Erklärung der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung bis in die 60er Jahre hinein
angesehen wurden,146 war der Kapitalmarkt im Saarland durch das Kehlen größerer
Privatunternehmer sowie durch die sehr restriktive französische Banken- und Kreditpolitik
nachhaltig geschwächt.14
Bereits ab 1953 schlug sich dies in einer Unterdeckung der staatlichen Haushalte
nieder. Erstmals konnte der Etat - bei stagnierenden, möglicherweise sogar rückläufigen
Ausgaben - nicht ausgeglichen werden, so daß ein Defizit von ca. 5 Mrd. FF
ausgewiesen werden mußte.148 150 Schon diese Krise war größtenteils nicht auf zu hohe
Ausgaben, sondern eher auf die zu geringen Einnahmen des Staates zurückzuführen.
Einschränkend muß allerdings daraufhingewiesen werden, daß die Entwicklung der
kommunalen Finanzen im Saarland von den Zyklen der Landeshaushalte deutlich
abwich. So fand die wachsende Finanzkrise des Landeshaushalts seit 1953 zunächst
auf der Ebene der Gemeinden keine Entsprechung, vielmehr waren dort weiterhin
steigende Einnahmen zu verzeichnen. Diese Zuwächse waren jedoch vor allem auf
die günstige Entwicklung der Gewerbesteuereinnahmen144 zurückzuführen, was sowohl
Zusammenhänge zur Entwicklung des Geldwertes herstellt als auch die Konjunkturreagibilität
kommunaler Etats verdeutlicht.1'" Weiterhin hatte der große Anteil
der Gewerbesteuer bei der Finanzierung von Gemeindehaushalten eine einseitige
146 Besondere Betonung findet vor allem die Möglichkeit zur Finanzierung von Unternehmen durch
Eigenkapital, Feldenkirchen u.a., Untemehmensfinanzierung.
14 Zur Einordnung dieses Themenkomplexes in die regionalhistorische Forschung Celia Applegate,
Reflections on the Historiography of Sub-National Places in Modem Times, in: American Historical
Review 104 (1999), S. 1 157-1182, bes. S. 1169. Ausführlich zur Organisation des Kreditwesens: Weidig,
Geldwesen, S. 1 -40, sowie Klaus Martin, Errichtung, passim. Zur Bedeutung des Kapitalmarkts für die
Wirtschaftspolitik der ersten Hälfte der 50er Jahre in Deutschland: Heiner R. Adamsen, Investitionshilfe
für die Ruhr. Wiederaufbau, Verbände und Soziale Marktwirtschaft 1948-1952, Wuppertal 1981 (=Düsseldorfer
Schriften zur Neueren Landesgeschichte und zur Geschichte Nordrhein-Westfalens 4),
S. 237fT. Die regionalwirtschaftliche Bedeutung einer angemessenen Organisation des Kapitalmarktes,
besonders unter Einbeziehung privaten Kapitals, betonen: Hesse u. Schlieper, Strukturwandel, S. 594f. Die
Nachteiligkeit des französischen Systems für die Regionalentwicklung schwerindustrieller Regionen
analysiert: Ulrich Weinstock, Regionale Wirtschaftspolitik in Frankreich. Eine Auseinandersetzung mit
ihren Problemen und Methoden, Hamburg 1968, S. 323. Eine prägnante Darstellung der wirtschaftspolitischen
Folgen der auf Frankreich ausgerichteten Kapitalmarktstruktur liefert Hellwig, Verflechtung,
S. 168.
148 Stat. Amt d. Saarl. (Hg.), Saarländische Bevölkerungs- und Wirtschaftszahlen 5 (1953), H.l S. 115.
149 Das saarländische System der Primärfinanzierung von Gemeinden durch Gewerbeertrags- und Gewerbekapitalsteuer
stellte eine Kontinuität zum deutschen Steuersystem dar, die 1951 durch eine umfangreiche
Finanzausgleichsregelung ergänzt wurde; zu den Regelungen im einzelnen: Olav Sievert u.a., Kommunaler
Finanzausgleich für das Saarland, Saarbrücken 1981, S. 7f. Allerdings führte dieses System - im Vergleich
zur französischen „patente“ - zu einer höheren Steuerbelastung saarländischer Unternehmer; vgl. Industrieund
Handelskammer des Saarlandes (Hg.), Kritische Würdigung, S. 16; Senf, Steuerprobleme, S. 27;
Bosch, Saartrage, S. 30. Andererseits war damit die in Deutschland durch die uneinheitliche Politik der
Besatzungsmächte ausgelöste Diskussion um die „Realsteuergarantie“ der Gemeinden, welche die
finanzpolitischen Debatten der frühen Bundesrepublik stark beeinflußt hatte, recht früh und konsequent
gelöst, Rüdiger Voigt, Die Auswirkungen des Finanzausgleichs zwischen Staat und Gemeinden auf die
kommunale Selbstverwaltung von 1919 bis zur Gegenwart, Berlin 1975, hier: S. 126fif.
150 Sehr kritisch zum Einfluß der Kommunen auf steuerpolitische Fragen Anfang der 50er Jahre: Senf,
Steuerprobleme, S. 26.
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