Full text : Das Saarland im doppelten Strukturwandel 1956 - 1970

auch  nach  der  Eingliederung  in  die  Bundesrepublik  nicht  existierten,  so  z.B.  die  -
recht  geringen  -  Aufwendungen  für  die  diplomatische  Vertretung  des  Saarlandes  in
Frankreich,  die  Besatzungskosten  bzw.  die  Kosten  für  die  Vertretung  Frankreichs  an
der  Saar,  aber  auch  Belastungen  durch  das  eigenständige  saarländische  Sozialsystem
oder  die  selbständig  gelührten  Eisenbahnen  und  das  Postwesen.  Diesen  besonderen
Ausgaben  stand  ein  ebenso  ungewöhnliches  System  der  Einnahmenverteilung  zwischen
  dem  Saarland  und  Frankreich  gegenüber:  Ein  Großteil  der  schwer  radizierbaren
Einnahmen  -  insbesondere  die  Mehrwertsteuer  -  wurde  nach  dem  französisch-saarländischen
  Steuer-  und  Haushaltsvertrag  als  gemeinsame  Einnahmen  geführt  und  nachträglich
  aufgeteilt.  Weiterhin  waren  nach  dem  „Vertrag  zwischen  Frankreich  und  dem
Saarland  über  den  gemeinsamen  Betrieb  der  Saargruben“  die  Saarbergwerke  weder
der  Gewerbe-  noch  der  Vermögenssteuer  unterworfen,  sondern  zahlten  statt  dessen
eine  an  die  Höhe  der  Nettoproduktion  gekoppelte  sogenannte  Bergbauabgabe.142
Neben  diesen  in  der  speziellen  völkerrechtlichen  Situation  begründeten  Besonderheiten143
  bestimmten  aber  auch  andere  Faktoren  die  saarländische  Finanzpolitik.  Außer
dem  großen  Zerstörungsgrad  durch  Kriegsschäden,  der  sich  in  hohen  Kosten  für  den
Wiederaulbau,144 145  aber  auch  in  überdurchschnittlichen  Ansätzen  für  den  Wohnungsbau
  niederschlug,  verursachte  die  saarländische  Wirtschaftsstruktur  Probleme  auf  der
Einnahmeseite  des  Landeshaushalts.  Das  relative  Gewicht  des  ertragsschwachen
Bergbaus  im  Saarland,  die  nach  anfänglichen  Erfolgen  nur  langsam  wachsende
Stahlindustrie  und  die  schwache  Ausprägung  der  weiterverarbeitenden  Industrie
führten  zu  Ausfällen  im  Bereich  der  Unternehmenssteuern.14''  Darin  lag  der  wichtigste
Grund  für  die  große  Bedeutung  von  Lohn-  und  Einkommensteuern  für  den  Landeshaushalt.
  Ein  weiteres  wichtiges  Element  der  saarländischen  Finanzsituation
stellte  der  eigentümlich  strukturierte  Kapitalmarkt  dar.  Während  z.B.  in  der  Bundesrepublik
  die  Leistungsfähigkeit  des  Kapitalmarkts,  aber  auch  die  Refinanzierungsmöglichkeiten
  für  Unternehmen  durch  privates  Kapital  als  zentrale  Faktoren  für  die
142  Vgl.  hierzu  den  „Vertrag  zwischen  Frankreich  und  dem  Saarland  über  den  gemeinsamen  Betrieb  der
Saargruben“,  Art.  9,  abgedruckt  in:  Regierung  des  Saarlandes  (Hg.),  Staatsverträge.
,43  Die  exakte  Quantifizierung  dieser  Sondereinflüsse  gestaltet  sich  aufgrund  der  ungünstigen  Datenlage
und  vor  allem  aufgrund  der  sehr  komplexen  Struktur  der  gegenseitigen  Verflechtung  außerordentlich
schwierig.  Einen  Ansatzpunkt  bieten  die  statistischen  Übersichten  in:  Saarland,  Ministerium  für  Wirtschaft
(Hg.),  Strukturdaten  der  Saarwirtschaft,  Saarbrücken  1956.  Nichtsdestoweniger  wurden  die  Kosten  der
Souveränität  in  der  politischen  Auseinandersetzung  vor  und  während  des  Abstimmungskampfes  oft
thematisiert.  Sehr  aufschlußreich  hierzu  das  Heimatbund-Plakat  in:  Robert  H.  Schmidt,  Saarpolitik,  Bd.  3
S.  236f.
144  Beispielhaft  für  die  auch  in  finanzpolitischer  Hinsicht  heftigen  Konflikte  zwischen  Kommunalverwaltung,
  Landesregierung  und  Besatzungsmacht  war  die  Diskussion  um  die  Neugestaltung  der  Stadt
Saarlouis,  Lutz  Hauck,  Saarlouis  nach  der  Stunde  Null.  Der  Wiederaufbau  zwischen  Tradition  und
Moderne,  Saarlouis  1998  (=  Schriften  des  Landkreises  Saarlouis  3),  hier:  S.  23-34.  Im  Landeshaushalt
hatten  die  Mittel  für  den  Wiederaufbau  mit  17,5  Mrd.  FF  im  Jahr  1953  (bei  einem  Gesamthaushalt  von  ca.
80  Mrd.  FF)  fast  genauso  große  Bedeutung  wie  die  Sozialausgaben  mit  18,6  Mrd.  FF,  Stat.  Amt  d.  Saarl.
(Hg.),  Saarländische  Bevölkerungs-  und  Wirtschaftszahlen  5  (1953),  H.  I  S.  116.
145  Sehr  deutlich  hierzu:  Stat.  Amt  d.  Saarl.  (Hg.),  Saarländische  Bevölkerungs-  und  Wirtschaftszahlen  7
(1955),  H.  1  S.  106.

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