zurückzuführen sind. Besonders Manfred Schäfer formulierte seine
Kritik an den seiner Meinung nach zu hohen Sozialkosten des Landes - ohne aber den
Spielraum des Parlaments bei der Anpassung dieser Kosten zu präzisieren.166 Demgegenüber
legte die SPD mehrfach ein eindeutiges Bekenntnis zu dem Vorhaben der
Modernisierung der saarländischen Wirtschaft ab, das jedoch stets mit der Einschränkung
versehen wurde, daß diese „um keinen Preis und in keinem Falle zu
Lasten des Sozialetats ... zu gehen hat“.166 Trotzdem führten diese Debatten weniger
zu einem Konflikt entlang der herkömmlichen Links-Rechts-Polarisierung, sondern
waren eher Ausdruck des Versuchs der jeweiligen Politiker, in den eigenen Reihen
Übereinstimmung über Grundlinien der Politik herbeizuführen. Sehr deutlich wird
dies vor allem bei der SPD, deren Redner in nicht selten sehr komplexen Argumentationen
einerseits die Notwendigkeit von Anpassungen im Sozialsystem nicht leugneten,
andererseits aber diese Maßnahmen als „wahrhaftige“ Umsetzung des vor der
Volksabstimmung von der Partei beworbenen „Nein“ zum Saarstatut darstellten.1 "
Damit rückte die SPD-Spitze - wie auch schon zu anderen Gelegenheiten - ihren
Ansprueh als durch ihr Expertentum für die Wahrung des „sozialen Besitzstandes“
kompetente Regierungspartei in den Vordergrund. Ähnliche Konflikte zeigten sich
auch zwischen CDU, DPS und CVP beim Thema Wirtschaftspolitik. Norbert Brinkmann
versuchte die Übernahme einer Neunkirchener Metallverarbeitungsfabrik durch
den Staat als sinnvolle, weil regionalwirtschaftlich vertretbare und ordnungspolitisch
3. WP, Abt. I, 6. Sitzung v. 31.1.56, S. 126. Dieser Beitrag Schneiders, der eigentlich gar nicht in die
sonstige Darstellung des Verhältnisses Paris - Saarbrücken paßt, zeigt wohl mit am deutlichsten die
Konfusion in dieser Frage.
167 LTDS, 3. WP, Abt. I, 24. Sitzung v. 13.12.56, S. 636. Mit dieser Vorstellung stand Will in deutlichem
Gegensatz zu Schäfers Ansatz vom „Vertrauen“ gegenüber der Bundesregierung als Bedingung der
Möglichkeit, Finanztransfers zu akzeptieren, und auch im Gegensatz zur Selbstdarstellung der Regierung
besonders in dieser Sitzung, bei der es um die Verabschiedung der Beitrittserklärung ging, nach der
nämlich die Finanztransfers aufdie gute Verhandlungstührung des Kabinetts zurückzulühren seien.
I6S „Ich möchte daraufhinweisen, daß unser Sozialetat auch mit der Begründung der Angleichung an die
Bundesrepublik inzwischen ein Ausmaß angenommen hat ... [das] hinsichtlich der Leistungsfähigkeit
unserer Industrie und unserer Wirtschall vielleicht gar nicht einmal aufdie Dauer vertreten werden kann.
... Wir verlangen also mit Fug und Recht, daß wir uns den Leistungen der Bundesrepublik anpassen, wir
vergessen aber darüber, daß unsere Leistungsfähigkeit derjenigen der Bundesrepublik noch lange nicht
angepaßt ist.“, LTDS, 3. WP, Abt. 1, 18. Sitzung v. 9.7.56, S. 448.
164 Ebd., S. 449.
170 LTDS, 3. WP, Abt. I, 24. Sitzung v. 13.12.56, S. 626.
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