Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

sonders  finanzkräftig  gehalten  werden  könnte,  in  zunehmenden  Maße  auf  Anleihmittel
  angew  iesen  ist.“162
Im  Parlament  fand  die  so  vorgezeichnete  Grundlinie  der  Haushaltspolitik  nur  wenig
Präzisierung.  In  den  vergleichsweise  kurzen  Debatten  wurde  vor  allem  die  Frage  der
früheren  Finanzierungstechniken  im  Rahmen  der  Auseinandersetzung  mit  der  CVP
um  die  jüngste  Vergangenheit  aufgegriffen,  wobei  insbesondere  die  CDU-Fraktion
ihre  diesbezügliche  Kritik  scharf  vortrug.163  Mit  diesem  Debattenstil  gelang  es  jedoch
kaum,  die  Vorgängerregierungen  bzw.  die  CVP  politisch  zu  isolieren,  da  dem  Gegenargument,
  das  sich  primär  auf  den  Hinweis  auf  die  historisch  und  politisch  einzigartige
  -  und  alternativlose  -  Situation  stützte,  keine  Sachargumente  entgegengesetzt
wurden.164 165  Interessanter  dagegen  gestaltete  sich  die  Diskussion  um  die  Frage  nach
Kontinuitäten  und  Neuansätzen  in  der  saarländischen  Politik,  die  in  dieser  Schärfe
nur  anläßlich  der  Haushaltspolitik  geführt  worden  ist.  Nachdem  Franz  Schneider
ironisch  darauf  hingewiesen  hatte,  daß  er  eigentlich  von  der  neuen  Landesregierung
den  Nachweis  für  den  vom  Heimatbund  im  Abstimmungskampf  prognostizierten
„Staatsbankrott“  erwartet  habe,  führte  er  aus,  daß  Blinds  erster  Haushaltsentwurf
eigentlich  „eine  absolut  typische  und  klassische  Rede  über  das  Haushaltsgesetz  ...
gewesen“  sei.16i  In  dieser  Wertung  war  implizit  -  und  mit  vorsichtigen  Formulierungen
  auch  andeutungsweise  explizit  -  die  Kritik  enthalten,  daß  sich  der  Haushalt  in
weiten  Teilen  auf  der  Hoffnung  auf  den  Zufluß  von  Bundesmitteln  gründe.  Dieses
Argument  rief  erhebliche  Irritationen  aufSeiten  des  Heimatbundes  hervor,  die  wohl
auf  tatsächlich  bestehende  Unsicherheiten  über  das  weitere  Verhältnis  zwischen  Bund
und  dem  Saarland  zurückzufuhren  w'aren.  Die  Bandbreite  der  Reaktionen  reichte  vom
Vorwurf  Manfred  Schäfers,  die  saarländische  Autonomie  sei  eigentlich  gar  keine
gewesen,  weil  die  CVP  auf  Finanzhilfen  aus  Frankreich  habe  verzichten  müssen,  um
nicht  in  Abhängigkeit  zu  geraten,166  bis  hin  zur  Argumentation  von  Hans-Peter  Will,

163 LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  8.  Sitzung  v.  22.2.56,  S.  I  77-191,  hier:  S.  188.  Blind  gelangte  in  seiner  Analyse
der  damit  aufgeworfenen  Frage  zu  keiner  neuen  Lösung,  sondern  stellte  die  Finanzprobleme  in  den
Kontext  der  hohen  Sozialkosten  und  des  Wiederaufbaus.
163  Sehr  pointiert  hierzu  Wilhelm  Kratz.  Der  Ansatz  wurde  -  auch  von  anderen  Rednern  -  auf  die  Grundfrage
  der  rechtlichen  Stellung  des  Saarlandes  zugespitzt:  „Aus  rein  politischen  Erwägungen  zur  Errichtung
eines  autonomen  Staates  hat  man  hier  an  der  Saar  Institutionen  geschaffen  und  Geld  für  Zwecke  ausgegeben,
  wie  es  sich  kaum  ein  großer  Staat  leisten  kann.“,  LTDS,  3.  WP,  Abt.  1,  9.  Sitzung  v.  27.2.56,
S.  198ff.
164  Die  CVP  führte  als  Erklärung  für  die  Haushaltsführung  seit  1953  an,  daß  „seit  1953  eine  endgültige
Lösung  der  Saarffage  immer  wiederum,  sozusagen  stündlich,  erwartet“  wurde,  und  daß  außerdem  die
Ausweitung  der  Haushalte  als  Übertragung  der  Kriegsfolgekosten  auf  spätere  Generationen  durchaus
gerechtfertigt  gewesen  sei,  ebd„  S.  204ff.
165  Ebd.,  S.  203.
166  LTDS,  3.  WP,  Abt.  I,  9.  Sitzung  v.  27.2.56,  S.  214f.  Dieses  Argument  ist  insofern  interessant,  als  es
doch  immerhin  die  ja  eigentlich  zu  kritisierende  Haushaltsführung  unter  Johannes  Hoffmann  wenigstens
politisch  legitimiert  hat,  genauso,  wie  es  -  als  Verhaltensregel  für  die  Zukunft  verstanden  -  zur  Vorsicht  im
Umgang  mit  Bundeshilfen  mahnte.  Eine  völlig  andere  Einschätzung  lieferte  dagegen  Heinrich  Schneider,
der  der  CVP  Versäumnisse  in  der  Finanzpolitik  unterstellte,  weil  sie  1947  nicht  genügend  Mittel  von
Frankreich  für  die  Wirtschaftsforderung  eingefordert  habe:  „Paris  hätte  Ihnen  das  Geld  gegeben“,  LTDS,

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